Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
MV aktuell Prominenter Besuch auf Usedom: Kennen Sie noch Emöke Pöstenyi?
Nachrichten MV aktuell

Prominenter Besuch auf Usedom: Kennen Sie noch Emöke Pöstenyi?

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:40 05.10.2021
Die frühere Solistin des DDR-Fernsehballetts Emöke Pöstenyi und der bekannte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase machten auf ihrer Lesereise auf Usedom Station.
Die frühere Solistin des DDR-Fernsehballetts Emöke Pöstenyi und der bekannte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase machten auf ihrer Lesereise auf Usedom Station. Quelle: Cornelia Meerkatz
Anzeige
Heringsdorf

Erinnern Sie sich noch ans Fernsehballett? Eine lange Reihe schlanker, junger Tänzerinnen mit langen Beinen, die irgendwie einen Körper aus Gummi zu haben schienen, so ausgefallen und geradezu akrobatisch konnten sie sich bewegen. Und dann diese beiden Solistinnen – Emöke Pöstenyi (die mit dem Bob) und Susan Baker (die mit dem Wuschelkopf). Beide lösten regelmäßig wahre Begeisterungsstürme im Publikum wie auch bei den Zuschauern vor dem Fernseher aus.

Die gebürtige Ungarin Emöke Pöstenyi, mittlerweile 79 Jahre alt, ist noch immer eine interessante Persönlichkeit – geistig hellwach, unternehmungslustig und ausgesprochen kommunikativ. Den ungarischen Akzent in der deutschen Sprache – dieser weiche, warme Singsang mit dem rollenden R und den manchmal etwas langgezogenen Silben – hat die begnadete Choreografin in all den Jahren in Deutschland nicht abgelegt. 1960 habe ihre Mutter sie in die damalige DDR geschickt, damit sie ordentlich Deutsch lerne, Talentsucher hatten sie auf diese Möglichkeit hingewiesen.

„Wo bin ich gelandet: in Meiningen“, sagt Pöstenyi und lacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie in Budapest bereits eine klassische Ballettausbildung hinter sich, die sie privat genommen hatte. Nach einem Jahr Meiningen ging es nach Dresden und dann nach Berlin – wo sie blieb.

Der wunderbare Beruf der Choreografin

Sie begann zunächst am Friedrichstadtpalast und war dann der Star des DDR-Fernsehballetts: Die ungarische Schönheit war zunächst Solistin, später Chefchoreografin und Chefin des Ensembles. Sie leitete es über Jahrzehnte und rettete es über die Wende. Außer für das Fernsehballett choreografierte sie für den Friedrichstadtpalast, die Komische Oper, die Staatsoper Unter den Linden und für das Metropoltheater.

Emöke Pöstenyi liegt viel daran, dass die Menschen ihren wunderbaren Beruf der Choreografin verstehen – wie viel Arbeit dahinter steckt, bis alles so leicht aussieht, als schüttelten die Tänzer die Schrittfolge aus dem Ärmel. Dabei ist es ein Knochenjob, denn vom ersten Schritt bis zur letzten Verbeugung muss nicht nur für jeden Tänzer und jede Tänzerin jeder Schritt aufgeschrieben werden, sondern auch noch, wo und in welcher Richtung dieser Schritt zu erfolgen hat. „Es muss vor dem geistigen Auge der Choreografin wie ein Film ablaufen“, weiß sie.

Emöke Pöstenyi in jungen Jahren, als sie Solistin des DDR-Fernsehballetts war. Quelle: privat

Über diese schwere Arbeit, die so leicht aussieht, hat sie dem Publikum am Dienstagabend in der Villa Irmgard in Heringsdorf berichtet. Es war eine Premiere – und die bühnenerfahrene Emöke Pöstenyi deshalb aufgeregt wie lange nicht. „Wer will das hören? Kennt mich überhaupt noch jemand?“, fragte sie wieder und wieder und man spürt die Leidenschaft, mit der sie noch immer für diesen Beruf der Choreografin brennt. „Ich bin aus tiefstem Herzen dankbar, dass ich das alles in der DDR machen durfte“, erklärt sie dann und erläutert: „In der heutigen Zeit ist alles viel oberflächlicher. Heute werden Tänzerinnen und Tänzer am Telefon zusammengesucht, kurz geprobt, fertig. Das sieht man auch, aber es ist nicht meine Vorstellung von Tanz und Choreografie. Ich habe immer Wert auf Akkuratesse gelegt. Es muss wie aus einem Guss sein“, betont sie.

Die Tatsache, dass durch die Generationen hindurch Menschen mit dem Namen Emöke Pöstenyi etwas anfangen können, beruhige sie zwar etwas, „aber Heringsdorf wird mir zeigen, ob es eine gute Idee war mit dieser Lesung.“

„Wir tingeln von Insel zu Insel“

Körperlich klein wirkt Pöstenyi jetzt. 1,71 Meter sei sie groß gewesen, ihre Kollegin Susan Baker zwei Zentimeter größer. „Das Alter, ich bin eingelaufen, was soll ich machen“, erklärt sie. Auf den Mund gefallen ist sie nicht. Ob sie noch so perfekt wie einst Spagat könne? „Spagat – gute Idee. Ich sollte es probieren. Wahrscheinlich kann ich es noch. Nur beim Aufstehen muss mir jemand helfen.“ Sagt’s und lacht wieder lauthals.

Genauso sympathisch agiert ihr Mann Wolfgang Kohlhaase, der bekannte Drehbuchautor von „Solo Sunny“, „Sommer vorm Balkon“, „Die Stille nach dem Schuss“ und „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Das Paar ist mit seinem „kleinen Wanderzirkus unterwegs. Wir tingeln von Insel zu Insel und lassen es uns gut gehen. Manchmal hört auch jemand unseren Geschichten zu“, sagt Kohlhaase und ein verschmitztes Lächeln macht sich in seinem Gesicht breit.

Kohlhaases beeindruckende Prosa

Der „kleine Wanderzirkus“ besteht außer ihm und seiner Frau noch aus den Schauspielerinnen Bastienne Voss und Ines Burdow. Die haben sich Kohlhaases Prosa angenommen, denn außer grandiosen Drehbüchern schreibt der Mann – inzwischen 90 Jahre alt – auch noch Kurzgeschichten. Einer seiner Bände heißt „Um die Ecke in die Welt“. „Es sind Erinnerungen an Kollegen, kleine Porträts, Antworten auf Fragen zur Kulturpolitik, die Schönheit und Schwierigkeit, Literatur zu lieben – das alles habe ich aufgeschrieben. Manche Geschichten liegen ja sozusagen auf der Straße, man muss sich nur bücken und darf nicht zu faul sein, sie aufzuheben“, sagt Kohlhaase.

Ihr Newsletter von Deutschlands schönster Insel

Jeden Freitag um 18 Uhr erhalten Sie von uns einen Newsletter in Ihr Postfach. Wir zeigen Ihnen, dass Deutschlands schönste Insel, nämlich Usedom, viel mehr zu bieten hat als nur Sonne und Sand.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Bastienne Voss und Ines Burdow haben sich Kohlhaases Prosa vorgenommen und in Absprache mit ihm – er ist immer dabei – eine Lesung erarbeitet. Sie soll diese wunderbaren Geschichten einem breiteren Publikum bekannt machen, und sie ist natürlich auch ein Geburtstagsgeschenk an den großen Autor. Es ist ein wenig Koketterie dabei, wenn Kohlhaase sagt, dass er zuhört, wenn die Frauen alles so schön vortragen. Nur manchmal müsse er auch seinen Senf dazugeben. Emöke Pöstenyi lacht lauthals.

Über ein halbes Jahrhundert zusammen

Seit über 50 Jahren sind die beiden verheiratet. „Eine Ewigkeit, aber zum Glück war es eine kurze lange Ehe“, versichert sie. Will heißen, beide haben sich grenzenlos vertraut und doch stets genügend Freiraum gelassen, beruflich und privat. „Ich habe erst die letzten zehn Jahre, wo wir tatsächlich jeden Tag zusammen sind, erfahren, wie anstrengend es sein kann, immer den Mann um sich zu haben“, meint sie dann. Für Wolfgang Kohlhaase ein großes Kompliment.

Pöstenyi und Kohlhaase sind zum ersten Mal auf Usedom (oder sie verraten die anderen Aufenthalte nicht). Gern würden sie wiederkommen – „im goldenen Herbst, wenn er wirklich hier zu erleben ist. Wir haben ja nur Wolken und Regen kennengelernt. Aber der Wein im Hotel war gut“, meint das Paar – und geht Arm im Arm davon.

Von Cornelia Meerkatz