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MV aktuell Negativrekord: Arbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern länger krank als je zuvor
Nachrichten MV aktuell Negativrekord: Arbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern länger krank als je zuvor
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06:30 27.02.2019
An 22 Arbeitstagen fehlten Arbeitnehmer im Schnitt im vergangenen Jahr in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: Patrick Pleul/dpa
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Rostock

Rückenschmerzen, Depressionen – und vor allem Grippe: Arbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern waren im vergangenen Jahr so lange krankgeschrieben wie noch nie. „Der Trend geht seit drei Jahren nach oben“, sagt der Sprecher der Krankenkasse AOK Nordost, Markus Juhls. Jedes AOK-Mitglied sei demnach im vergangenen Jahr im Schnitt 21,9 Tage krankgeschrieben gewesen – ein Plus von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auch die Techniker Krankenkasse (TK) in MV registriert einen Negativrekord. Im vergangenen Jahr habe der Krankenstand „bei durchschnittlich 20 Fehltagen pro Kopf“ gelegen, sagt die Leiterin der TK-Landesvertretung, Manon Austenat-Wied. Vor zehn Jahren wurden den Angaben zufolge noch durchschnittlich 15,2 Krankheitstage je Arbeitnehmer registriert.

Heftige Grippewelle in MV

Ein Grund für die hohe Zahl sei die starke Grippewelle der Saison 2017/2018 gewesen. „2018 ging gut jeder sechste Fehltag auf Schnupfen, Grippe und Co. zurück“, erklärte Austenat-Wied. „Die vergangene Grippesaison war besonders heftig“, bestätigt die Sprecherin der Landesamts für Gesundheit und Soziales MV (Lagus), Anja Neutzling. Mit 11 475 gemeldeten Influenza-Infektionen von Oktober 2017 bis April 2018 im Nordosten war die Zahl gut dreimal so hoch wie in der vorherigen Saison mit 3728 Infektionen. In der aktuellen Grippesaison wurden bislang 842 Fälle gemeldet (Vorjahreszeitpunkt: 903 Fälle).

Abhilfe durch neuen Impfstoff

Ein neuer Impfstoff soll in diesem Jahr die Zahl der Erkrankungen eindämmen. Seit Oktober wurde ein Serum gegen vier Virenstämme eingesetzt; in den Jahren zuvor sei nur gegen drei Stämme geimpft worden, heißt es beim Apothekerverband. Dass eine Impfung gut gegen Grippe schützt, zeigen die Zahlen: „Mehr als 90 Prozent der Erkrankten hatten keine Impfung“, betont Lagus-Sprecherin Anja Neutzling. Zusätzlich zu den gemeldeten Infektionen gebe es auch eine „hohe Dunkelziffer“.

Arbeitgeber bieten Impfungen an

Die Unternehmen reagieren auf die Zunahme der Influenza-Infektionen. Viele Arbeitgeber würden „zunehmend präventiv Grippeimpfungen in ihren Betrieben“ anbieten, erklärt der Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände MV (VUMV), Sven Müller. „In Zeiten hoher betrieblicher Auslastung und gleichzeitigem Arbeitskräftemangel sind die Arbeitgeber darauf bedacht, durch eigene Angebote zur Gesundheitsförderung den Krankenstand gering zu halten.“ Während der Grippewelle Anfang 2018 seien in MV viele Betriebe und öffentliche Einrichtungen „zeitweise kaum arbeitsfähig“ gewesen, so der VUMV-Geschäftsführer.

DGB warnt vor zunehmendem Druck

Der Gewerkschaftsbund DGB Nord nennt als eine Ursache für viele Erkrankungen die zunehmenden Belastungen für Arbeitnehmer. „Hetze und Zeitdruck bestimmen zunehmend den Arbeitsalltag der Beschäftigten“, erklärt der DGB-Nord-Vorsitzende Uwe Polkaehn. „Hinzu kommen Angstmacherei, Überstunden, keine vernünftige Bezahlung, keine Mitbestimmung.“ Der Index „Gute Arbeit“ zeige, dass nicht einmal die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer glauben, überhaupt bis zur Rente in ihrem Job arbeiten zu können. „Zwei Drittel fühlen sich gestresst und unter Zeitdruck“, betont Polkaehn. Überstunden seien an der Tagesordnung, 60 Prozent arbeiteten länger als vertraglich vereinbart.

Rückenschmerzen häufige Ursache

Neben Grippe zählen laut Techniker Krankenkasse (TK) Rückenschmerzen sowie Bandscheibenvorfälle, Depressionen, Belastungsstörungen und Verletzungen zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen.

Der von der TK ermittelte Durchschnitt von 20 Fehltagen pro Arbeitnehmer in MV im vergangenen Jahr ist ein neuer Höchststand. Am niedrigsten lagen die Fehlzeiten 2018 in Baden-Württemberg mit durchschnittlich 12,7 Tagen. In einem Betrieb mit 500 Mitarbeitern fehlten demnach in MV an jedem Tag im Schnitt 27 Beschäftigte, in Baden-Württemberg nur 17, teilt die TK mit. Der Bundesdurchschnitt liege bei 15,5 Tage.

Frauen waren 2018 in MV durchschnittlich 21,7 Tage krank, Männer 18,6 Tage. Wenn Männer fehlten, dauerte die Krankschreibung allerdings mit 13,7 Tagen jedoch länger als bei den Frauen mit 12,7 Tagen.

Die AOK Nordost hat gegenwärtig nach eigenen Angaben in MV rund 1,8 Millionen Versicherte. Bei der Techniker Krankenkasse (TK) sind es 188 000 im Nordosten.

Daher müsse sich „grundlegend etwas ändern“, so der DGB-Chef. Zufriedene Arbeitnehmer seien deutlich seltener krank: „Die Qualität steigt, die Produktivität auch.“ Polkaehn: „Die Unternehmen tun also gut daran, mit den Beschäftigten gut umzugehen und auch die Gesundheitsvorsorge für die Beschäftigten sehr ernst zu nehmen.“

Die längsten Krankheitszeiten lösen laut AOK im Nordosten vor allem Muskel-Skelett-Erkrankungen – etwa Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfälle – aus (knapp 22 Prozent), gefolgt von Atemwegs- und psychischen Erkrankungen.

Lesen Sie hier: Das richtige Verhalten im Krankheitsfall

Hier lesen Sie den OZ-Kommentar zum Thema.

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