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MV aktuell Perfekt erhaltenes 500 Jahre altes Schiffswrack in der Ostsee entdeckt
Nachrichten MV aktuell Perfekt erhaltenes 500 Jahre altes Schiffswrack in der Ostsee entdeckt
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19:00 23.07.2019
Ein Blick von oben auf das fotogrammmetrische Modell des Wracks.  Quelle: Deep Sea Productions/MMT
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Rostock/Stockholm

Es ist vielleicht einer der bedeutendsten Wrackfunde in der Ostsee überhaupt: Unterwasserarchäologen haben vor der schwedischen Küste ein nahezu vollständig erhaltenes Schiffswrack aus der Zeit um 1500 entdeckt. Wie die „New York Times“ berichtet, wurde das Wrack zwar schon vor zehn Jahren erstmals registriert, aber erst in diesem Jahr detaillierter untersucht.

Und was dabei herauskam, ist offenbar eine Sensation: Das Wrack ist laut Bericht trotz des Alters von mehr als 500 Jahren in außergewöhnlich gutem Zustand. Der Rumpf ist vom Kiel bis zum Oberdeck erhalten. Auch die Masten mit Teilen der Takelage sind noch da. Darunter ist auch der Bugspriet, die Verlängerung des Vorschiffs über das Deck hinaus (im Bild links oben zu erkennen). Auf dem Waffendeck stehen noch die schwenkbaren Kanonen.

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Eine besondere Darstellungsform anhand der Messdaten, die Fotogrammetrie, lässt das Wrack in der Ostsee grünlich erscheinen. Es gilt als eines der besterhaltenen Wracks aus der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit.

Beiboot lehnt am Mast

Auch weitere selten überlieferte Aufbauten wie eine hölzerne Winde und die Bilgenpumpe, mit der Wasser aus dem Schiffsinneren gepumpt wurde, konnten auf Spezialaufnahmen identifiziert werden. Die größte Besonderheit ist laut Bericht, dass sogar noch das Beiboot des Schiffs an Deck geortet wurde. Es lehnt an einen Mast.

Entdeckt wurde das Wrack bereits 2009 im Zuge der archäologischen Erkundungen für die Gaspipeline Nord Stream von Russland nach Lubmin in Vorpommern. Nord Stream meldete die Entdeckung damals an die zuständigen Behörden. Weitere Maßnahmen seien nicht nötig gewesen, da der Fundort sich außerhalb des Bereichs der Bauarbeiten befand, sagt Nord-Stream-Sprecher Jens Müller.

Spannende Geschichte

Erst in diesem Jahr bei der Erkundung für den zweiten Strang der Pipeline wurde das Wrack von der schwedischen Unterwasser-Erkundungsfirma MMT und Wissenschaftlern der Universitäten Södertörn (Schweden) und Southampton (Großbritannien) mit Hilfe von Unterwasserrobotern genauer untersucht.

Neben dem Erhaltungszustand sei auch der geschichtliche Zusammenhang des Wracks besonders spannend: Laut Bericht werden nur äußerst selten Wracks aus dieser Zeit gefunden. Immerhin sei das Wrack aus der gleichen Periode, in der Columbus Amerika entdeckte. Aus der Zeit des Nordischen Siebenjährigen Krieges (1563–1570) seien dann schon mehr Wracks bekannt, etwa das des Kriegsschiffes „Mars“, das 1564 in der ersten Seeschlacht vor Öland nach einer Explosion sank. Am ehesten lasse sich das noch unidentifizierte Wrack mit Abbildungen der „Gribshunden“ vergleichen. Dieses dänische Schiff sank 1495 vor dem schwedischen Ronneby, sein Wrack ist aber lange nicht so gut erhalten.

Fundgrube Ostsee

Bei den Baugrunderkundungen für Nord Stream wurden schon zahlreiche spannende und bedeutende archäologische Funde gemacht. An der Schwelle zum Greifswalder Bodden hatte die schwedische Marine 1715 etwa 20 Schiffe versenkt, um eine Barriere gegen angreifende Schiffe zu schaffen. Eines dieser Schiffe wurde geborgen. Insgesamt wurden in deutschen Gewässern sechs Wracks beziehungsweise Überreste von Schiffen gesichert.

Vor Finnland wurde unter anderem ein leichter sowjetischer Weltkriegsbomber vom US-Typ Douglas A-20 entdeckt, der zur Hälfte aus dem Sediment ragt.

Tragisches Schicksal

Nachforschungen ergaben eine tragische Geschichte: Drei Besatzungsmitglieder hatten den Absturz überlebt. Sie waren in einer aufwendigen Rettungsaktion von den Finnen aus der Ostsee geholt und an die Sowjets übergeben worden. Bei späteren Einsätzen kamen jedoch alle Drei ums Leben. Ein weiterer spektakulärer Fund vor der finnischen Küste war ein mit knapp 60 Kanonen beladener Lastkahn aus der Zeit um 1800. Insgesamt verzeichnet Nord Stream vor Finnland 32 Objekte von möglichem kulturhistorischen Interesse.

In russischen Gewässern wurden zehn Objekte gefunden, darunter Wracks und bedeutende Einzelteile, wie ein Admiralitätsanker aus dem Jahr 1862 und eine hölzerne Ankerwinde aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Vor Schweden waren es insgesamt sechs Wracks, vor Dänemark sieben.

Parallele zu Wrack in der Pommernbucht

Thomas Dehling, Leiter des Standorts Rostock beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), erinnert der jüngste Fund an ein Wrack, das vor einigen Jahren in der pommerschen Bucht entdeckt wurde. „Es stammte ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert und war besonders interessant, weil es mit Kupferplatten beladen war. So weit nördlich wurde noch nie so eine Fracht nachgewiesen.“ Dieses Wrack war allerdings lange nicht so gut erhalten wie das schwedische: „Es waren lediglich noch Teile des Rumpfs und die Ladung vorhanden“, so Dehling. Insgesamt gebe es in der deutschen Ostsee rund 1000 Wracks, davon etwa ein Viertel von Schiffen.

Dass das schwedische Wrack so gut erhalten ist, ist laut Dehling eine Verkettung glücklicher Umstände: Vor Schweden sei die Ostsee sehr tief und in großen Wassertiefen gibt es weniger Sauerstoff, dadurch verrottet Holz langsamer. „Außerdem ist in dieser Tiefe die Gefahr, dass die Aufbauten durch Fischernetze zerstört werden, geringer“, so Dehling. Ein Problem bei Wracks in großen Tiefen sei dagegen, dass während des Sinkens der Luftdruck im Innern des Schiffs oft derart zunimmt, dass das Heck abgesprengt wird. Das sei aber hier nicht passiert.

Axel Büssem