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MV aktuell Strand statt Informatik: Ein Schatzsucher aus Leidenschaft
Nachrichten MV aktuell Strand statt Informatik: Ein Schatzsucher aus Leidenschaft
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19:51 01.08.2019
Martin Hagemann erklärt und zeigt Fossilien, die er an den Stränden der Ostsee bereits gefunden hat. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

 „Im nächsten Leben werde ich Ranger“: Dieses Mantra geht Martin Hagemann lange durch den Kopf. Denn nach 10 Jahren an seinem Arbeitsplatz wünscht er sich eine Veränderung. Täglich hat der Naturfreund statt mit Wäldern, Stränden oder Feldern mit Computern, Kabeln und Programmen zu tun. Der Informatiker arbeitet bis 2011 im Warnemünder Technologiezentrum und entscheidet sich schließlich für einen radikalen Schritt.

Er kündigt und gründet ein Jahr später ein eigenes Unternehmen: Naturreisen MV. Heute führt er jede Woche Einheimische und Touristen an den Strand von Prerow und zeigt Ihnen, was für Schätze die Ostsee an das Ufer spült.

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Sammeln für das Seelenheil

Martin Hagemann hat einen Großteil seiner Kindheit auf Rügen verbracht. Oft besuchte er Freunde der Familie in Thiessow. „In deren Wohnung hing eine Rügenansicht und die Silhouette war aus Bernsteinen gefertigt.“ Hagemann war davon so fasziniert, dass er als Kind und auch Erwachsener an den Stränden regelmäßig auf die Suche nach den Schmucksteinen aus fossilem Harz gegangen ist – zum Teil auch alleine. „Die Faszination ist ja nicht neu. Schon die Menschen in der Steinzeit haben nach Bernsteinen gesucht.“

Das Sammeln kleiner Schätze sei gut für das Seelenheil. „Es ist meditativ, man kann sich gut darin verlieren und vom Alltag abschalten.“ Über die Jahre wächst die Sammlung des heute 50-Jährigen. Zur Hochzeit schenkt er seiner Frau eine Karte, ähnlich jener, die in Thiessow hing. „Nur dieses Mal war es eine Karte von Hiddensee“, sagt er und lacht.

Meerglas, Bernstein und Co.: Was man auf einer Tour mit Martin Hagemann alles finden kann, sehen sie in den folgenden Bildern

Als Hagemann eines Tages mit seinem Sohn auf die Suche nach kleinen Schätzen geht, findet er durch Zufall einen besonderen Bernstein, „handgroß“, wie er sagt. Bei einem Zusammentreffen mit Henning Schröder, Verwaltungsleiter im Deutschen Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten, zeigt er ihm ein Foto des Fundes. Schröder ist begeistert und gemeinsam kommen die beiden auf die Idee, zu kooperieren. Bei den Führungen am Strand bietet Hagemann fortan Gutscheine für freien Eintritt in das Museum. Das Museum wiederum vermittelt Interessierte an Hagemann. Ein Gewinn für beide Seiten.

Begeisterung statt Studium

Der 50-Jährige hat weder Geologie oder eine andere Naturwissenschaft studiert. Sein Plus: „Ich mache einfach etwas, was mich selber fasziniert.“ Er hat sich viel belesen und kann das, was ihn begeistert, authentisch rüberbringen. Was ihn neben den fossilen Funden auch fasziniert? „Die Unvergänglichkeit des Mülls.“ Denn diesen finde er an Stränden ebenso zu Hauf. „Ich habe bei einer Tour mal eine Bierwurstdose aus der DDR gefunden. Die war so heil, blank und eigentlich immer noch nutzbar – das ist wirklich erschreckend.“

Neben Bernsteinen interessiert Hagemann ein weiteres oft gefundenes Schmuckstück: Meerglas. Auch hierbei handelt es sich ja eigentlich um Müll, der über Schiffe und Strände in das Meer gelangt ist und dort über Jahre rund geschliffen wird. „Doch dabei bekommt das Glas oft spektakuläre Farben. Ich habe mal den Flaschenboden einer alten Lysolflasche gefunden.“ Dies sei ein Desinfektionsmittel gewesen.

Detektivarbeit am Ostseestrand

Die Herstellerfirma gebe es heute noch. Bei Recherchen im britischen Internethandel eBay trifft er auf einen Flaschensammler, über den er herausfindet, dass sein Stück Glas über hundert Jahre alt sei. „Das finde ich so spannend. Denn es ist auch immer ein wenig Detektivarbeit“, sagt Hagemann und lacht.

Seit drei Jahren bietet Hagemann jeden Donnerstag die kommentierten Schatzsuchen am Prerower Strand an. Darüber hinaus kann man über sein Unternehmen „Naturreisen MV“ auch Ausflüge mit Kanus oder Fahrradtouren durch die Natur von MV buchen. Hier gelangen Sie zu seiner Internetseite.

Rechtliche Grundlagen für Schatzsucher

Ein Trend, der in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten ist, sind Sammler, die sich mit Metalldetektoren und UV-Brillen auf die Suche nach kleinen Ostseeschätzen machen. „Solche Hilfsmittel zu verwenden, ist unter uns Sammlern verpönt“, sagt Strandführer und Fossiliensammler Martin Hagemann. Denn mit solchen Geräten würden ganze Küstenabschnitte leer gesammelt. „Für Urlauber und Gäste bleibt dann oft nichts mehr übrig.“

Darüber hinaus kann die Verwendung solcher Hilfsmittel sogar illegal sein. Denn der Einsatz von technischen Suchgeräten steht nach Paragraf 12 des Denkmalschutzgesetzes von MV unter Genehmigungsvorbehalt. Laut Michael Bednarz, dem Leiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, könne die Verwendung von Hilfsgeräten ohne Genehmigung ein Ordnungswidrigkeits- bzw. sogar ein Strafverfahren nach sich ziehen. Wie man dem legal entgehen könne? „Man kann sich zum ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger ausbilden lassen“, sagt Bednarz.

Edgar Offel von der Pressestelle im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern gibt zu bedenken, dass es grundsätzlich verboten ist, Sand, Kies, Geröll oder Steine vom Strand zu entnehmen und Abgrabungen oder Bohrungen vorzunehmen. Das werde jedoch durch das Naturschutz-Ausführungsgesetz gelockert. Dort heißt es, dass Muschelschalen und Steine für den eigenen Bedarf in geringen Mengen gesammelt werden dürfen. „Nach unserem Verständnis sind das Mengen, die sich ohne nennenswerte Hilfsmittel und Behältnisse transportieren lassen. Unbedenklich ist das, was in die Hosentasche passt“, sagt Offel.

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Website des Anbieters

Moritz Naumann

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