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MV aktuell Robben fressen Fischern im Nordosten die Fische weg
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09:29 30.11.2019
Schau mir in die Augen, Kleines! Ausgewachsene Kegelrobben können 2,50 Meter groß werden und verputzen pro Tag bis zu sieben Kilogramm Fisch und andere Meeresgetier. Quelle: Owen Humphreys/dpa
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Rostock

Sie haben große Kulleraugen und einen pummeligen Körper: Lange waren Kegelrobben aus der Ostsee nahezu verschwunden – doch seit einigen Jahren wachsen die Bestände wieder. Für Robbenfreunde sind die niedlichen Tiere eine Sensation, für Fischer stellen sie eine Konkurrenz dar. Eine großangelegte Studie hat nun erstmals den Einfluss unter anderem von Robben auf die Küstenfischerei in der gesamten Ostsee untersucht. Das Ergebnis: Die Zahl der Robben nimmt so rasant zu, dass sie zur ernsthaften Bedrohung für den Lebensunterhalt vieler Fischer geworden sind.

Herausgegeben hat die Studie das Institut für Natürliche Ressourcen Finnland. Dabei wurden Fischer aus den Ostseeanrainern Deutschland, Schweden, Finnland, Polen, Dänemark und Estland befragt. Aus Mecklenburg-Vorpommern haben sich demnach 20 Küstenfischer der Wismarer Fischereigenossenschaft an der Studie beteiligt.

5000 Euro Schaden pro Betrieb

In der westlichen Ostsee würden die Fischer die Schäden durch Robben und Kormorane auf rund 5000 Euro pro Betrieb und Jahr schätzen, sagt der Naturschutzreferent beim Landesfischereiverband MV, Thorsten Wichmann. Egal ob Schollen, Heringe, Dorsche oder Krebse – „Robben fressen alles, was sie kriegen können“, betont der Naturschutzreferent. Zwischen fünf und sieben Kilogramm würden die Robben pro Tag verputzen. Vor allem in der Greifswalder Bucht gebe es große Schäden.

„Die bestehenden Managementmaßnahmen reichen nicht aus, um auch künftig frischen und regionalen Fisch aus der Ostsee an der Küste anbieten zu können“, so Wichmann. Darin seien sich alle an der Studie beteiligten Fischer einig. Einige Ostsee-Anrainerländer hätten inzwischen Quoten zur Regulierung der Robbenbestände eingeführt. So dürften in Finnland pro Jahr 500 Robben geschossen werden, in Schweden seien es 200, in Dänemark eine zweistellige Anzahl. Wichmann: „In allen anderen Anrainern darf bislang nicht in die Bestände eingegriffen werden.“

2,50 Meter lang und 300 Kilogramm schwer

Die Kegelrobbe ist das größte in Deutschland freilebende Raubtier. Männliche Tiere können bis zu 2,50 Meter groß und 300 Kilogramm schwer werden, weibliche bis 1,80 Meter und 150 Kilogramm. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten bis zu 100 000 Kegelrobben in der Ostsee. Sie wurden massiv bejagt und fast ausgerottet.

Für die Fisch in MV verursachen Kormorane noch größere Schäden als Robben. Ein halbes Kilogramm Fisch frisst ein Kormoran laut Landesfischereiverband MV pro Tag. In Mecklenburg-Vorpommern leben Angaben zufolge derzeit rund 13 750 Brutpaare, deutschlandweit sind es 23 000. In Finnland brüten 26 000 Paare, in Schweden knapp 41 000 und in Estland 21 500.

Die Studie des Natural Resources Institute Finland zu Schäden für die Fischerei durch Robben und Kormorane finden Sie hier (englisch).

Erst unlängst hatten Fischer aus MV auf einer Veranstaltung in Stralsund den ihrer Meinung nach unnötigen Schutz von Kormoranen und Kegelrobben kritisiert. Mittlerweile gehörten die Fischer selbst auf die „Rote Liste“.

38 000 Kegelrobben in der Ostsee

Dass die Kegelrobbenbestände in der Ostsee zunehmen, kann Linda Westphal bestätigen. Die Wissenschaftlerin forscht im Rahmen eines Robbenprojekts des Bundesamts für Naturschutz (BfN) am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. In den vergangenen 20 Jahren hätten sich die Bestände in der Ostsee wieder fast vervierfacht: auf mittlerweile rund 38 000 Kegelrobben – nachdem die Ostsee-Kegelrobbe vor der Ausrottung stand.

Mehr als 90 Prozent der Tiere leben nördlich der Insel Gotland, wenige Tausend in der südlichen Ostsee. Vor allem im Frühjahr, wenn der Hering laicht, würden sich einige Hundert dieser Tiere in den Küstengewässern Mecklenburg-Vorpommerns aufhalten, viele im Greifswalder Bodden.

„Die Robben sind für die Fischer ein emotionales Thema“, sagt Linda Westphal. Auch wenn sinkende Fangquoten das weitaus größere Problem darstellten, würden die Fischereibetriebe doch täglich mit den von Robben verursachten Schäden konfrontiert, etwa weil sie Fische aus den Netzen klauen und dabei die Fanggeräte beschädigen. „Die Robbe ist für die Fischer ein greifbarerer Gegner als so etwas Abstraktes wie beispielsweise der Klimawandel, Eutrophierung und Überfischung.“ Für die Wissenschaft sei es wichtig, dass die Fischer die Schäden erfassen und melden.

Robben offenbar in Netzen erstickt

Wissenschaftler, Bundes- und Landesämter, Umwelt- und auch Fischereiverbände suchen daher gemeinsam nach Lösungen. Beispielsweise sollen neue Fanggeräte entwickelt werden, „um ein nachhaltiges Miteinander von Fischerei und Robben zu ermöglichen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Denn nicht nur Fischer hätten Schäden durch die Robben – auch die Fischerei bedrohe das Leben der Meeressäuger.

So wurden vor zwei Jahren 23 tote Kegelrobben im Südosten der Insel Rügen angespült. Ein solche Häufung hatte es in 20 Jahren zuvor nicht gegeben. Die Tiere waren gut genährt, rund zwei Meter lang und wirkten gesund. Der Verdacht: „Wir gehen davon aus, dass die Robben in Fischereigeräten ertrunken sind“, sagt Linda Westphal.

Wirtschaftsfaktor Kegelrobbe

In MV tauchten die Tiere vor allem zur Laichsaison der Heringe auf und jedes Jahr seien es einige Robben mehr, erklärt die Expertin. Zahlen wie in Schweden oder Finnland seien in MV jedoch nicht zu erwarten. Die ruheliebenden Tiere fänden hier kaum ungestörte Plätze und weniger Fisch.

Dennoch: Die Robben, die sich ganzjährig auf der Greifswalder Oie, dem Großen Stubber sowie einer Sandbank in der Wismarer Bucht tummeln, seien großartig für den Tourismus und daher auch wirtschaftlich interessant: „Viele tausend Touristen nehmen an Ausfahrten zu den Robben teil“, sagt Linda Westphal. Die Expertin kennt aber auch die andere Seite der Medaille: „Die Touristen wollen ja nicht nur Robben sehen, sie wollen auch Fisch beim Küstenfischer kaufen.“

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Von Von Axel Meyer-Stöckel

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