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MV aktuell Weltmeister im Para-Rudern aus Ribnitz: „Manchmal ist man doch nur der Behinderte“
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Ribnitzer Para-Weltmeister Klemp: „Manchmal ist man nur der Behinderte“

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09:20 26.02.2021
Lena-Marie Walter sprach im OZ-Podcast „Ankern mit ...“ mit dem Para-Ruderer Marcus Klemp aus Ribnitz-Damgarten über seine Errungenschaften während seiner sportlichen Karriere.
Lena-Marie Walter sprach im OZ-Podcast „Ankern mit ...“ mit dem Para-Ruderer Marcus Klemp aus Ribnitz-Damgarten über seine Errungenschaften während seiner sportlichen Karriere. Quelle: Benjamin Barz
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Ribnitz-Damgarten

Am Anfang seiner Karriere stand nicht der sportliche Erfolg, sagt der mehrfache Weltmeister im Para-Rudern und Paralympics-Teilnehmer Marcus Klemp. Vor 25 Jahren, als sein erster Trainer ihn am kleinen Hafen in Damgarten ansprach, sei er ein übergewichtiger Junge gewesen, der sich mit zwei Gehstützen im starken Kauergang fortbewegte.

Schuld daran war seine Krankheit – eine Bewegungsstörung, die sich Zerebralparese nennt. Zurückzuführen ist die Nervenkrankheit auf einen Sauerstoffmangel während der Geburt. Im Podcast der OSTSEE-ZEITUNG „Ankern mit ...“ spricht Klemp darüber, wie das Rudern sein Leben als Mensch mit Behinderung von Grund auf geändert hat.

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„Ich habe Glück, dass nur meine Beine davon betroffen sind“, sagt Marcus Klemp. Er sitzt dennoch nicht permanent im Rollstuhl. Gewisse Distanzen kann er selbstständig zurücklegen. Doch das Gehen fällt ihm zunehmend schwerer und verursacht ab einem bestimmten Punkt Schmerzen. Für Anlässe wie den Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, im Zoo oder eine Reise mit dem Flugzeug hat er sich vor einigen Jahren einen Rollstuhl angeschafft.

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Meisterschaften in Polen, Italien und Südkorea

Der mehrfache Weltmeister hat während seiner sportlichen Karriere schon viele Länder bereist. Für ihn ging es unter anderem nach Italien, Polen und Südkorea zu Welt- und Europameisterschaften, 2008 reiste er zu den Paralympischen Spielen nach Peking. „Mein Sport hat mich viele Teile der Welt sehen lassen, insbesondere in Europa. Dafür bin ich sehr dankbar“.

Er ist sich sicher: Der Sport hat ihm mehr Lebensqualität geschenkt. Zum einen durch seinen gesundheitlichen Zustand, durch die Reisen und die sportlichen Erfolge. Aber auch durch die Menschen, denen er auf seinem Weg bislang begegnet ist. „Ich habe Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten kennengelernt, was für mich eine Bereicherung ist“, so Klemp.

Ankern mit ...

... ist der kostenlose Interview-Podcast der OSTSEE-ZEITUNG. Die Besatzung des Audio-Kutters der OZ um Benjamin Barz, Lena-Marie Walter, Moritz Naumann und Juliane Schultz lädt im losen Wechsel alle zwei bis vier Wochen einen Gast ein und nimmt sich Zeit für seine Geschichten. Manöverkritik gibt es am Ende jeder Folge im Kollegengespräch.

Zu hören ist der Podcast auf ostsee-zeitung.de/podcasts. Außerdem steht er auf den gängigen Portalen Spotify, Google Podcasts, Deezer, Audible, Amazon Music und Apple Podcast zur Verfügung.

Bisher erschienen sind: Folge 0, in der sich die Podcast-Crew vorstellt, Folge 1 mit Intensivmediziner Dr. Micha Löbermann, Folge 2 mit Fußball-Legende Carsten Jancker und Folge 3 mit Politikwissenschaftler Ronny Rohde.

Eine wichtige Zeit war die in der Nationalmannschaft: „Der Para-Rudersport ist immer auch Entwicklungsarbeit. Die Erfahrungen der Trainer und der anderen Sportler – ob mit oder ohne Behinderung – waren für mich eine große Bereicherung.“ Dort habe er gelernt, dass er auch abseits des Sports nicht überall auf Toleranz stoßen und immer alle Menschen erreichen kann. „Natürlich haben manche Berührungsängste“, sagt er. Dennoch ist es ihm wichtig, nicht auf seine Krankheit reduziert zu werden, denn er sei – wie jeder andere am Ende auch – ein Mensch. Nicht immer sei das allen Menschen klar: „Manchmal ist man im Leben auch einfach nur der Behinderte“, sagt er.

Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele

Dabei hat Marcus Klemp mehr erreicht als manch anderer in seinem Leben. Gerade ist er Weltmeister bei der Para-WM im Ergometerrudern geworden. Doch was ist der Unterschied, wenn er rudert? Marcus Klemp nutzt nur seine Arme und die Schultern. Aufgrund dessen dauere die Strecke von 2000-Metern im Para-Rudern deutlich länger, sagt er. Im Vergleich: Der Deutschland-Achter fährt die olympische Distanz in ungefähr 5:30 Minuten. Die Ruderer im Para-Einer legen die Strecke bei den Paralympics in einer Zeit von ungefähr 9:10 Minuten zurück.

Diese Zeit würde auch der Ribnitzer gern fahren – und zwar im Sommer 2021 in Tokio bei den Paralympischen Spielen. Acht Teilnehmer wurden dafür bereits durch ihre Erfolge im vergangenen Jahr qualifiziert. Ein weiterer Platz wird bei dem Rennen im Mai dieses Jahres im italienischen Gavirate vergeben.

„Als feststand, dass sowohl die Qualifikation als auch die Paralympischen Spiele verschoben werden und es für viele ein Schock war, ging es für mich schon wieder bergauf“, sagt er. Zunächst habe er gedacht, dass er keine Chance für seine zweite Teilnahme bei den Paralympics bekommen wird. Die Corona-Pandemie hat ihm wieder Hoffnung geschenkt. Bleibt nur abzuwarten, ob die Veranstaltungen in diesem Jahr stattfinden können. Bis dahin bereitet der Sportler sich in seinem Heimstudio vor.

Von Lena-Marie Walter