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MV aktuell Ostsee-Experte: Deshalb kommt kein Fangverbot für den Hering
Nachrichten MV aktuell Ostsee-Experte: Deshalb kommt kein Fangverbot für den Hering
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18:42 17.07.2018
Der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann, zeigt auf dem Greifswalder Bodden eine Vorrichtung zum Fangen von Heringslarven. Quelle: Foto: Dpa
Rostock

In kaum einem Bundesland wird pro Kopf so viel Dorsch und Hering gegessen wie in MV. Weil sich aber die Gründe der Ostsee über Jahre hinweg leerten, mussten Fischer und Angler sich stark einschränken. Hat sich das gelohnt? Die OZ sprach mit Christopher Zimmermann über den Zustand der Fischbestände.

Christopher Zimmermann, der Chef des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, fordert im Interview höhere Fangquoten.

Es heißt, wir essen unsere Ostsee leer. Stimmt das?

Christopher Zimmermann: Viele Leute glauben, die Ostsee wäre leergefischt. Das Gegenteil ist der Fall. Die allermeisten der 14 kommerziell genutzten Fischbestände sind in sehr gutem Zustand. Aber wir haben aktuell drei Sorgenkinder, darunter ausgerechnet die Brotfische der deutschen Küstenfischer: der Hering und der Dorsch der westlichen Ostsee.

Auf reichlich Dorsch sind auch die Angler aus. Fangen dürfen sie fünf Stück pro Tag. Das ist vielen zu wenig.

2015 haben Angler knapp 3000 Tonnen aus der Ostsee gefischt, fast so viel wie die Berufsfischerei. Das war legal, trotzdem wurde der Bestand überfischt. Deshalb mussten Fischer und Angler gleichermaßen zur Bestanderholung beitragen. Das ist geschehen. Mit Erfolg: Der Bestand entwickelt sich rasant gut.

Die Fangquoten für 2019 legt die EU im Oktober fest. Ihre Empfehlung?

Eine Verdopplung der Höchstfangmenge für die kommerzielle Fischerei, und auch das Tagesfang-Limit für Angler sollte auf zehn Dorsche verdoppelt werden.

Fast 20 Jahre hat der Dorsch dem zu hohen Fischereidruck standgehalten. Bis 2015. Was ist da passiert?

Aus Gründen, die wir nicht kennen, hat der Dorsch 2015 nur noch zehn Prozent des Nachwuchses produziert, den er in den vergangenen zehn Jahren hatte – und das war schon viel niedriger als noch in den 1990ern. Der Bestand ist aus Sicht der kommerziellen Nutzung kollabiert. Ohne starke Einschnitte hätte man ihn womöglich 30 Jahre lang nicht wirtschaftlich sinnvoll nutzen können.

Nachdem die Wissenschaft lange vergeblich zu massiven Einschnitten riet, hat die Politik dann doch reagiert.

Die EU hat die Fangmenge der Berufsfischerei für 2017 um 56 Prozent reduziert, das Tagesfanglimit für Freizeitangler eingeführt und Schonzeiten verändert. Dazu kam Glück: Bevor diese Maßnahmen überhaupt gegriffen haben, hat der Dorsch 2016 einen sehr starken Jahrgang produziert, der den Bestand durch die getroffenen Maßnahmen schnell erholen kann. 2017 hat der Dorsch seine Biomasse bereits verdoppelt und wird es voraussichtlich 2018 nochmal tun. Am 1.1. 2019 wird der Bestand wieder im grünen Bereich sein.

Also alles wieder gut beim Dorsch?

Nicht ganz. Was uns Kopfschmerzen bereitet, ist der 2017er-Jahrgang. Der ist wieder sehr schwach. Der 2016er Jahrgang ist aber so stark, dass er die Fischerei über viele Jahre tragen kann, wenn die Fangmengen nur moderat erhöht werden. Eine Verdopplung wäre moderat. Übertreiben sollte man nicht, sonst laufen wir Gefahr, dass das Desaster von vorn losgeht.

Warum gab es 2017 wieder weniger Dorschnachwuchs?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass auf einen starken Jahrgang ein schwacher folgt. Die Fische konkurrieren um Nahrung. Zudem fangen die großen Tiere aus dem 2016er Jahrgang an, ihre kleinen Artgenossen zu fressen. Dorsche sind gefürchtete Kannibalen. In einem unbefischten Bestand bestehen 50 Prozent der Mageninhalte aus Dorschen. Deshalb ist es sinnvoll, den Dorsch zu befischen.

Der Dorsch in der östlichen Ostsee hat lange unter zu hohen Fangquoten und illegalen Entnahmen gelitten.

Um ihn ist es auch jetzt nicht gut bestellt. Da passiert etwas Seltsames in der Fischerei: Obwohl die Fangquoten nicht ausgeschöpft werden, wird das EU-Anlandegebot, das seit 2015 in der ganzen Ostsee gilt, in der Ostdorsch-Fischerei nicht eingehalten. Große Mengen Jungfische werden nach dem Fang tot über Bord geworfen. Das muss gestoppt werden. Wir raten außerdem dazu, die Fangmengen im nächsten Jahr um 40 Prozent zu reduzieren.

Beim Hering in der westlichen Ostsee droht den Berufsfischern hingegen ein absolutes Fangverbot.

Es gibt die Absprache zwischen Wissenschaft und Politik: Wenn wir keine Fangmenge benennen können, die den Bestand kurzfristig wieder in den grünen Bereich bringt, müssen wir ein Fangverbot empfehlen. Auch wenn wir wissen, dass es so garantiert nicht kommen wird. Denn in den vergangenen 30 Jahren gibt es nicht ein Beispiel dafür, dass die Schließungsempfehlung für eine Fischerei für den menschlichen Konsum eingehalten worden wäre. Insofern mache ich mir, was diese Heringsfischerei betrifft, nicht viel Sorgen. Mich ärgert, dass die Diskussion um das Fangverbot ablenkt von der eigentlichen Frage: Um wie viel müsste die Fangmenge reduziert werden, damit sich der Bestand schnell erholt?

Ihr Vorschlag?

Um minimal 44 Prozent, besser wären 60. Das ist für unsere Fischerei, die 2018 schon 38 Prozent Einbußen hinnehmen musste, katastrophal, aber immer noch besser als gar keine Heringsfischerei.

Viele Fischer machen die Kegelrobben für den Heringsschwund verantwortlich. Zu Recht?

An den Robben liegt es nicht. Bei uns leben weniger als 300 Tiere. Die fressen vielleicht 0,1 Prozent des Herings weg. Aber sie nutzen die Stellnetze als Futterglocke. Warum sollte eine Robbe dem Hering nachjagen, wenn sie ihn aus dem Netz holen kann? Wir arbeiten an Fangmethoden, die den Robben bereits gefangenen Hering entziehen.

Was setzt dann dem Hering zu?

Wir wissen, dass der Bestand seit 14 Jahren kontinuierlich weniger Nachwuchs produziert. Die Wassertemperatur ist der wesentliche Faktor dafür. Sie ist durch den Klimawandel minimal gestiegen. Das reicht, um den Lebenszyklus des Herings zu stören. Heringe überwintern im Öresund. Dort bekommen sie ein Temperatursignal und schwimmen zu ihren Laichplätzen. Das passiert jetzt viel früher als in der Vergangenheit. Die Heringe wandern in die Küstengewässer ein und laichen ab. Im wärmeren Wasser entwickeln sich die Eier sehr viel schneller. Das führt dazu, dass hungrige Larven drei bis zehn Tage früher im Greifswalder Bodden schwimmen, als das vor 30 Jahren der Fall war. Für sie gibt es aber keine Nahrung. Denn Kleinkrebslarven, ihr Futter, treten nur auf, wenn es kleine Algen gibt, und die wiederum entwickeln sich erst, wenn die Sonne einen bestimmten Stand am Horizont erreicht hat. Die Heringslarven verhungern also. Daran kann der Mensch nicht viel ändern.

Warum dann die Fangquoten?

Es ist die einzige Stellschraube, an der wir drehen können. Auch in Zeiten des Klimawandels kann man Fischbestände nachhaltig nutzen. Trotzdem müssen wir uns darauf einstellen, dass der Hering künftig nur 50000 Tonnen Ertrag pro Jahr liefert, statt 90000 Tonnen Anfang der 1990er Jahre. Das würde für die deutsche Fischerei bedeuten, dass sie rund 15000 Tonnen fangen kann. Unsere Fischer in MV kämen damit aus, denn die Heringspreise sind ganz gut.

Gut bezahlt wird auch der Aal.

Ein Strohhalm für die Fischer, aber einer der wenigen Bestände, bei dem ich nicht sicher bin, ob wir den vor der Ausrottung retten können. Wir Wissenschaftler empfehlen, den Aalfang einzustellen. Das wäre für unsere Fischer ein herber Schlag, aber es geht ums Überleben einer Art.

Gibt es für Fischer und Fischfans auch gute Nachrichten?

Ja. Neben dem Westdorsch entwickeln sich die Plattfischbestände sehr gut. Bei der Ostsee-Scholle kann die Fangmenge verdoppelt werden. Die Flunder ist ohnehin nicht quotiert, auch diese Bestände wachsen schnell.

Kajüten-Gespräch der OZ

Auch beim OZ-Kajütenschnack geht es um die Ostsee und ihre Probleme – zur Premiere am 25. Juli wird auf den Traditionssegler „Santa Barbara Anna“ eingeladen. Einlass ist ab 18 Uhr, geschnackt wird ab 18.30 Uhr. Der Segler liegt im Rostocker Stadthafen. Interessenten werden um Anmeldung gebeten: ☎ 0381/365384 oder E-Mail: chefredaktion@ostsee- zeitung.de.

Nico Nolte (Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie) und Ulrich Bathmann (Leibniz-Institut für Ostseeforschung) diskutieren über Windparks in der Ostsee.

Ostseetag 2018 in Rostock

Auch beim Ostseetag am 30. August (10 bis 18 Uhr, Rostocker Stadthafen) geht es um den Ostseeschutz.

Bühne 602:

11.15-11.45 Uhr: Die Ostsee im Jahr 2018 11.45-13.15 Uhr: Podiumsdiskussion „Ist ein ,guter ökologischer Zustand’ der Ostsee erreichbar?“

14-15.30 Uhr: Preisverleihung Schülerwettbewerb „Meine Ostsee 2020“

Im Stadthafen: „Open Ship“ an Bord der Forschungsschiffe „Elisabeth Mann Borgese“, „Clupea“ und „Deneb“ + Präsentationsinseln Weitere Infos: www.ostseetag.info

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