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MV aktuell Rostocker Wissenschaftler im OZ-Podcast: Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben
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OZ-Podcast: Rostocker Wissenschaftler über Verschwörungstheorien

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08:00 28.01.2021
Juliane Schultz sprach im OZ-Podcast „Ankern mit ...“ mit Politikwissenschaftler Ronny Rohde aus Rostock über Verschwörungstheorien.
Juliane Schultz sprach im OZ-Podcast „Ankern mit ...“ mit Politikwissenschaftler Ronny Rohde aus Rostock über Verschwörungstheorien. Quelle: Benjamin Barz
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Rostock

Ihm ist keine Verschwörungstheorie fremd – ob sie sich um den Schatz der Tempelritter rankt oder den Plan, mithilfe von Corona-Impfungen eine neue Weltordnung zu errichten. Ronny Rohde ist Wissenschaftler an der Uni Rostock und Gast der neuen Folge des OZ-Podcasts „Ankern mit ...“

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Darin erzählt der Politikwissenschaftler, an welche Verschwörung er zu gern glauben würde, warum von einigen Verschwörungstheorien eine Gefahr ausgeht und warum es wichtig ist, mit Verschwörungsgläubigen zu reden.

Rohde beschäftigt sich hauptberuflich mit Mythen, Ideologien und politischer Ideengeschichte. Vor allem interessiere ihn die Frage, wie bestimmte Überzeugungen entstehen, die zu politischem Handeln führen, sagt der 30-Jährige. Verschwörungstheorien seien dabei ein Begleitprogramm. Er schaue sich immer wieder an, welche Erzählungen zirkulieren und Anklang finden, denn daran ließen sich Grundstrukturen in besonderer Weise kenntlich machen.

Verschwörungserzählungen sind eigentlich keine Theorien

Aber was ist überhaupt eine Verschwörungstheorie? Rohde räumt zunächst ein, dass es durchaus Verschwörungen gibt. „Politik ist ein übersichtliches Feld. Es gibt verschiedenen Interessen, verschiedene Mechanismen und Institutionen greifen in politischen Prozessen ineinander und mitunter ist nicht so leicht herauszufinden, was eigentlich passiert ist.“ Und Rohde weiter: „Die Geschichte ist voll von tatsächlichen Verschwörungen. Sie sind aber in aller Regel nicht so dramatisch, wie es Verschwörungserzählungen erzählen.“

Rohde benutzt bewusst den Begriff „Erzählung“. Denn ein wichtiges Kennzeichen der Erzählung und damit ein entscheidender Unterschied zu einer Hypothese oder Theorie: „Verschwörungserzählungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst dann an der Idee einer Verschwörung festhalten, wenn eigentlich weitere Theorien und Fakten weitaus plausibler erscheinen.“

Kein Zusammenhang zum Bildungsgrad

Auch die Einteilung der Welt in Gut und Böse sei kennzeichnend für eine Erzählung: „Es läuft immer darauf hinaus, sich selbst als aufgeklärt, gegebenenfalls sogar erwacht, zu betrachten und die Verschwörung, die etwas Schlechtes mit unserem Leben macht, entlarvt zu haben.“ Oft sei auch Antisemitismus Teil von Verschwörungserzählungen: „Er ist gewissermaßen die kulturgeschichtliche Konstante in Europa und ein Fundus auf den zurückgegriffen wird, um die Verschwörung zu konkretisieren, indem man sagt, es seien vor allem Juden, die hinter der Verschwörung stecken.“

Und wer glaubt typischerweise an solche Erzählungen? „Intuitiv möchte man meinen, dass Menschen mit akademischem Abschluss weniger anfällig sein müssten, weil sie mit den Grundmethoden wissenschaftlichen Arbeitens vertraut sind“, sagt Rohde. „Aber das Bild, dass sich uns darstellt, zeigt, dass es jeden treffen kann. Ein Zusammenhang zum Bildungsgrad existiert meines Erachtens nicht.“

Von der Mondlandung bis Q -Anon

Im Podcast nennt Ronny Rohde eine ganze Reihe von Verschwörungserzählungen. Vom Klassiker, die Mondlandung wäre nur vorgetäuscht worden, die Erde sei eine Scheibe oder der Glaube von Q-Anon-Anhängern, dass sogenannte Eliten kleine Kinder entführen und opfern würden. Gegenwärtig besonders relevant seien jedoch all die Mythen, die sich rund um Corona entwickelt haben. Beispielsweise, dass Bill Gates hinter dem Virus stecke.

Doch ist es überhaupt schlimm, wenn sich Verschwörungserzählungen verbreiten? „Wenn Menschen glauben, die Erde sei flach und die Nasa würde das vertuschen, geht von der Erzählung keine unmittelbare Gefahr aus“, glaubt Rohde.

Ankern mit ...

... ist der kostenlose Interview-Podcast der OSTSEE-ZEITUNG. Die Besatzung des Audio-Kutters der OZ um Benjamin Barz, Lena-Marie Walter, Moritz Naumann und Juliane Schultz lädt im losen Wechsel alle zwei bis vier Wochen einen Gast ein und nimmt sich Zeit für seine Geschichten. Manöverkritik gibt es am Ende jeder Folge im Kollegengespräch.

Zu hören ist der Podcast auf ostsee-zeitung.de/podcasts. Außerdem steht er auf den gängigen Portalen Spotify, Google Podcasts, Deezer, Audible, Amazon Music und Apple Podcast zur Verfügung.

Bisher erschienen sind: Folge 0 in der sich die Podcast-Crew vorstellt, Folge 1 mit Intensivmediziner Dr. Micha Löbermann, Folge 2 mit Fußball-Legende Carsten Jancker

Gefahr durch Verbreitung

Anders verhalte es sich mit gegenwärtig kursierenden Erzählungen, die politisch aufgeladen sind. „Wir hatten in Deutschland schon die Fälle, dass der Glaube an Verschwörungsmythen zur Tat geführt hat.“ Jüngste Beispiele seien etwa die Morde in Hanau oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle. „Die Täter waren in beiden Fällen von der Idee des großen Austauschs besessen – ein rechtsradikaler Verschwörungsmythos.“

Rohde gibt im Podcast konkrete Beispiele, wie Verschwörungsgläubige Scheinargumente auch im Falle der Corona-Pandemie nutzen, um etwa Angst vor einer drohenden neuen Weltordnung zu schüren. Und er erklärt, warum das ein Problem sei: „Sie glauben besonders rebellisch und aufgeklärt zu sein, aber im Grunde tragen sie dazu bei, dass real existierende Missstände in der Gesellschaft verstetigt werden.“ Statt etwa darüber zu diskutieren, dass die Pandemie zeigt, wie viele Pflegekräfte fehlen, gerate die Verschwörungserzählung in den Mittelpunkt.

Von Juliane Schultz