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MV aktuell Diese Männer bringen unsere Weihnachtsbäume
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20:42 23.11.2018
Nordmanntannen wachsen in verschiedenen Größen auf der Plantage der Schauer&Lindner Pflanzenschule GmbH in Wiepkenhagen. Betriebsleiter Gerhard und sein Sohn Frank Lindner schauen sich um, mit dabei Hund Lennard. Quelle: Martin Börner
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Wiepkenhagen

Bäume soweit das Auge reicht: Zehntausende Tannen wiegen im Wind, bunte Bänder flattern an den Zweigen, ein aromatisch-harziger Nadelduft liegt in der Luft. So idyllisch die Stimmung in der Weihnachtsbaumplantage in Wiepkenhagen (bei Barth) gerade wirkt, hinter den Kulissen der Pflanzenschule Schauer&Lindner rattert die Weihnachtsmaschinerie einen Monat vor Heiligabend bereits auf Hochtouren.

Monatelang hat Familie Lindner mitgefiebert, dass die Tannen diesem Wahnsinnssommer standhalten. „Die Nordmanntanne kommt ja ursprünglich aus dem Kaukasus und ist robust, ein echter Stressbaum, der was abkann. Aber die 60 000 Jungpflanzen, die wir im April in die Erde gebracht haben, sind allesamt eingegangen, regelrecht verbrannt. So einen Sommer haben wir noch nie erlebt“, sagt Gerhard Lindner (66), Betriebsleiter und Seniorchef des Unternehmens. Die Baumpreise für die Kunden seien aber trotz des Sommers nicht gestiegen.

Preise für Kunden bleiben stabil

Das deckt sich mit den Angaben des Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger (BVWE). In Ost- und Norddeutschland seien in vielen Gebieten die Neuanpflanzungen bis zu 100 Prozent vertrocknet, heißt es vom Verband. In acht bis zehn Jahren, wenn die Weihnachtsbäume die richtige Größe erreicht haben, könnte es durch diesen Sommer Engpässe beim Angebot geben.

27 Millionen Weihnachtsbäume bundesweit

Regionale Bäume sind auch 2018 besonders gefragt, schätzt der Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger (BVWE). Beliebt sind vor allem Baumgrößen zwischen 1,50 und zwei Meter und Events wie das Selbstschlagen des Baums. Es steige der Anspruch an Makellosigkeit.

Die Landesforst MV hat 23 150 Weihnachtsbäume 2017 verkauft. Hinzu kommen die Zahlen der gewerblichen Plantagen. Bundesweit waren es rund 29,5 Millionen Weihnachtsbäume laut Holzindustrieverband. Die Nordmanntanne bleibt mit Abstand der beliebteste Weihnachtsbaum.

Lindners haben allerdings vorgesorgt, und nach dem Verlust im Frühjahr im September ein zweites Mal neue Bäume angepflanzt. „Sollten solche Sommer zum Dauerzustand werden, müssen wir unsere Pflanzzeit vielleicht generell auf September verlegen. Aber dann fehlt uns eine Vegetationszeit“, sagt Gerhard Lindner.

Liefern Tannen bis nach Prag

„Die Nachfrage war noch nie so groß. Auch beim Schnittgrün für die Gräber wurden in diesem Jahr 70 Tonnen geordert. Es gab extrem wenig auf dem Markt, weil soviel vertrocknet ist“, sagt Junior-Chef Frank Lindner (44), zuständig für die Produktion. 22 Mitarbeiter auf Hof und Feld haben täglich alle Hände voll zu tun, die Bäume mit einem hydraulischen Kneifer abzunehmen und versandfertig zu machen. In diesem Moment fährt ein Laster vor, er soll 1500 Bäume nach München bringen. Dafür liegen Paletten mit Hunderten eingenetzten Tannenbäumen abholbereit auf dem Hof. Familie Lindner liefert ihre Nordmanntannen inzwischen bis nach Prag und Bratislava. Nordmanntannen seien sehr nadelfest und es mache ihnen nichts aus, wenn sie noch einige Wochen überdauern müssen, bis sie in die Wohnungen kommen – entscheidend sei, dass sie schattig, kühl und windgeschützt liegen.

1991 hat Gärtnermeister Gerhard Lindner die Firma gemeinsam mit einem Partner aufgebaut. Seitdem ist sie kontinuierlich gewachsen: 800 000 Bäume auf 106 Hektar Plantage gibt es heute. 50 000 Nordmanntannen und einige Blaufichten davon sind in diesem Jahr dazu auserkoren, die Stuben der Menschen zu schmücken und erleuchten. Sie tragen bunte Bänder, je nach Farbe stehen die für unterschiedliche Qualitätsstufen.

Online-Nachfrage ist gestiegen

Außerdem bedient der Betrieb seit drei Jahren auch Online-Kunden. „Immer mehr Menschen bestellen den Baum im Internet. Wir rechnen dieses Jahr mit über 2000 Bäumen, die wir in Spezialkartons verschicken“, sagt Betriebsleiter Frank Lindner. Diese Kunden wollen es möglichst bequem und zeitsparend.

Die diesjährigen Weihnachtsbäume haben das Dürre-Jahr ganz gut verkraftet, sagt Gerhard Lindner. „Die älteren Tannen kriegen als tiefe Pfahlwurzler auch bei Trockenheit ihr Wasser, aber der Habitus der Tanne hat insgesamt etwas abgenommen“, erklärt er. Die Bäume seien nicht ganz so füllig, wiegen statt der 14 oder 15 Kilogramm jetzt vielleicht zwölf Kilo.

Jeder Baum wird aufwendig gepflegt

Lässt man den Blick über die diesjährige Plantage zum Selbstschlagen schweifen, fällt dem Laien das nicht gleich auf. Die Nadeln glänzen grün, satt und feucht, fassen sich geschmeidig an. Die Zweige wirken voll. Erst bei näherem Hinsehen sieht man, dass die Nadeln nicht überall dicht aufgereiht sind. Diese Bäume bekommen aber kein Bändchen, sondern Zeit sich bis zum nächsten Jahr zu erholen.

Die Lindnersche Liebe zu den Nordmanntannen zeigt sich in der Pflege der Pflanzen. Wenn der Plantagen-Chef die Gesundheit der Bäume beurteilt, schaut er immer auf die „Augen“, an den Terminalspitzen der Tannen. Je mehr Augen dort zu sehen sind, desto besser geht es den Bäumen, sagt er. „Wenn sie nur noch zwei Augen haben, stimmt etwas nicht, dann hat der Baum Stress“, sagt Lindner. In der Plantage zum Selbstschlagen haben die Bäume oft sechs oder sieben „Augen“ an der Spitze. Jeder einzelne Baum werde fünf, sechs Mal im Jahr begutachtet, gepflegt und notfalls werde auch Hand angelegt, um mit kleinen Hilfsmitten zu erreichen, dass er am Ende die perfekte Form hat. „In jeder Tanne steckt deshalb viel Arbeit und Zeit drin. Alle werden zertifiziert“, sagt der 66-Jährige.

Einen Monat vor Heiligabend haben die Mitarbeiter auf den Weihnachtsbaumplantagen im Land alle Hände voll zu tun. Vor allem das Onlinegeschäft mit den Bäumen nimmt zu. Hier einige Impressionen von der Schauer&Lindner Pflanzenschule in Wiepkenhagen zwischen Ribnitz-Damgarten und Stralsund, die insgesamt 50 000 Weihnachtsbäume für 2018 verkaufen will.

Tannen selbst schlagen schon jetzt möglich

Wer seinen Baum selbst schlagen möchte, kann das bereits jetzt in einem ausgesuchten Feld tun. Wer Hilfe beim Aussuchen und Abnehmen der Bäume möchte, ist zum Weihnachtsbaumfest der Lindners am 15. Dezember willkommen. Nach dem dritten Advent können noch bis Heiligabend die vorbereiteten Bäume gekauft werden. Blaufichten, die anders als Nordmanntannen nur vier Tage durchhalten bis sie nadeln, vergebe er allerdings nur an „Paare, die nicht streiten“, sagt der Gärtnermeister augenzwinkernd.

Selbst Kunden, die auf die letzte Minute verzweifelt auf seinen Hof fahren, haben noch Chancen. „Vor einigen Jahren habe ich auch schon mal meinen eigenen Baum fürs Wohnzimmer kurz vor Weihnachten noch weggegeben“, erinnert sich der Betriebsleiter. Dass das Weihnachtsgeschäft für ihn und seine Familie mal zentral sein wird, muss die Mutter von Gerhard Lindner schon früh gewusst haben. „Sie hat mich wohl deshalb erst nach Weihnachten zur Welt gebracht. Ich habe am 27. Dezember Geburtstag. Vorher hätte ich zum Feiern auch keine Zeit“, verrät er und lacht.

Mehr zum Thema: Hier können Sie in MV Bäume selber schlagen

Virginie Wolfram