Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Pitti und Schnatterinchen – Auf Tournee mit den Sandmännchen-Puppen
Nachrichten MV aktuell Pitti und Schnatterinchen – Auf Tournee mit den Sandmännchen-Puppen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:08 28.04.2019
Schnatterinchen und Pittiplatsch. Quelle: DPA/Archiv
Anzeige
Berlin

„Ich begrüße Sie sehr lieb, Herr Fuchs!“, sagt Pitti. Der oft freche Kobold gibt sich große Mühe, freundlich zu sein, und schlägt dann doch wieder über die Stränge: „Willkommen Herr Fuchs, und sei mein Gast. Wenn Du mir was mitgebracht hast!“ Der Fuchs, in leuchtendem Orange und mit Wuschelschwanz, reagiert wie oft ungehalten: „Kreuzspinne und Kreuzschnabel! Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!“ Und die Kinder im Saal lachen und jauchzen.

Wiedersehen mit Pitti und Co. an der Ostsee-Küste

30 Jahre nach dem Mauerfall gehen Pittiplatsch und seine Freunde auf Tournee durch Mecklenburg-Vorpommern: Im Juli gibt es unter anderem in Warnemünde, Stralsund, Boltenhagen und Zingst ein Wiedersehen mit den alten Bekannten aus dem einstigen DDR-Fernsehen: Herr Fuchs und Frau Elster, Pittiplatsch und Schnatterinchen, Moppi und Mischka. Sie zählen zu den ganz wenigen Überbleibseln aus dem Fernsehprogramm des sozialistischen deutschen Staats.

1962 hatte Pittiplatsch seinen ersten TV-Auftritt – beim Sandmännchen, in der Schneiderstube von Meister Nadelöhr. Im „Abendgruß“ des Sandmanns gab es fast drei Jahrzehnte lang aufs Neue Abenteuer und Geschichten, außerdem immer sonntags zur Kaffeezeit.

Noch immer Fernsehstars

Das „Sandmännchen“ ist eine von ganz wenigen DDR-Sendungen, die es noch gibt – im KiKa, im RBB und im MDR. Dort sind die in der DDR „geborenen“ Puppen noch immer zu sehen: Die alten Episoden werden wiederholt. Neue Folgen sollen erstmals seit 1991 nun wieder entstehen, wie der RBB ankündigte. 13 neue Geschichten mit Pitti, Schnatterinchen und Moppi seien geplant. Ein Puppenbauer in Nordrhein-Westfalen baut dafür neue Handpuppen.

Seit Jahrzehnten treten die beliebten Protagonisten aber auch außerhalb des Bildschirms auf. „Solange es Pitti gibt, gibt es schon das Puppenspieler-Ensemble und Tourneeprogramme“, berichtet Mario Behnke, der das Ensemble seit dem Mauerfall managt und oft auch Auftritte im Westen Deutschlands bucht. Im Publikum säßen dort oft Erwachsene, die aus der DDR stammen - oder Bürger, die im Westen auch das DDR-Fernsehen geschaut haben.

Politisch nicht eingeengt

Herz der Truppe war lange der Puppenspieler und -bauer Heinz Schröder, der unter anderem Pitti und Herrn Fuchs seine markante Stimme verlieh. Bis kurz vor seinem Tod 2009 stand er auf der Bühne. „Das Schöne war, dass wir politisch nicht eingeengt waren“, sagte Schröder im Jahr 2008 mit Blick auf DDR-Zeiten. „Man konnte ja einem Fuchs schlecht ein Pionierhalstuch umbinden oder einem Kobold ein Abzeichen für gutes Wissen.“

Schröder habe sich hinter seinen Puppen versteckt und sei sehr scheu gewesen, berichtet Behnke. „Er hatte nicht gerne Kontakt mit dem Publikum und ist nie vor den Vorhang getreten.“ Mit seinem Tod verschwand dann nicht nur Pittis Original-Stimme, sondern auch der einzige Satz Puppen – mit Ausnahme der Ente Schnatterinchen. „Er hatte extra für mich noch eines gebaut“, berichtet Puppenspielerin Bärbel Möllendorf.

Ein Leben für das Kinderfernsehen

Die 80-Jährige ist zusammen mit Barbara Augustin (79) eine der beiden Schnatterinchen-Stimmen. Beide Frauen arbeiteten einst im DDR-Kinderfernsehen, Möllendorf seit ihrem 18. Lebensjahr. „Mein ganzes Leben ist das Kinderfernsehen“, berichtet sie stolz. Sie war lange Ansagerin fast aller Kindersendungen: „Mein kleiner Sohn war zu Hause und Mutti im Fernsehen.“ Die Arbeitsbedingungen seien damals sehr gut gewesen. „Wir hatten alle Möglichkeiten für die Deko, das Geld für DDR-Kindersendungen war üppig.“

Auf den Mauerfall folgte 1991 das Ende des Deutschen Fernsehfunks als Nachfolger des DDR-Fernsehens. „Wir mussten alle gehen und wir haben gerettet, was zu retten ist. Auch die Puppen.“ Und Heinz Schröder, „für mich der größte aller Puppenspieler“, habe gesagt: „Wir machen weiter.“ Dann habe sie gelernt, das Schnatterinchen zu sprechen. „Wenn ich auf der Bühne stehe und die Puppe sehe, vergess' ich alles. Dann bin ich Schnatterinchen.“

Neue Puppen für das Ensemble

Nach Schröders Tod wurden in Dresden neue Puppen für das Ensemble hergestellt. Jede Figur gibt es nur einmal. Und wie lief die Suche nach neuen Pitti-Sprechern? „Unter den Bewerbern waren schreckliche Stimmen“, meint die Puppenspielerin. Schließlich wurden zwei Spieler gefunden. Jede Rolle ist doppelt besetzt.

Von Sophia-Caroline Kosel