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Politik Analyse zur Promi-Kita auf Mallorca
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18:24 04.10.2018
160 000 Euro will die Awo vor rund zwei Jahren für das Haus mit der Nummer 32 aus eigenen Rücklagen bezahlt haben. Zuvor stand es lange leer. Quelle: Awo
Schwerin

Im Gegensatz zu der aufgeregten politischen Debatte um einen Kindergarten, den die Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf Mallorca betreiben lässt, wirkt die Straße, in der sich die Einrichtung befindet, geradezu schläfrig. Ein kleines, für die Region typisches Wohnhaus mit dunkelroten Fensterläden im Schatten eines deutlich höheren viereckigen Wohn- und Bürokomplexes. Ansonsten gibt es auf dieser Seite der Avenue Jaume in Santa Maria del Cami nur Garagen. Gegenüber einige Mehrfamilienhäuser und eine Tierarztpraxis. 4500 Einwohner.

Von der Touristenhochburg Mallorca ist wenig zu spüren in Santa Maria del Cami. Der Ort liegt an der Hauptroute von der Inselmetropole Palma nach Inca im nördlichen Zentrum der Insel. Am Ende der Straße, die vor dem nun umstrittenen Kindergarten entlangführt, kann man in beide Richtungen auf die Autobahn fahren. Bis zum Mittelmeer dauert die Fahrt dann noch eine ganze Weile.

Awo ringt um Rechtfertigung

160 000 Euro will die Awo vor rund zwei Jahren für das Haus mit der Nummer 32 aus eigenen Rücklagen bezahlt haben. Zuvor stand es lange leer, blieben die damals noch verwitterten holzfarbenen Fensterläden über Jahre geschlossen. Im Garten gibt es einen eingezäunten Pool. Wie hoch die Kosten für die gründliche Sanierung und den Umbau des Gebäudes vom Wohnhaus zum Kindergarten waren, will der Geschäftsführer des Awo-Kreisverbandes Schwerin-Parchim, Axel Mielke, nicht sagen, eigentlich will er gar nichts sagen und versucht tagsüber einen Journalisten nach dem anderen abzuwimmeln.

Im Vorstand des Verbandes ist von einem Preis die Rede, der den Kaufpreis des Hauses bei weitem übersteigt. Die Awo beteuert zwar, dass in das Haus keine Landesmittel aus Mecklenburg-Vorpommern geflossen seien, ringt aber zugleich um Rechtfertigung, warum ein Wohlfahrtsverband aus MV, einen Kindergarten auf der Urlaubsinsel betreiben lässt. Bernd Sievers, Chef des Vorstandes der Awo Schwerin-Parchim, spricht von „Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe“ und von der Chance, in Spanien so Erzieher für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen zu können. Sievers: „Zwei Spanier sind inzwischen in einer festen Anstellung bei der Awo.
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„Unsere Arbeit hier wird kaputtgemacht.“

In Schweriner Awo-Kreisen kursiert indes eine zweite Geschichte zur Motivation des Trägers, auf Mallorca eine Kita zu eröffnen, die vor allem mit dem Privatleben von Kita-Leiterin Ariane Bartsch zusammenhängen soll. Sie habe ihrem Ehemann vor drei Jahren auf die Insel folgen wollen, der dort damals selbstständig gewesen sei, heißt es aus dem Vorstand des Kreisverbandes. Deshalb sei nach einer beruflichen Perspektive für sie gesucht worden. Ariane Bartsch selbst weist dies als Unterstellung zurück. Sie sei gemeinsam mit ihrem Mann nach Mallorca gezogen. Auf die Frage, ob das Paar den Lebensunterhalt allein mit dem Kindergarten bestreite, möchte sie nicht antworten.

Noch in Schwerin gehörte Bartsch zu den Führungskräften der Awo, ist Leiterin für die Bereiche Kita und Familie. In einer Übersicht der Landesregierung wird sie als Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen empfohlen. Auf Mallorca fürchtet sie nun um die Reputation ihrer Einrichtung: „Unsere Arbeit hier wird durch die Debatte in Deutschland kaputtgemacht.“

Awo gründet Tochtergesellschaft

In Vorbereitung von Bartschs Wechsel auf die Balearen-Insel gründet der Awo-Kreisverband Schwerin-Parchim eine Tochtergesellschaft nach spanischem Recht, mit der die Schwerinerin zunächst in Räumen in einer Internationalen Schule der Ecolea in Sa Planera einen bilingualen Kindergarten aufbaut. Im September 2015 öffnen sich die Pforten. Bartsch sagt, sie habe mit der Vereinsgründung nichts zu tun gehabt, sondern allein die berufliche Herausforderung gesucht, eine kleine bilinguale Kita zu führen.

Nach einem Jahr sei der Awo von der Schule überraschend gekündigt worden, heißt es in einem Reisebericht des Schweriner Awo-Vorstandes. Mindestens dreimal ist die Awo-Spitze seit der Eröffnung nach Mallorca geflogen. Zweimal soll der achtköpfige Vorstand dazu angehalten worden sein, an den Reisen teilzunehmen. Nach der Kündigung beginnen Ariane Bartsch und ihr Ehemann dem Bericht zufolge mit der Suche nach einer Immobilie. Die Wahl fällt auf das Haus in Santa Maria del Cami, 15 Autominuten vom ersten Standort entfernt. Die Awo kauft das Haus, lässt es sanieren, um die Immobilie dann selbst an die Kita-Tochtergesellschaft zu vermieten.

Hohe Beiträge durch Promi-Eltern

Dass die Einrichtung sich anders als in Deutschland allein über Elternbeiträge finanzieren soll und keine Zuschüsse aus der Awo-Kasse nach Mallorca fließen würden, sei möglich, weil sie zum Teil von Promi-Kindern besucht werde, die im Gegensatz zu anderen Kindern sehr hohe Beiträge bezahlen müssten, heißt es aus dem Vorstand des Awo-Kreisverbandes. Bartsch bestätigt: „Unsere Elternbeiträge sind in der Tat sehr hoch.“ Wie hoch? „Das darf ich Ihnen nicht sagen.“ Später nennt die Awo in Schwerin doch eine Summe: Rund 600 Euro plus Essengeld.

Benjamin Fischer