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Patent-Wüste MV: Warum nur wenige Anmeldungen eingereicht werden

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09:33 16.02.2021
Rostock: In der Bio Fluid Mechanik am Institut für Biomedizinische Technik der Universität Rostock IBMT testet Michael Stiehm an einer Prüfanlage mit Hochgeschwindigkeitskameras und Sensoren das Strömungsfeld in einem beschichteten Herzklappen-Stent.
Rostock: In der Bio Fluid Mechanik am Institut für Biomedizinische Technik der Universität Rostock IBMT testet Michael Stiehm an einer Prüfanlage mit Hochgeschwindigkeitskameras und Sensoren das Strömungsfeld in einem beschichteten Herzklappen-Stent. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/
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Rostock

Ein Forscher hält einen nur etwa zwei Zentimeter langen Stent in der Hand. Was an eine kleine Feder aus einem Kugelschreiber erinnert, soll Paaren bei unerfüllten Kinderwünschen helfen. Im Institut für Biomedizinische Technik an der Universitätsmedizin Rostock wird unter anderem an biologischen Herzschrittmachern und verschiedenen Stents geforscht. Diese können zu Patentanmeldungen führen, wovon es nur sehr wenige in Mecklenburg-Vorpommern gibt.

Der Nordosten lag nach Angaben des Deutschen Patent- und Markenamtes in den vergangenen Jahren auf den hinteren Plätzen bei Patentanmeldungen im bundesweiten Vergleich. 2019 wurden etwa nur 89 Anmeldungen aus MV gezählt, damit Schlusslicht hinter Bremen, wo es immerhin noch 142 waren, bei deutlich weniger Einwohnern. Woran liegt das?

Hochschulen im Vergleich mit Westdeutschland noch im Aufholprozess

Im Vergleich zu den größeren Wissenschaftsstandorten in Westdeutschland seien die Hochschulen in MV insgesamt kleiner und befänden sich noch in einem Aufholprozess, sagt Wissenschaftsministerin Bettina Martin (SPD). Die Wirtschaftsstruktur im Land sei zudem kleinteiliger, sprich es gibt wenig große Unternehmen.

Was an eine kleine Feder aus einem Kugelschreiber erinnert, soll Paaren bei unerfüllten Kinderwünschen helfen. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) nennt ähnliche Gründe. Zudem betont er, dass Patentanmeldungen oft am Stammsitz des Unternehmen erfolgen, also in anderen Bundesländern.

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Laut Deutschem Patent- und Markenamt kommt die große Masse an Anmeldungen aus den Entwicklungsabteilungen großer Technologieunternehmen oder großen Forschungseinrichtungen. Davon gebe es im Vergleich zu anderen Bundesländern, vor allem im Süden Deutschlands, nur sehr wenige im Nordosten.

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„Nicht die Masse, aber gute Qualität“

„Wir haben nicht die Masse, aber eine ganz gute Qualität“, erläutert Lars Worm, Patentingenieur an der Universität Rostock. Er und Institutsleiter Niels Grabow sehen ebenfalls als einen der Gründe die Wirtschaftsstruktur im Bundesland. Laut Worm könnte sich die Patent-Statistik verbessern, wenn der Hauptwohnsitz des Erfinders mit einginge.

Patente könnten gegen eine Lizenzgebühr an Firmen abgegeben werden. „Es ist nicht schlecht Patente abzugeben, was Besseres kann nicht passieren“, sagt Worm. Dieses Geld könne dann etwa wieder in die Forschung investiert werden.

Institutsleiter Grabow betont, ein Patent könne ein Weg über Jahre sein. „Zu Beginn kann man vielleicht eine Idee im Kopf haben, die dann aber marktfern ist. Ein gewisser Markt muss schon dahinter stehen. Manche Patentanmeldungen können auch letzten Endes an der Geldfrage scheitern.“

Dies hänge etwa davon ab, ob nur ein deutsches oder ein europäisches oder amerikanisches Patent angemeldet werde, was dann entsprechend teurer sei. Das Verhältnis zwischen Patentbeantragung und Genehmigung liege bei dem Institut bei etwa 20 Prozent.

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Anmeldeverfahren können sich lange hinziehen

Und Anmeldeverfahren können sich hinziehen. Die durchschnittliche Verfahrensdauer vom Prüfungsantrag bis zur Erteilung betrage je nach Voraussetzung rund drei Jahre, hieß es vom Patent- und Markenamt.

Ein Rostocker Unternehmen, das im 3D-Druck tätig ist, beziffert die Kosten nur für einen Patentanwalt auf 3000 bis 4000 Euro pro nationaler Anmeldung. Noch deutlich höhere Kosten kämen danach erst. Und ob ein Patent dann wirklich erteilt werde, sei ungewiss. „Grundsätzlich sind Patente cool. Man sieht etwas, erfindet etwas und hofft, dass es funktionieren könnte“, sagt der Geschäftsführer Vincent Morrison. Er macht die verhältnismäßig geringe Zahl ebenfalls an der Struktur des Bundeslandes fest. „Ein großer Player zieht mehr als 100 kleinere an. Und genau das gibt es fast nie in Mecklenburg-Vorpommern.“

Wissenschaftsministerin Martin sieht dennoch große Potenziale in der Forschungslandschaft im Nordosten. Als Beispiele nannte sie die maritime Forschung, Wasserstofftechnologie und die Landwirtschaft. Damit soll die Zahl der Patentanmeldungen schon möglichst schnell steigen.

Von RND/dpa