Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Rätsel um Flugzeugwrack von Usedom: Stürzten diese Piloten 1944 in die Ostsee?
Nachrichten MV aktuell Rätsel um Flugzeugwrack von Usedom: Stürzten diese Piloten 1944 in die Ostsee?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:26 16.07.2019
Vier der zehn Crewmitglieder der Unglücksmaschine „Seiler’s Beavers“ starben. Quelle: Sammlung Manfred Kanetzki
Anzeige
Peenemünde/Wismar

Nach der Bergung eines Flugzeugwracks bei Peenemünde auf Usedom hat sich jetzt ein möglicher Augenzeuge des Absturzes gemeldet: „Ich konnte die Piloten in der Kanzel sehen“, erinnert sich Matthias Schubert. Er war 1944 als 15-Jähriger Flakhelfer auf der Insel Ruden (nördlich der Insel Usedom) und beobachtete die missglückte Notlandung eines beschädigten amerikanischen Bombers aus nächster Nähe. Ob die gefundenen Wrackteile von diesem Bomber stammen, ist offen. Es würde jedoch zu den Erinnerungen des heute 91-Jährigen passen. „Dieses Erlebnis hat mein Leben geprägt“, sagt Schubert, der heute in Wismar lebt.

1944 war er Richtkanonier an einer der vier 8,8-Zentimeter-Flugabwehrkanonen auf dem Ruden. Während der Pfingstfeiertage saß er am Funkmessgerät, mit dem anfliegende Feindmaschinen aufgespürt werden sollten. „Plötzlich tauchte ein Pulk amerikanischer Bomber auf dem Schirm auf. Ich zählte etwa 700 Maschinen.“ Der Batteriekommandant schickte Schubert an die Kanone. „Aber die Maschinen flogen zu hoch: Wir konnten bis 7000 Meter schießen, sie waren auf 7500 Metern.“ Also wurde Entwarnung gegeben, die Vorgesetzten nahmen an, dass die Bomberflotte Stettin oder Königsberg angreifen würde. Die Soldaten durften Essen fassen.

Galerie: Flugzeugwrack vor Peenemünde entdeckt

Auf Usedom ist ein Flugzeugwrack aus der Ostsee geborgen worden. Zunächst spekulierten Experten: Es könnte ein US-Bomber sein.

Notwasserung eines Piloten missglückte

„Als ich gerade das Kochgeschirr in der Hand hatte, gab es wieder Alarm“, schildert Schubert. Die Flugzeuge kamen zurück, einige davon flogen sehr tief – offensichtlich waren sie beschädigt. Schubert schoss selbst auf eine dieser Maschinen. „Der Pilot versuchte vor meinen Augen, auf der Ostsee notzulanden.“ Doch die Notwasserung misslang. „Die rechte Flügelspitze tauchte ins Wasser, das Flugzeug überschlug sich und brach auseinander“, sagt Schubert. „Ich weiß noch, wie kurz vorher die Motoren abgestellt wurden. Plötzlich war es ganz leise.“

Lesen Sie auch: Usedomer Historiker: So lief der Absturz des US-Bombers vor Peenemünde ab

Nach der Bruchlandung kletterten mehrere überlebende Besatzungsmitglieder aus dem Wrack. „Mein Kommandant fuhr mit dem Schlauchboot raus und nahm sie gefangen.“ Anschließend wurden die Toten geborgen. „Dabei sollten wir Jungs aber wegschauen“, so Schubert. Dennoch: „Als 15-Jähriger so etwas mitzuerleben – das hat mich jahrzehntelang nicht losgelassen.“

Im Visier der Peenemünder Flak

Schuberts Schilderung hat deutliche Parallelen mit dem vom Usedomer Hobby-Historiker Manfred Kanetzki beschriebenen Abschuss eines amerikanischen B-24-Bombers am 29. Mai 1944. Insgesamt 993 Maschinen hatten an diesem Pfingstmontag Stettin und Tutow angegriffen und flogen auf dem Rückweg dicht an der vorpommerschen Küste entlang. Dabei gerieten sie ins Visier der Peenemünder Flak: „Bei einem Bomber wurden durch mehrere Flaktreffer Motor vier zerstört und Motor drei beschädigt. Diese Treffer brachten den Bomber letztendlich etwa zwei Kilometer nordöstlich von Karlshagen zum Absturz“, schreibt Kanetzki.

Vier Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, sechs gerieten in Gefangenschaft. Sollte an dem jetzt gefundenen Wrack eine Seriennummer gefunden werden, ließe sich das abgleichen: Die Nummer der am Pfingstmontag 1944 abgeschossenen Maschine ist Kanetzki bekannt. Für die Besatzung war sie die „Seiler’s Beavers“ – benannt nach ihrem Piloten Robert Seiler.

Luftabwehr schoss ein Dutzend Maschinen ab

Einige Monate nach dem Angriff wurde laut Schubert die Flugabwehr vom Ruden abgezogen. Sie hatte die Aufgabe, die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde zu schützen, wo die Rakete V2 entwickelt und getestet wurde. „Im September hieß es, die Rakete sei jetzt einsatzbereit“, erinnert sich Schubert. Peenemünde musste also nicht mehr geschützt werden, da die Serienproduktion der V2 in Mitteldeutschland unter die Erde verlegt worden war. Insgesamt soll die Luftabwehr 1943/44 etwa ein Dutzend alliierte Maschinen abgeschossen haben.

Was aus „seinem“ Flugzeugwrack vom Pfingstangriff geworden ist, weiß Matthias Schubert nicht – aber er kann sich durchaus vorstellen, dass die jetzt vor Karlshagen geborgenen Trümmerteile von dieser Maschine stammen. Der Fundort liegt nur wenige Kilometer von der von Schubert beschriebenen Absturzstelle entfernt. Die „Seiler’s Beavers“ war 1944 jedenfalls nicht geborgen worden.

Lesen Sie auch:
Historischer Weltkriegsfund vor Peenemünde – oder doch nur Schrott?

Axel Büssem und Hannes Ewert