Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Studie belegt: Ost-Firmen leiden unter Russland-Sanktionen
Nachrichten MV aktuell Studie belegt: Ost-Firmen leiden unter Russland-Sanktionen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
20:18 17.07.2019
Ein russischer Öltanker verlässt den Rostocker Seehafen Quelle: Frank Hormann/nordlicht
Anzeige
Rostock

Fünf Jahre Russland-Sanktionen haben der Wirtschaft in Ostdeutschland deutlich mehr geschadet als den Unternehmen im Westen. Nach einer aktuellen Aufstellung des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft ging von 2013 bis 2018 das Handelsvolumen mit Russland in den fünf ostdeutschen Ländern durchschnittlich um 28,7 Prozent zurück.

MV war mit einem Plus von 28,7 Prozent ein Ausreißer – allerdings nur dank der Importe von russischen Mineralölerzeugnissen. Ohne das Öl wäre der Warenaustausch mit Russland ebenfalls geringer als vor der Einführung der Sanktionen. In Sachsen war der Rückgang mit 72,5 Prozent am dramatischsten. In Westdeutschland schrumpfte der Warenaustausch dagegen nur um 17 Prozent.

Anzeige

Keine Aufträge in Russland

Der Güstrower Unternehmer Uwe Stieblich kommt gerade von einer Reise nach Kaliningrad zurück, wo er seit 2010 eine eigene Firma betreibt. Auch er leidet unter den direkten und indirekten Folgen der Sanktionen: „Wir bekommen von den Russen einfach keine Aufträge.“ Stieblich wollte in Kaliningrad – so wie auch in Güstrow mit seinem Unternehmen Stahlbau Stieblich – Hallen und Bürogebäude bauen. „Aber es läuft nicht. Wir verstehen uns gut mit den russischen Geschäftsleuten, aber wenn sie hören, dass wir eine deutsch-russische Firma sind, kommt das Geschäft nicht zustande.“

Stieblich stellt fest, dass die Russen gelernt haben, mit den Sanktionen zu leben: „Es gibt hohe staatliche Investitionen, um die Sanktionen zu kompensieren. In Kaliningrad wird derzeit die Infrastruktur ausgebaut – davon kann man in Deutschland nur träumen.“ Die Bevölkerung spüre die Sanktionen daher überhaupt nicht, glaubt Stieblich.

Kontakte neu knüpfen

Das liegt wohl auch daran, dass die Russen auch im Lebensmittelbereich, der besonders von den russischen Gegensanktionen betroffen ist, inzwischen vielfach auf eigene Produkte setzen. Das macht Tobias Blömer, Vorsitzender der Agrarmarketinggesellschaft AMV, Sorgen. Denn es sei nicht selbstverständlich, dass Russland nach einem möglichen Ende der Sanktionen wieder Lebensmittel aus MV beziehen würde: „Die Russen haben inzwischen ja nicht gehungert, sondern ihre eigene Branche ausgebaut. Der Markt muss von uns wieder neu erschlossen, Kontakte neu geknüpft werden.“

Andreas Timm, Sprecher der für den Außenhandel MV zuständigen Staatskanzlei, meint: „Klar ist: Auch MV ist von den Sanktionen betroffen. Das gilt insbesondere für die Land- und Ernährungswirtschaft.“ Allerdings habe die Landesregierung die Kontakte nach Russland weiter gepflegt, etwa durch die drei Russlandtage, auf denen deutsche und russische Unternehmen im Gespräch waren. Im Gegenzug besuchten Wirtschaftsdelegationen aus MV die russische Partnerregion rund um St. Petersburg. „Auch das hat sicher dazu beigetragen, dass unser Land nach wie vor gute wirtschaftliche Beziehungen nach Russland hat“, so Timm.

Harter Schlag für Mittelständler

Der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, Michael Harms, führt die Einbrüche im Handel mit Russland vor allem darauf zurück, dass ostdeutsche Maschinenbauer sehr stark auf Russland ausgerichtet waren. „Das sind keine Großkonzerne, das sind alles Mittelständler, und die Ausfälle haben dann schon eine enorme Bedeutung“, sagt er. „Es gibt Maschinenbauer aus Ostdeutschland, die ganz verzweifelt bei uns angerufen haben, weil der Verlust von Großprojekten sie in arge wirtschaftliche Schwierigkeiten bringt.“

Harms betonte aber, dass der Rückgang im Handel die Sanktionsfolgen nicht eins zu eins abbilde. Es gebe auch indirekte Effekte: „Viele deutsche Firmen sagen zum Beispiel, in solch einem politischen Umfeld schieben wir ein strategisches Investitionsprojekt in Russland auf die lange Bank. Oder die russische Regierung sagt: Wir orientieren uns dann doch lieber in Richtung China. Diese Effekte sind sehr schwer zu beziffern.“

Keinen Schritt weiter

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) plädierte am Mittwoch erneut für den Abbau der Strafmaßnahmen. „Die Lösung des Ukraine-Konflikts ist wichtig und wir müssen dafür alles tun; die Sanktionen haben uns da aber keinen Schritt weitergebracht.“

Auch der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Schweriner Landtag, Jochen Schulte, meint: „Die Russlandsanktionen fügen unserem agrarwirtschaftlich und mittelständisch geprägten Bundesland großen Schaden zu, ohne dass sich in Russland die gewünschten politischen Effekte zeigen würden.“ Die Sanktionen müssten daher schnellstmöglich beendet werden.

Lesen Sie auch einen Kommentar zum Thema: Nicht im Sinne des Erfinders

Axel Büssem und Michael Fischer

Anzeige