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MV aktuell Ungeklärte Tötungsdelikte in MV: Viele Täter noch nicht gefasst
Nachrichten MV aktuell Ungeklärte Tötungsdelikte in MV: Viele Täter noch nicht gefasst
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20:09 04.04.2019
Zwischen 2011 und Ende 2018 wurden in MV 22 sogenannte Straftaten gegen das Leben nicht aufgeklärt.
Zwischen 2011 und Ende 2018 wurden in MV 22 sogenannte Straftaten gegen das Leben nicht aufgeklärt. Quelle: dpa
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Rostock

Erschütterte Angehörige, schockierte Freunde und Nachbarn: Nach dem gewaltsamen Tod der 18-jährigen Maria K. gab es am Mittwoch einen bewegenden Gedenkgottesdienst in Zinnowitz auf Usedom. Die junge Frau wurde vermutlich vor gut zwei Wochen in ihrer Wohnung umgebracht. Mehr als 50 Personen aus ihrem Umfeld wurden im Zuge der Ermittlungen überprüft, aber noch immer gibt es keine heiße Spur. Auch eine Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden. Auch die jetzt veröffentlichten Fotos der Getöteten ergaben keine neuen Ermittlungsansätze, sagt Martin Cloppenburg, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stralsund.

449 Straftaten gegen das Leben zwischen 2011 und 2018

Der Tod von Maria K. ist kein Einzelfall: Zwischen 2011 und Ende 2018 wurden in Mecklenburg-Vorpommern 449 sogenannte Straftaten gegen das Leben erfasst – Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung, Tötung auf Verlangen sowie Abbruch der Schwangerschaft. Davon sind bis heute 22 Fälle nicht aufgeklärt. Das heißt: 22 – oder auch mehr – Täter, die seither unentdeckt unter uns leben.

Mord verjährt nicht

„Neun ungeklärte Todesdelikte, die periodisch untersucht werden“ gebe es im Bereich des Polizeipräsidiums Rostock, erklärt Sprecherin Stefanie Busch. Der älteste stammt aus dem Jahr 1989. Aber auch bei Fällen, bei denen derzeit keine „aktiven Ermittlungen“ mehr laufen: Sobald neue Erkenntnisse zu einem Fall auftauchten, würden „Ermittlungen wieder aufgenommen“, betont Claudia Tupeit, Sprecherin im Polizeipräsidium Neubrandenburg. Denn: Mord verjährt nicht. Immer wieder komme es vor, dass Fälle erst Jahre später gelöst würden. Und: „Oftmals handelt es sich um Beziehungstaten“, erklärt Polizeisprecherin Tupeit, „oder Täter sind im näheren Umfeld des Opfers zu finden“.

Stiefvater der toten Leonie aus Torgelow bleibt in Haft

Das ist auch die Vermutung der Ermittler zum Tod der sechsjährigen Leonie aus Torgelow: Verdächtigt wird der Stiefvater, David H. (27), der in Untersuchungshaft sitzt. Vorwurf: Mord durch Unterlassen. Er soll die Tochter seiner Lebens­gefährtin misshandelt und nicht rechtzeitig Hilfe gerufen zu haben, so dass das Mädchen an seinen schweren Verletzungen starb. Beim Haftprüfungstermin am Donnerstag wurde entschieden, dass David H. in Haft bleibt. Die Polizei hatte neue Vernehmungsprotokolle vorgelegt, wie die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg mitteilte. Nach dieser Auswertung habe der Anwalt des 27-Jährigen bei dem Termin den Antrag auf Freilassung seines Mandanten wieder zurückgezogen. Details zu den Protokollen wollte der Sprecher mit Rücksicht auf die Ermittlungen nicht nennen. Das Kind war am 12. Januar tot in der Wohnung in Torgelow gefunden worden. Kurz nach dem Vorfall war der Stiefvater geflohen, konnte aber nach einer Woche gefasst werden. Seit zweieinhalb Monaten sitzt er in U-Haft. Gegen ihn wird wegen Verdachts des „Mordes durch Unterlassen“ ermittelt.Bei der Staatsanwaltschaft gilt auch Leonies Mutter Janine Z. als Beschuldigte. Sie und ihr jüngstes Kind sind derzeit in einer Betreuungseinrichtung untergebracht.

Ungeklärt, aber unvergessen

Im Bewusstsein vieler Greifswalder ist auch der sogenannte Tankstellen-Mord – der Tod von Sandra Reissig. Die damals 33-Jährige arbeitete am 26. April 2006 an einer Tankstelle im Greifswalder Einkaufszentrum Elisenpark, freute sich schon auf den Feierabend, auf ihre beiden kleinen Kinder. Doch ihr Tag endete in einer Tragödie: Am nächsten Morgen wird sie tot im Flüsschen Ryck gefunden. Der oder die Täter hatten die Frau betäubt, aus der Tankstelle entführt und einen niedrigen dreistelligen Betrag aus der Kasse mitgehen lassen. Sandra Reissig wurde unter anderem mit Messerstichen und Schlägen verletzt, zudem hatte sie K.o.-Tropfen im Magen. Täter wurden nie gefunden.

Ungeklärt ist auch das Verschwinden Gerda Wiese aus Priborn (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte). Seit dem 6. Dezember 2015 gilt sie als vermisst. Die Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus: Eine Leiche wurde bisher nicht gefunden, allerdings gibt es laut Ermittlern auch keine Hinweise für einen Suizid oder ein freiwilliges Verlassen der Familie.

Zahl der Straftaten gegen das Leben leicht rückläufig

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Straftaten gegen das Leben leicht rückläufig, heißt es aus dem Schweriner Innenministerium. 2018 wurden in MV 50 Fälle registriert, 2017 waren es 55. Die Aufklärungsquote stieg von 89,1 Prozent im Jahr 2017 auf 92,0 Prozent im vergangenen Jahr.

Thomas Luczak