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Politik „Wir dürfen Russland nicht ständig demütigen“
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00:00 29.03.2017
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Rostock

OZ-Talkgast Sahra Wagenknecht ist gestern Abend im „Politischen Salon“ vom riesigen Zuschauerinteresse überrascht worden. 200 Gäste begrüßten die Linken-Fraktionsführerin mit Applaus in Rostock. Doppelt so viele Interessierte standen noch vor dem Medienhaus. „Es tut mir sehr leid, dass viele nicht dabei sein konnten. Wir dürfen aus brandschutztechnischen Gründen nicht mehr Leser in den Saal lassen. Und Sicherheit geht vor“, sagte OZ-Chefredakteur Andreas Ebel. Die Resonanz sei überwältigend gewesen. Hunderte verfolgten die Veranstaltung im Internet auch über den Livestream.

Was Polit-Talkshows betrifft, ist Sahra Wagenknecht ein Profi. Regelmäßig streitet die schlagfertige 47-Jährige in TV-Gesprächsrunden über aktuelle Themen. Und auch zu Hause am Frühstückstisch mit Ehemann Oskar Lafontaine diskutiere sie gern über Politik, sagte sie eingangs auf eine Frage des Chefredakteurs. „Klar reden wir als Politiker-Paar viel darüber, aber nicht nur. Auch bei uns geht es um Dinge wie Kochen und Gartenarbeit“, erzählte Sahra Wagenknecht – und gestand sofort: „Ich bin allerdings eine furchtbare Köchin, das ist eher Oskars Metier.“

Die Tochter einer Thüringerin und eines Iraners saß fünf Jahre im EU-Parlament und ist seit 2009 Mitglied des Bundestages; inzwischen Oppositionsführerin. Ihr großes Thema ist die soziale Gerechtigkeit. Sie bestimmte auch weite Teile des Abends im OZ-Medienhaus. So hielt die Linken-Frontfrau leidenschaftliche Plädoyers gegen Niedriglöhne, Altersarmut und für bezahlbare Mieten.

Ein OZ-Leser merkte kritisch an, dass die Linke häufig zu überzogene und unrealistische Forderungen habe – beispielsweise beim Mindestlohn. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin widersprach.

Sie fordere zunächst zehn Euro Stundenlohn und später zwölf Euro, das sei nicht übertrieben, andere Länder wie Luxemburg würden das längst zahlen.

Auch eine „sichere und sorgenfreie Rente“ wolle sie für die vielen Menschen im Land, die den größten Teil ihres Lebens gearbeitet haben. Die hohen Abzüge, die derzeit all jene ereile, die mit Ende 50 arbeitslos werden, seien „menschenverachtend“. „Es gab früher mal bessere Regeln, die wollen wir wiederherstellen“, betonte Wagenknecht. Angesprochen auf ihre ostdeutsche Herkunft, fügte sie hinzu, dass eine Angleichung der Ost- an die Westrente mehr als überfällig sei. Die Linken-Politikerin bezeichnete dieses Thema als eine „Grundbedingung für die Zusammenarbeit“ im Falle einer Regierungskoalition mit SPD und Grünen.

Eine weitere Leser-Frage zielte auf das bedingungslose Grundeinkommen ab. Dem Thema erteilte die 47-Jährige eine klare Absage. „Das ist kein gutes Konzept, denn wenn die Einkommenshöhe menschenwürdig sein soll, dann ist das nicht finanzierbar. Dann müsste man fast die Hälfte der Sozialabgaben umverteilen. Das funktioniert nicht“, sagte Sahra Wagenknecht.

Eine Erbschaftssteuer von bis zu 75 Prozent für Superreiche wiederum sei dringend nötig. „Es ist doch skandalös, dass riesige Summen vererbt werden. Erben ist keine Leistung“, hob die Wahl-Saarländerin hervor. Dabei ginge es nicht um jene, die „kleine Häuschen erben“ würden, sondern um Millionäre. Wenn BMW-Erben nur 750000 Euro statt drei Millionen pro Tag bekommen würden, sei das „immer noch nicht der soziale Abstieg“.

Was die Außenpolitik der Bundesrepublik betrifft, sprach sich Sahra Wagenknecht für eine Wende aus. Szenenapplaus vom Publikum erntete sie für die geforderte Annäherung an Russland. „Nur gemeinsam können wir die großen Probleme lösen. Das heißt nicht, dass ich Putin-Fan bin. Aber wir dürfen Russland nicht ständig demütigen und reizen. Das macht die Welt gefährlicher“, ist sich die Oppositionsführerin sicher.

Als Schlussfrage stellte der OZ-Chefredakteur „die schwierigste des ganzen Abends“, wie Sahra Wagenknecht anmerkte: Was schätzen Sie an Kanzlerin Angela Merkel? „Bei aller Kritik, die ich an ihrer Politik habe, ist sie als Person im Gegensatz zu einigen Vorgängern authentisch, bescheiden und integer. Sie wird nach ihrer Kanzlerschaft wohl nicht bei Gazprom Millionen scheffeln“, lautete die Antwort.

Virginie Wolfram

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