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MV aktuell Ein Knochenjob im Typ „Fortschritt“: So läuft ein Erntetag in MV
Nachrichten MV aktuell Ein Knochenjob im Typ „Fortschritt“: So läuft ein Erntetag in MV
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08:38 28.07.2019
Sabine Degel (52) am Steuer des Mähdreschers vom Typ "Fortschritt". In der Kabine ist es 50 Grad heiß. Quelle: Martin Börner
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Sanitz

Es knattert und staubt gewaltig, als der 30 Jahre alte Mähdrescher vom Typ „Fortschritt“ ans Werk geht. Heute ist ein Weizenfeld direkt hinter dem Hof von Landwirt Gerd Chaborski und seiner Lebensgefährtin Sabine Degel im Dorf Oberhof bei Sanitz an der Reihe.

Das Wetter stimmt: Die Sonne scheint, dazu weht ein sanfter Wind, der den Tau der Nacht trocknen lässt. Am Steuer der bulligen Maschine sitzt Sabine Degel. „Das macht Spaß, wenn das unter mir wummert – wie auf einem Schiff.“ Die größte Freude ist für die 52-Jährige aber, wenn der geerntete Weizen im Bunker des Mähdreschers landet. „Da sieht man, was man produziert.“

Nächste Woche Regen: „Wir müssen jetzt fertig werden“

Dabei hatte der Tag gar nicht so gut begonnen: Einer der beiden Mähdrescher des Hofes musste dem Dauereinsatz der vergangenen beiden Erntetage Tribut zollen. Ein wichtiges Teil ist defekt. Gerd Chaborski muss auf die Schnelle für Ersatz sorgen.

In der landwirtschaftlich geprägten Region ist das zum Glück kein großes Problem: „Der Schlosser, der mir das neue Teil herstellt, kommt selbst aus der Landwirtschaft. Er weiß, dass es nächste Woche regnen soll und wir jetzt fertig werden müssen“, erklärt Chaborski. „Da hat das jetzt Vorrang.“

Galerie: So läuft ein Erntetag im MV

Die OZ hat Landwirt Gerd Chaborski und seine Partnerin Sabine Degel einen Tag lang begleitet.

Angst vor Feuer

Als Mitarbeiter Andy Carl das Ersatzteil einbaut, fliegen die Funken. Das macht Chaborski angesichts der Trockenheit dann doch Sorge. „Stell mal Wasser und den Feuerlöscher daneben“, sagt er zu Andy Carl. Alles geht gut. Der Mähdrescher schafft zehn Hektar an einem guten Tag. „Moderne Maschinen schaffen das Doppelte – aber die sind meist auch nicht abbezahlt. Unsere Maschinen gehören alle uns und verdienen Geld“, betont der Landwirt stolz.

Wie viel Geld sie in dieser Saison einbringen, muss sich allerdings noch zeigen. Bevor die Ernte wieder aufgenommen werden kann, soll ein Probedrusch zeigen, ob die Bedingungen auch passen. Sabine Degel fährt 30 Meter mit dem „Fortschritt“ und nimmt dann eine Probe. Damit fährt sie zum nahegelegenen ATR Landhandel in Sanitz, wo Mitarbeiterin Laura Müller die Probe innerhalb weniger Sekunden auf ihren Gehalt an Wasser, Stärke und Eiweiß untersucht. „Etwa 50 Proben analysieren wir derzeit täglich“, erklärt Müller. Sabine Degel ist mit den Ergebnissen recht zufrieden, Sofort gibt sie es per Handy an ihren Partner durch. Die Ernte kann weitergehen.

Trauriger Abschied

250 Hektar bewirtschaftet das Paar. Die Hälfte davon ist Grünland, auf dem das Futter für die Milchkühe angebaut wird – oder besser wurde: „Vor 14 Tagen haben wir 69 unserer 72 Milchkühe abgegeben“, sagt Degel und kann die Tränen nicht zurückhalten. Nur drei Kühe und 70 Jungtiere sind noch da. Die Milchproduktion habe sich einfach nicht mehr gerechnet. Also suchten die beiden neue Halter in Polen, wo die Kühe weiter Milch geben werden. „Ich habe extra im Internet Polnisch gelernt, damit ich den neuen Besitzern erklären konnte, auf was sie bei den einzelnen Kühen achten sollen“, sagt Degel.

Kein Tier musste geschlachtet werden – ein kleiner Trost. Auch dass ihre Lieblingskuh „Schnecke“ bleiben durfte und jetzt ihr Gnadenbrot auf dem Hof bekommt. Sogar ihr Kalb, das sie noch im Leib trägt, soll „Schnecke“ behalten dürfen. Im Oktober wollen die Oberhofer ihre abgegebenen Kühe in Polen besuchen.

Komplizierte Preisfindung

Doch zunächst müssen die Körner vom Halm. Auf 55 Hektar baut Chaborski Weizen an, etwa die Hälfte ist schon abgeerntet und liegt in der Lagerhalle – rund 200 Tonnen. „Das ist das Ergebnis, für das man ein Jahr lang gearbeitet hat“, sagt er, während die Körner durch seine Finger rinnen.

Durchschnittliche Ernte

Der Bauernverband MV rechnet in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Getreideernte. Die Gerste ist bereits eingebracht. Mit rund 72 Dezitonnen pro Hektar liegen die Erträge im Landesdurchschnitt deutlich über den Ergebnissen des Dürrejahres 2018. Allerdings falle die Bilanz regional sehr unterschiedlich aus. Vor allem in der Mitte sowie im Südwesten des Landes gibt es zum Teil erhebliche Trockenschäden. Die extreme Trockenheit im vergangenen Herbst habe zudem die Aussaat des Rapses und des Wintergetreides erschwert. In den besonders betroffenen Gebieten sind die Bestände daher spät und vielfach nur lückenhaft aufgelaufen. Inzwischen haben die Böden im Land kaum noch Feuchtigkeitsreserven. Die Trockenheit hat vielerorts die Ausbildung der Körner negativ beeinflusst. Derzeit läuft die Raps- und Weizenernte. Hier ist es laut Verband noch zu früh für eine Bilanz.

Wie er sie zu Geld macht, ist eine Wissenschaft für sich: „Normalerweise besagt die Faustregel, dass ein Drittel vor, ein Drittel während und ein Drittel nach der Ernte verkauft werden soll.“ Doch es müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, so dass diese Regel eher eine Richtschnur ist. „Man muss ständig den Kurs an der Börse verfolgen. Das ist wie beim Tanken an der Tankstelle: Man muss den optimalen Preis abpassen.“

Fingerspitzengefühl aus Erfahrung

In diesem Jahr hat Chaborski die Hälfte des Weizens vor sechs Wochen verkauft. „In manchen Jahren verkaufe ich schon im Vorjahr.“ Dann besteht allerdings das Risiko, dass die Qualität bei der Ernte nicht so gut ausfällt, wie im Vertrag garantiert. Das könnte auch in diesem Jahr drohen: „Ich muss wohl einen Preisnachlass einräumen“, fürchtet Chaborski.

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Wichtiges Kriterium ist der Feuchtigkeitsgehalt. „Ziel ist es, den Weizen mit 14 Prozent einzulagern“, erklärt er. Ist der Weizen zu feucht, droht er schlecht zu werden, ist er zu trocken, schrumpft der Gewinn, weil der Landwirt dann pro Dezitonne mehr Körner verkaufen muss. „Gestern lag die Feuchtigkeit bei 15,3 Prozent.“ Mit den Händen kann er den Wert auf den Prozentpunkt genau fühlen, für die Stellen hinter dem Komma braucht es dann doch das Analysegerät.

Fehlende Wertschätzung

Im Mähdrescher dreht Sabine Degel weiter ihre Runden. In der Fahrerkabine sind es 50 Grad. „Der Staub dringt in die letzte Ecke“, erklärt Chaborski. Ein echter Knochenjob, den das Paar und die vier Mitarbeiter aber gerne machen – bei allen Problemen. „Nach der Wende lag der Preis pro Dezitonne bei 70 D-Mark, heute sind es noch 17 Euro. Ohne die EU-Subventionen am Jahresende würden wir es gar nicht schaffen.“

Die fehlende Wertschätzung macht dem Landwirt zu schaffen. „Wir haben tolle und fleißige Mitarbeiter, die unter den schwierigsten Bedingungen ihr bestes geben. Aber ich kann ihnen dafür nicht das bezahlen, was ich gerne möchte.“ Auch aus der Bevölkerung wünscht er sich mehr Anerkennung: „Ich habe noch gelernt, wir sollen die Menschen satt machen. Heute sind sie satt und wollen statt Feldern lieber unberührte Natur sehen.“

Axel Büssem

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