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06:15 05.10.2018
Mehr „Streetworker“, mehr Einsatz gegen Drogenmissbrauch: Das Team der Caritas um Andreas Meindl (v. l.), Frank Kapler, Tomasz Ochnik und Charlotte Ruhlender sowie Senator Steffen Bockhahn. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

Derzeit ist es ruhig in den Rostocker Wallanlagen. Das mag am Wetter der vergangenen Tage liegen und auch daran, dass die Polizei seit Mai mit einer neuen Sondereinheit – der OTEG („Operativ-taktische Einsatzgruppe“) – verstärkt rund um die Innenstadt im Einsatz ist. Gewaltexzesse oder offener Drogenhandel wie noch im Frühjahr gibt es nicht mehr. Gelöst sind die Probleme mit Jugendlichen und illegalen Rauschgiften deshalb aber noch lange nicht: „Die gibt es weiterhin. Nur jetzt an anderen Orten in der Stadt“, sagt Frank Kapler, Leiter des Drogen-Kontaktladens der Caritas. Damit sich aber gar nicht erst neue „Brennpunkte“ entwickeln, setzen Caritas und Hansestadt auf Prävention – und auf Jugendarbeit vor Ort: Sie weiten den Einsatz von so genannten Streetworkern aus.

Mehr Geld für die Arbeit vor Ort

Streetworker – zu deutsch: Straßenarbeiter – sind Pädagogen und Sozialarbeiter, die dort hingehen, wo es Probleme gibt. „Wir sprechen von aufsuchender Jugendarbeit, wollen für die jungen Rostocker präsent und ansprechbar sein“, erklärt Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke). Bereits im Frühjahr, als die Probleme in den Wallanlagen hohe Wellen schlugen, wurde der Ruf nach mehr „Streetworkern“ laut. Die Stadt reagiert: Einstimmig hat der Jugendhilfeausschuss 60 000 zusätzliche Euro für die Arbeit der Caritas bewilligt. „Mit dem Geld können wir pro Woche 20 weitere Stunden auf der Straße arbeiten“, so Kapler. Er und sein Team verstehen sich aber nicht als „Ordnungshüter“: „Wir sanktionieren und bestrafen nicht, wir bieten Hilfe an.“ Sie wollen für die Jugendliche ansprechbar sein, sie über Folgen und Probleme des Drogen-Konsums aufklären. „Unsere Arbeit ist langfristig ausgelegt. Wir müssen zunächst mal eine Beziehung zu den Betroffenen aufbauen. Das heißt aber auch, dass wir nicht die Feuerwehr sind: Wir kommen nicht und lösen im Schnellverfahren alle Probleme. Unser Ansatz ist ein pädagogischer.“

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Sozialsenator Bockhahn hält diesen Weg auf Dauer für den erfolgreichsten: „Wir brauchen mehr Ressourcen, mehr Zeit und mehr Personal für die Streetworker.“ Denn: Drogen-Probleme werde es immer geben. „Denn wenn wir von Rauschmitteln reden, sind nicht nur die illegalen Substanzen gemeint. Nein, dann geht es auch um Alkohol und Zigaretten.“ Dass Jugendliche ihre Grenzen testen, auch mit Rauschmitteln eigene Erfahrungen machen wollen – das sei ein Stück weit normal. „Wir können aber aufklären, beraten, Hilfe anbieten – und da sein, bevor Probleme eskalieren.“ Aber verhindern, dass Jugendliche Drogen nehmen – nein, das sei utopisch.

Neue Treffpunkte in ganz Rostock

Als das Thema „Wallanlagen“ im Frühjahr aufkam, war das für die Experten der Caritas keine Überraschung: „Überall, wo Menschen zusammenkommen, gibt es auch Drogen“, sagt Frank Kapler. „Es ist nur ein großes Thema geworden, weil es dort plötzlich auch gewaltsame Konflikte gab. Die Jugendlichen und die Drogen waren aber schon immer da.“ Es seien – so seine Beobachtung – auch nicht mehr „Konsumenten“ als noch vor einigen Jahren: „Die Strukturen haben sich verändert, auch die Art der Drogen.“ Aber verschärft habe sich die Lage nicht.

Auch dieser Pavillon in den Rostocker Wallanlagen war Treffpunkt für Jugendliche –und auch hier wurde mit Drogen gedealt. Quelle: Ove Arscholl

Und: Die Wallanlagen seien auch nicht der einzige Ort in der Stadt, in dem es Rauschmittel gibt. „Solche Orte gibt es eigentlich in allen Stadtteilen“, ergänzt Streetworker Tomasz Ochnik. Er und seine Kollegen seien deshalb Rostock-weit mit einem alten VW-Bus unterwegs. „Und selbst wir kennen nicht alle Treffpunkte.“ Mit 50, 60 Betroffenen habe man Kontakt: „Mal sind es ganz intensive Gespräche, mal bleibt es bei Small Talk“, so Ochnik. Eine offene Drogen-Szene gäbe es in Rostock aber nicht. Die Streetworker sehen es als ihre Aufgabe, dass es so weit auch nicht kommen wird.

Polizei hat Jugendliche verdrängt

Den Einsatz der neuen Sondereinheit der Polizei – die Streetworker der Caritas sehen ihn mit gemischten Gefühlen: „Natürlich ist es den Beamten geklungen, die Wallanlagen zu befrieden. Sie haben die Jugendliche an neue Treffpunkte verdrängt“, sagt Ochnik. Eine Zusammenarbeit zwischen den Ordnungshüter und den Sozialarbeitern gab es bisher nicht: „Wir sind ja sogar selbst mal kontrolliert worden.“

Polizeichef Michael Ebert sagt, die Ergebnisse der vergangenen fünf Monate würden zeigen, wie wichtig die „OTEG“ ist: Nahezu jeden Tag würden die Ermittler „neue Feststellungen“ im Bereich der Rauschgift-Kriminalität machen. Deshalb will er die Präsenz von uniformierten und zivilen Beamten fortsetzen: „Drogen sind in Rostock ein allgegenwärtiges Problem. Die Einsatzgruppe ist deshalb nicht nur in den Wallanlagen im Einsatz – sondern an vielen Orten.“ Und: „Wenn wir aktiv sind, kehrt an den Brennpunkten schnell Ruhe ein. Kaum sind wir weg, sind auch die Probleme wieder da.“

Andreas Meyer

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