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MV aktuell Rausch und Dunkelheit: Leiser Film über Berghain-Kult-Türsteher
Nachrichten MV aktuell Rausch und Dunkelheit: Leiser Film über Berghain-Kult-Türsteher
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13:29 31.01.2019
Das Model Dominique „Dome"“Hollenstein und der Fotograf Sven Marquardt Quelle: Annekatrin Hendel
Berlin

Der Sound des Ostens nach der Wende. Viel gepriesen als die schmutzige, ostpunkige Subkultur mit Prenzlberg-Gen. Selten gehört, selten gesehen, gern verschwiegen – außer eben in Suburb-Galerien und Kultureinrichtungen mit Ostaffinität. Der untergehenden DDR wollte damals niemand eine eigene Ästhetik zugestehen. Das zeigt sich am besten an ihren kulturellen Proagonisten. Die Berliner Filmemacherin Annekatrin Hendel hat sich mal wieder sehr persönlich und intensiv an ihrem Ostkosmos abgearbeitet. Auf der Berlinale feiert am 13. Februar ihr neuer Film „Schönheit & Vergänglichkeit“ über den Fotografen und legendären Türsteher der Techno-Disco Berghain, Sven Marquardt (56), und die Ost-Berliner Models Dominique „Dome“ Hollenstein (55) und Robert Paris (56) – ebenfalls Fotograf – Uraufführung in der Sektion „Panorama“ (Premierenkino International ab 17 Uhr). Gesponsort wird der Film von der Filmförderung MV.

Die 55-Jährige Bewegbildkünstlerin vermisst den ostdeutschen Kosmos seit Jahren eben nicht verklärend, ostalgisch mit der x-ten Filmauflage über Plattenbauromantik, Trabigedödel, Datschenidylle, Stonewashed-Jeans und Ein-Strich-kein-Strich-Jacken. Hendel holt die Menschen vor die Kamera, die irgendwo im Osten eine Rolle spielten, ohne dass die Leitmedien im Westen das mitbekamen. Die Mode-Fotografin Sibylle Bergmann („Sibylle“ 2011), Rammstein-Drummer Christian „Flake“ Lorenz, zu Ostzeiten Fixstern der Ost-Berliner Punkszene („Flake“ 2011), der Schriftsteller Paul Gratzik, 20 Jahre IM („Vaterlandsverräter“ 2011), – allein drei sehr unterschiedliche Filme innerhalb eines Jahres, die die Spannweite des Hendelschen Vermessungskosmoses skizzieren. Und natürlich Sascha Anderson (2014), dem Stasi-IM aus der ostberliner Kulturszene (2014) und „Familie Brasch“ (2018) über den früheren DDR-Vize Horst Brasch, dessen Sohn Thomas Brasch (1945-2001) als Student und Schriftsteller mit dem System aneckte, vom Vater denunziert in Haft ging und in den Westen wechselte.

Dazu Filme wie „Zonenmädchen“ (2013) über fünf ostdeutsche Freundinnen oder „Fassbinder“ (2015) über den Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982). Hendel hat mit der Produktion “Über Leben in Demmin“ (2017) über den Massenselbstmord der Menschen in der ostvorpommerschen Stadt zu Kriegsende 1945 ein völlig neues Thema angepackt. Auch „Fünf Sterne“ über die letzten sechs Monate im Leben ihrer Freundin, der Berliner Künstlerin Ines Rastig, war ein sehr persönlicher Film. Rastig hatte im November 2015 die Diagnose Krebs mit der Lebenserwartung von zwölf Wochen erhalten. Auf Initiative ihrer Freundin Annekatrin Hendel durfte sie bis zu ihrem Tod im Mai 2016 im Ahrenshooper Hotel „The Grand“ leben, begleitet von der Filmemacherin und ihrer Kamera.

Fotograf und Kult-Türsteher im Berghain, Sven Marquardt Quelle: Annekatrin Hendel

„Konstruktion des Ostdeutschen“

Der Hendel-Kosmos scheint bildgewaltig und unendlich und bedient sich immer wieder im Persönlichen. Hendel filmt Menschen die sie berühren, und fasst Themen an, die über die Menschen berühren. Eine Art filmische Dekonstruktion zur Mainstream-Meinung über die DDR-Bevölkerung. So auch nun wieder in „Schönheit & Vergänglichkeit“. Hendel zitiert zu ihrer Motivation für diesen Film den Sozialwissenschaftler Thomas Abbe, der 2010 von einer „Konstruktion des Ostdeutschen“ schrieb. Einer Sicht auf den Osten und seiner Vergangenheit, die mit der Lebenswirklichkeit sehr vieler Menschen und ihrer Erinnerungen wenig gemein hat. Das Bild sei „gleichgeschaltet“, schrieb Abbe. „Das Leben uniform bis in den Kleidungsstil hinein, stasi-durchsifftes Grau-in-Grau einer Mangelgesellschaft von Duckmäusern und Denunzianten“.

Klar, dass in diesem Fokus ein Künstler wie Marquardt stört, da er Ende der 80er eben etwas anderes festgehalten hat. Schräge Vögel, die Außenseiter der Außenseiter, Maximalkreative einer Ostberliner Bohème und Punkbewegte, als der Punk im Westen längst Folklore und Deko war. Nacht, Rausch, Exzess, Dunkelheit strahlen seine Werke aus. Annekatrin Hendel sagt über Sven Marquardt, der nach der Wende als legendärer, tätowierter Edel-Punk und Schrankwand an der Tür der Berliner Techno-Disco Berghain und Türsteher im „Ostgut“ populär wurde, dass er schon vor der Wende ein „Ausnahme-Künstler“ gewesen ist. Und genau dies, so Hendel, „versperrte ihm nach dem Mauerfall eine Künstlerkarriere“.

Das Zentrum der Prenzlberg-Bohème

Nun lässt sie sie wieder aufeinander treffen, die Ästhetik-Ikonen ihrer Vergangenheit, die sie „irgendwie schon immer kennt“, und über die sie sagt: „In diesem elitären kleinen Kreis der Prenzlberg-Bohème waren diese Drei so eine Art Zentrum. Als Trio stachen sie in dieser Szene noch einmal heraus. Sie prägten ein Lebensgefühl, das den Prenzlauer Berg über die deutschen Grenzen hinaus legendär macht.“ „Dome“ hat gemodelt, Marquardt hat Porträts gemacht, Paris die Stadt porträtiert und auch gemodelt. „Dome“ sagt heute: „Wenn ich die Fotos von damals sehe, ist es, als hätte ich Urlaub in einem ganz anderen Leben, in einem ganz anderen Land.“

Die Regisseurin und Dok-Filmerin Annekatrin Hendel Quelle: Martin Farkas

Und nun, 35 Jahre später, habe Marquardt, und das zeigt der Film, den Anspruch, ein Foto von seinem Lieblingsmodel zu machen, das so schön ist wie damals, als sie Anfang 20 war. „Dome“ ist 55, Robert Paris hatte Deutschland nach der Wende den Rücken gekehrt und ist nach Indien ausgewandert und Sven Marquardt ist als Fotograf gerade dabei, Weltkarriere zu machen. Die Berliner Galerie Deschler hat seine Bilder gerade in der Ausstellung „Pack“ gezeigt.

Hendel sagt über ihren leisen Film, der von einem harten Hund erzählt: „Es geht um selbstbestimmtes Leben. Man erfährt, dass die Drei schon immer rebellisch waren und in jedem System ihr Ding machen. Es ist ein schöner Film, von dem ich hoffe, dass die Menschen glücklich sind und mit einem Lächeln rausgehen.“

Michael Meyer

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