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MV aktuell Politikwissenschaftler: Darum sind Quereinsteiger bei Kommunalwahlen beliebt
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06:52 18.06.2019
Kamil Marcinkiewicz ist Politikwissenschaftler an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Quelle: Kamil Marcinkiewicz
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Rostock

Kamil Marcinkiewicz ist Politikwissenschaftler an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die empirische Wahlforschung. Die Bürgermeister-Stichwahlen in MV am vergangenen Sonntag gingen häufig zu Gunsten der parteilosen Kandidaten aus. OZ hat Marcinkiewicz gefragt, woran das liegt.

Viele parteilose Kandidaten haben die Bürgermeisterwahlen in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen. Ist es allgemein ein Trend, Politikneulinge zu wählen?

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In der Kommunalpolitik war es schon immer so, dass parteilose Kandidaten allgemein gesehen beliebter sind als Parteiangehörige. Es gibt drei Arten von Politikern: Die, die sich innerhalb einer Partei langsam hocharbeiten, diejenigen, die eine Politkarriere auf Bundesebene beginnen und die Quereinsteiger. Die beiden Letztgenannten nehmen immer weiter zu, während die Erstgenannten kaum noch vertreten sind.

Woran liegt das? Was machen die Parteien falsch?

Bei Bürgermeisterwahlen kommt es darauf an, konkrete Antworten auf die konkreten Probleme der Bürger zu haben. Parteiprogramme sind dafür oft zu allgemein gehalten. Die Ideologie von Parteien spielt bei solchen Wahlen eine eher geringe Rolle. Die Interessen, die vertreten werden müssen, hängen von der Einstellung der jeweiligen Stadt oder Gemeinde ab. Darauf sollten die Parteien besser eingehen.

Welche Vorteile haben dagegen politische Quereinsteiger?

Sie bringen andere und vor allem neue Sichtweisen mit. Sie können Probleme meist leichter identifizieren als langjährige Politiker – sie sind noch nicht berufsblind. Daher wirken sie auf die Bürger überzeugender und sprechen vielleicht auch Leute außerhalb des üblichen Wählerkreises an, die sich vorher nicht von der Politik angesprochen gefühlt haben. Dieses Phänomen konnten wir in den letzten Jahren weltweit beobachten. Das wohl berühmteste Beispiel ist der US-amerikanische Präsident Donald Trump.

Was können die Parteien tun, um glaubwürdiger zu werden und das Vertrauen der Wähler wiederzuerlangen?

Ein große Schwierigkeit ist, dass die Parteien eindeutige Probleme der Bürger nur schwer identifizieren können. Die einzelnen Grundsatzprogramme sind zu allgemein formuliert – da müssen sie raus. Breite Bündnisse könnten dem in Zukunft Abhilfe schaffen, was allerdings eine große Herausforderung darstellt. Zudem sollten die Parteien vor Ort mehr Präsenz zeigen. Sie müssen mehr Mitglieder gewinnen, die vor Ort aktiv sind. Parteien dürfen sich nicht auf ihren Spitzenkandidaten in Berlin ausruhen, sondern müssen sozusagen Politik von unten machen.

Brauchen wir vielleicht auf Dauer keine gar keine Parteien mehr für eine Demokratie?

Doch. Vor allem bundesweit gesehen sind Parteien unerlässlich. Sie spielen eine konstruktive Rolle, indem sie unterschiedlichen Gruppen der Bürger helfen, sich zusammenzutun und ihre gemeinsamen Interessen durchzusetzen. Sie können Antworten auf die großen relevanten Themen geben und senden Parteisignale, die bei den Parteilosen fehlen. Eine Partei steht für eine Ideologie und erleichtert den Wählern auf Bundesebene so die Wahlentscheidung, da man sich nicht mit dem Lebenslauf jedes Kandidaten auseinandersetzen muss, wie es bei Parteilosen der Fall ist.

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Maria Baumgärtel

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