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MV aktuell Nach dem Tod von Lina (10): Debatte um Schwimmunterricht entbrennt
Nachrichten MV aktuell Nach dem Tod von Lina (10): Debatte um Schwimmunterricht entbrennt
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05:00 05.06.2019
Nach dem tödlichen Badeunfall in der Badeanstalt Tessiner Südsee: Kleinstadt unter Schock und Trauerrosen am Todesort niedergelegt. Quelle: Stefan Tretropp
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Rostock/Waldeck

Nach dem tragischen Tod der zehnjährigen Lina aus Tessin ist eine Debatte zum Schwimmunterricht an Schulen entbrannt. Das Mädchen war am Montag im Tessiner Freibad „Südsee“ ertrunken. Sie hatte nach Auskunft der Schule keinen Schwimmnachweis.

Hintergrund: Schwimmen ist in MV bereits Bestandteil des Rahmenplans für die Grundschule/Sport. Meist wird der Schwimmunterricht in die Sportstunden der dritten Klasse integriert. Die Tessiner Schule bietet – wie andere ländlich gelegene Schulen – allerdings keinen regelmäßigen Schwimmunterricht an.

Am Montag ist ein Mädchen im Tessiner Südsee ertrunken. Die ganze Stadt ist betroffen und zeigt ihre Anteilnahme mit Rosen am Unglücksort.

SPD und Linke gespaltener Meinung

Linken-Fraktionschefin Simone Oldenburg (Linke) ist die Situation seit Jahren ein Dorn im Auge. Mehrfach wurde das Thema im Landtag behandelt. „Obwohl Schwimmen bereits verpflichtend ist, wissen wir, dass es einige Schulen gibt, die keinen Unterricht anbieten“, sagt Oldenburg. Das Problem seien die hohen Kosten. Der Schulträger, oft Kommunen, müssten die Anreisen und angemieteten Bahnen zahlen. Oldenburg fordert: „Wir können nicht alles den Kommunen aufhalsen und wollen, dass sich das Land mit 50 Prozent an den Kosten beteiligt.“

Der hochschulpolitische Sprecher der SPD in MV, Dirk Stamer, sieht das etwas anders: „Der Eindruck, die Kinder in unserem Land könnten nicht ausreichend schwimmen und es gäbe keine Unterstützung der Landesregierung für außerschulischen Schwimmunterricht, ist falsch. Der Landessportbund erhält Mittel, die er an den Landesschwimmverband und die DLRG weiterbewilligt. 80 Prozent der Kinder der Jahrgangsstufe 4 haben mindestens Grundfertigkeiten im Schwimmen.“

DLRG: 59 Prozent der Zehnjährigen können nicht schwimmen

Völlig anders schätzt das der Sprecher des DLRG-Landesverbandes MV, Thorsten Erdmann, ein. Geht man nach den Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), steigt das Risiko, dass so ein Unglück wie in Tessin wieder passieren kann. 59 Prozent der Kinder im Alter von zehn Jahren könnten nach einer von der DLRG beauftragten Forsa-Studie nicht sicher schwimmen. „Der Zahl der Kinder, die im Grundschulalter nicht schwimmen können, nimmt zu“, warnt Erdmann.

Als sichere Schwimmer gelten Kinder, wenn sie das Jugendschwimmabzeichen in Bronze abgelegt haben. „Das Seepferdchen allein reicht nicht aus. Damit kann man sich noch nicht sicher über dem Wasser halten und mit Wellen oder ähnlichen Hindernissen umgehen“, erklärt Erdmann. Gerade einmal 27 Prozent der Kinder würden überhaupt das Seepferdchen in der Schule ablegen.

Mit Schwimmlagern gegen Bädersterben

In den Hansestädten Wismar, Rostock, Greifswald und Stralsund ist laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) die Situation, was den Schwimmunterricht betrifft, gut. Die Hanse- und Universitätsstadt Rostock sieht sich beispielsweise gern in der Pflicht, die Schwimmzeiten zu garantieren sowie einen kostenfreien Transport mit Bus und Bahn zu gewährleisten, sagt Kerstin Kanaa. In Stralsund bieten alle Schulen in der dritten und vierten Klasse Schwimmunterricht an. Dafür hat die Stadt das Sportbad „Hansedom“ gemietet, das Montag bis Freitag von 7.30 bis 14.50 Uhr zur Verfügung stellt, erklärt Stadtsprecher Peter Koslik.

Im Landesinneren sieht die Situation schlechter aus. „Denn in vielen Orten gibt es keine Schwimmhalle oder kein Freibad. Auch das Geld für einen Bus fehlt, um die Kinder in die nächstmögliche Stadt zu bringen“, erklärt DLRG-Sprecher Thorsten Erdmann.

Mit Schwimmlagern versucht die DLRG dem Bädersterben entgegenzuwirken. Am Montag ist beispielsweise in Grimmen (Landkreis Vorpommern-Rügen) eines gestartet, in denen rund 100 Schüler der Grundschule und des Förderzentrums das Schwimmen erlernen sollen. Wie Rettungsschwimmer Mario Goß erklärt, sind rund 70 Prozent der Teilnehmer Nichtschwimmer. Ähnliche Schwimmlager gibt es auch in Rerik (Landkreis Rostock) und in Thiessow auf Rügen. DLRG-Sprecher Erdmann appelliert aber auch: „Die Verantwortung darf nicht nur auf die Schulen geschoben werden, auch die Eltern sollten sich der Gefahren bewusst sein und die Kinder an das Schwimmen oder Kurse heranführen.“

Ausgebildete Sportlehrer fehlen

CDU-Fraktionschef Vincent Kokert betont, dass sich das Land bereits „mit verschiedenen parlamentarischen Initiativen seit 2017 zur Verbesserung der Schwimmfähigkeit eingesetzt“ habe. „Tragische Badeunfälle bestätigen mich in meiner Auffassung, dass jedes Kind in Mecklenburg-Vorpommern nach Ende der 4. Klasse sicher und alleine schwimmen können muss.“

Ein weiteres Problem sei, dass es nicht mehr genügend Sportlehrer gebe, die als Rettungsschwimmer ausgebildet seien, betont Linkenchefin Simone Oldenburg. Diese Nöte schildert auch der Tessiner Schulleiter Ulrich Ziolkowski: Trotz guter Voraussetzungen mit dem Südsee vor der Tür scheitere der Schwimmunterricht am Lehrpersonal. Ein Rettungsschwimmer in der Badeanstalt allein dürfe kein Schulschwimmen geben. „Es muss ein Schwimmpädagoge dabei sein und den haben wir nicht“, erklärt Ziolkowski. Die Tessiner Schule sei auf die Hilfe von Nachbarschulen angewiesen.

Die OZ hat sich in Rostock umgehört und Meinungen zum Thema gesammelt.

Sprachnachricht sorgt für Aufregung

In der Region Tessin hat gestern die Sprachnachricht eines Mädchens, das offenbar Zeugin des Vorfalls wurde, für Aufregung gesorgt. Darin erhebt sie schwere Vorwürfe gegen den Bademeister.

Das Kind schildert darin, wie ihre Mitschülerin Lina noch hinter ihr schwamm, als sie auf dem Weg zu einer Sprung-Insel waren, die im Schwimmerbereich liegt. Sie spricht davon, dass die Zehnjährige bereits seltsam atmete und sie noch zu ihr zurückgeschwommen sei, um zu fragen, ob alles gut sei. Lina habe ihr aber zu verstehen gegeben, dass sie schon vorweg schwimmen solle. Nach dem Sprung von der Insel sei Lina dann aber nicht wieder aufgetaucht und die Mitschüler hätten besorgt dem Bademeister Bescheid gegeben.

Er hätte zunächst jedoch nicht reagiert, sie sollten erst mal bei den Toiletten nachschauen und suchen. Erst nach mehrmaliger Aufforderung habe er sich zum Wasser begeben. „Wir nehmen das ernst und werden das natürlich prüfen“, kündigt die Tessiner Bürgermeisterin Susanne Dräger an.

Polizei geht den Vorwürfen nach

Zum Zeitpunkt des tragischen Badeunfalls waren nach Auskunft der Belegschaft noch etwa 80 Gäste am See. Der Rettungsschwimmer sei darauf hingewiesen worden, dass Hilfe benötigt würde, bestätigt Tom Heller, Leiter der Freizeiteinrichtungen. Daraufhin habe er das leblose Kind aus dem Wasser geborgen und sofort mit der Reanimation begonnen. Notarzt und Rettungssanitäter wurden verständigt und waren sehr schnell zur Stelle. „Wir haben unser Möglichstes getan, die Rettungskette hat gut funktioniert“, betont Bürgermeisterin Dräger, die selbst gleich zum Unglücksort geeilt war. Die Besucher wurden gebeten, das Gelände des Südsees zu verlassen.

Bei der zuständigen Rostocker Polizei ist die Sprachnachricht des Mädchens inzwischen ebenfalls angekommen. „Die Nachricht ist uns bekannt. Alle Umstände werden geprüft, die zum tragischen Unfall geführt haben“, sagt Sprecherin Dörte Lembke. Näheres gibt sie nicht preis. Lembke verweist darauf, dass es sich um ein laufendes in solchen Fällen übliches Todesermittlungsverfahren – also kein Strafverfahren – handele. Die Staatsanwaltschaft Rostock habe unterdessen eine Obduktion der Leiche beim Amtsgericht beantragt, teilt Sprecher Harald Nowack mit.

Ein Kind ertrank im vergangenen Jahr

Das Mädchen, das am Montag im Tessiner Freizeitbad „Südsee“ ertrunken ist, ist laut Polizeiangaben die erste Badetote im Jahr 2019. Im Jahr 2018 starben an den Küsten, Binnenseen, Flüssen und Teichen in Mecklenburg-Vorpommern 25 Menschen – Höchststand in den vergangenen zehn Jahren, wie Robert Stahlberg, Sprecher der Landeswasserschutzpolizei MV, sagt. Den ersten Badetoten im vergangenen Jahr gab es am 19. April, als in der Warnow bei Kavelstorf (Landkreis Rostock) ein 19-Jähriger ertrank, der von einer Brücke in den Fluss sprang.

Kinder sind laut Stahlbergs Aussagen die Ausnahme bei den Verunglückten. „Die Hälfte der Badetoten ist über 70 Jahre alt“, sagt er. Im vergangenen Jahr ist ein Junge ertrunken. Der Siebenjährige war mit einer Feriengruppe am Thelkower Kuhlensee (Landkreis Rostock) am 6. August unterwegs gewesen und verunglückte.

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Tessin trauert um ertrunkenes Mädchen

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Ann-Christin Schneider und Virginie Wolfram

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