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MV aktuell Per Hubschrauber durch den Schneesturm: Rügens Wunderbaby
Nachrichten MV aktuell Per Hubschrauber durch den Schneesturm: Rügens Wunderbaby
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15:31 28.12.2018
Bettina Hoge als Kleinkind im Cockpit einer Mi-8. Nach der dramatischen Rettung ihrer Mutter und der Geburt Bettinas machten die Parower Marineflieger das kleine Mädchen offiziell zur "Tochter des Geschwaders". Bis heute besteht der Kontakt fort, obwohl die Einheit 1990 mit der deutschen Einheit aufgelöst wurde. Quelle: privat/Hoge
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Putbus/Rostock/Stralsund

Der Katastrophenwinter trifft die Menschen im Norden im Dezember 1978 ohne Vorwarnung. Zu Weihnachten herrschen satte Plusgrade, es ist mild. Am 28. Dezember regnet es vormittags bei rund zehn Grad. Plötzlich geht alles schnell: Binnen weniger Stunden sackt das Thermometer um 30 Grad ab. Es beginnt ein dichter, nicht enden wollender Schneefall, der zu einem starken Schneesturm heranschwillt. Bald schon liegt der Verkehr auf den Straßen und Bahnschienen in vielen Landesteilen lahm. Ganze Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten.

Auf Rügen heizt die hochschwangere Rotraud Hoge gerade ihren Gästen aus Dresden die Stube ein. Die junge Frau erwartet ihr erstes Kind. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Jürgen schippt sie die ersten Schneemassen von ihrem Hof in Posewald bei Putbus. Nicht ahnend, dass sie bald in größter Lebensgefahr auf ihrem Anwesen festsitzen wird.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Lebensgefahr: Baby liegt quer

Einen Tag später setzen im Haus der Hoges bei der damals 25-Jährigen die Wehen ein, das Grundstück ist bereits eingeschneit – ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Aus dem rund vier Kilometer entfernten Putbus eilen – ungeachtet des gefährlichen Wetters – Zahnarzt Schulz und Lehrer Finn auf Skiern heran. Eine Hausgeburt soll vorbereitet werden. Das Tragische: Eigentlich war die junge Frau zu Beginn des Wintereinbruchs bereits in einer Klinik. „Ich wurde am 28. Dezember in Bergen aus dem Krankenhaus entlassen, mit dem Hinweis, mit meinem Baby sei es längst nicht soweit, ich hätte mich verrechnet“, berichtet Rotraud Hoge.

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In den folgenden Tagen kämpfen sich auch noch eine Zirkower Gemeindeschwester und weitere Helfer durch den Schnee, als klar wird: Eine normale Entbindung kommt nicht dringend in Frage, das Baby hatte sich in die gefährliche Querlage gedreht. Rotraud Hoge muss in eine Klinik.

Es vergehen weitere Tage, das alte Jahr ist vorüber, der viele Schnee geblieben, Rotraud Hoge kämpft noch immer mit der Geburt. Inzwischen ist es drei Tage her, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Vilmnitzer Feuerwehrleute rücken an, um den Weg für den Pferdeschlitten freizuschippen. Stroh und eine eilig aus dem Bett herausgezogene Matratze sollen den Weg durch den Schneesturm für die Schwangere erträglich machen.

„Ich war dick eingepackt und konnte kaum was sehen. Aber irgendwann realisierte auch ich, wie hoch der Schnee lag, als nur noch die Baumkronen zu sehen waren“, erzählt die heute 65-Jährige. In der Putbusser Ambulanzstation angekommen, hofft die Hebamme mit einem Wehentropf noch, das Kind zum Drehen zu bewegen, allerdings ohne Erfolg. Die werdende Mutter bekommt eine Beruhigungsspritze. „Jetzt stand es wirklich auf Messers Schneide. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass sie dachte, ich würde es nicht mehr schaffen. In den Tagen vor der Geburt hatte sie sich das nicht anmerken lassen“, erinnert sich Rotraud Hoge.

Piloten fliegen nach Gefühl

Im 45 Kilometer entfernten Stralsund/Parow legen zu dieser Zeit Hubschrauberpilot Lutz Weibezahl und sein Co-Pilot Manfred Arndt eine kurze Ruhepause ein. Zuvor waren sie einen Rettungseinsatz nach dem anderen geflogen. Der damals 37-jährige Weibezahl gehört zum Marinehubschraubergeschwader, fliegt als einer der erfahrenen Piloten viele Nachtflüge. In den frühen Morgenstunden dann der Notruf: „Transport einer Schwangeren in Lebensgefahr von Putbus nach Stralsund“, lautet der Befehl. Der Schneesturm bläst unverändert übers Land. Die bPiloten starten trotzdem, es wird eine Art Blindflug nach Gefühl. Am Sportplatz in Putbus haben Soldaten die Fläche mit Fackeln markiert, damit die Hubschrauberbesatzung weiß, wo sie landen muss.

Die Landung im Dunkeln wird zur Zitterpartie. In einem Erfahrungsbericht für Spiegel Online schrieb der Pilot Weibezahl vor einigen Jahren: „Die hohen Bäume sahen im Schneetreiben gefährlich nah aus. Dann kam es dicke. Die Rotorblätter wirbelten den frischen Schnee auf und die Sicht war weg. Die letzten paar Meter dauerten eine Ewigkeit, dann sackte der Rumpf des Hubschraubers in den Schnee, wir standen. Vom Fahrwerk war nichts zu sehen – wir hatten im hohen Schnee mit dem Rumpf aufgesetzt.“

Die unter Schmerzen leidende Schwangere kommt an Bord. Ebenso ein Arzt und eine Hebamme. In der Stralsunder Klinik kommt um 9.20 Uhr am 2. Januar die gesunde Bettina Hoge per Kaiserschnitt zur Welt. Sie ist 50 Zentimeter groß und 3800 Gramm schwer. „Ich habe die Ärzte nur gefragt, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Das konnte ich nach diesen extremen Tagen einfach nicht glauben“, erinnert sich die Posewalderin.

Bettina wird Patenkind der Marine

Auch den Piloten bleibt diese Rettung in buchstäblich letzter Minute im Gedächtnis. Bettina wird zum Patenkind der Volksmarine, zur „Tochter des Geschwaders“. Den vielen Helfern, die sich für Mutter und Kind stark aufgeopfert hatten, sollte auf diese Weise ein Denkmal gesetzt werden.

Pilot Weibezahl und Kommandant Günther Leithold gehören zu den ersten Besuchern in der Klinik. „Als ich die glückliche Rotraud Hoge mit ihrem Baby sah, war ich sehr stolz“, schrieb Weibezahl später. Fortan vergeht bei den Hoges kein Kindergeburtstag, Weihnachten oder NVA-Tag ohne Marinebesuch. Selbst zur Einschulung kreist ein Hubschrauber über dem Schulhof. „Onkel Lutz“, wie die kleine Bettina den Rettungspiloten fortab nennt, überreicht ihr eine zweite Schultüte mit einer Matrosenpuppe drin. Auch nach der Wende ist der Kontakt zwischen den Kameraden und dem Patenkind geblieben.

„Es war immer etwas Besonderes für mich“, sagt Bettina Hoge heute. Die 39-Jährige lebt in Rostock, arbeitet wie ihre Mutter als Fleischereifachverkäuferin und hat inzwischen selbst einen zehnjährigen Sohn. Dass sie immer wieder an ihre Geburtsgeschichte erinnert wird, stört sie nicht. Die Rüganerin hat ansonsten eine ganz normale, schöne Kindheit auf dem Dorf erlebt, wie sie sagt. „Ich wurde nicht in Watte gepackt oder besonders behütet“, sagt die Wahl-Rostockerin. Sie blieb Rotraud Hoges einziges Kind. Aus gesundheitlichen Gründen, wie die Mutter sagt. Das Schicksal wollte sie nicht noch einmal herausfordern.

Beispiellose Hilfsbereitschaft

Die Tage und Nächte vor der Geburt schildert die 64-Jährige auch heute noch, als sei es gestern gewesen. „So ein Ereignis vergisst man nicht. Die beiden Piloten sind auf eigene Gefahr geflogen und gelandet.“

Tochter Bettina ist sich sicher: Gäbe es heute wieder so eine Katastrophe, sähe das Ganze anders aus. „Damals haben sich Menschen in Lebensgefahr begeben, um meiner Mutter zu helfen. Dieses große Miteinander gibt es heute nicht mehr so“, sagt die Verkäuferin. Am 2. Januar wird die „Regimentstochter“ 40 Jahre alt. Genau wie der Jahrhundertwinter. Eine große Party zu Ehren ihrer spektakulären Geburt wird sie nicht geben. „Ich will einfach nur meine Lieben um mich haben, ganz gemütlich und idyllisch feiern“, sagt sie. Und wenn ein unerwarteter Gast von der Marine hereinschneit, dann ist er herzlich willkommen – auch ohne Hubschrauber.

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Virginie Wolfram