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MV aktuell Wie eine Migräne-Patientin aus Rostock dem plötzlichem Herztod entkam
Nachrichten MV aktuell Wie eine Migräne-Patientin aus Rostock dem plötzlichem Herztod entkam
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07:57 06.10.2019
Stationsleiterin Uta Blank (l.) beim Abschlussgespräch mit der Rostocker Patientin Kornelia Ritschel, die nur noch zehn Prozent Pumpleistung des Herzens hatte.  Quelle: Volker Penne
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Rostock

Die extrem heißen Sommertage waren für Kornelia Ritschel eine Qual. „Ich leide seit meinem siebten Lebensjahr an starker Migräne. Und wenn es heiß wird, machen mir Kopfschmerzen und Sehstörungen besonders zu schaffen“, erzählt die 39-jährige Rostockerin. An einem Julitag gesellten sich zu dem Flimmern vor den Augen urplötzlich Magenschmerzen. Die Hansestädterin verspürte auch zunehmend Atemnot.

Anfänglich dachte die im Vertrieb eines Fachgroßhandels tätige Frau, sie litte an einer Magenverstimmung. Als das Luftholen immer schwerer fiel, alarmierte sie selbst den Notdienst. Praktisch in allerletzter Sekunde. Denn Kornelia Ritschel schwebte in akuter Gefahr: Die Pumpleistung ihres Herzens betrug noch zehn Prozent. Zum Vergleich: Ein gesunder Mensch bringt es im Schnitt auf 70 Prozent.

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Gut abgestimmt: Ein großes Team von Ärzten, Schwestern und Pflegern  kümmerte sich in der Unimedizin Rostock – Chirurgen, Intensivmediziner, Anästhesisten und Pfleger – um die Rostocker Patientin Kornelia Ritschel (M.), die lebensgefährlich erkrankt war.  Quelle: Frank Söllner

Mediziner im Klinikum Südstadt reagierten schnell

Die Ärzte im Rostocker Klinikum Südstadt kämpften um ihr Leben. „Die Kollegen haben sehr gut reagiert und erkannt, dass hier mit Medikamenten keine erfolgreiche Behandlung mehr möglich ist. Die in Lebensgefahr befindliche Frau wurde umgehend zu uns verlegt“, erläutert Dr. Bernd Westphal (59), Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie der Rostocker Unimedizin.

Außergewöhnlich: Patientin war bei Eingriff ansprechbar

In einem etwa einstündigen Eingriff schlossen er, sein Team der Herzchirurgie sowie Kardiotechniker und Anästhesisten die Hansestädterin an eine transportable Herz-Lungen-Maschine an. Dieses wird auch Ecmo genannt (siehe Kasten). Dabei wird es nötig, lange Kanülen über die Leiste des Patienten einzuführen. „Außergewöhnlich ist, dass unsere Patientin bei der Prozedur wach und ansprechbar war“, verdeutlicht Kardiotechniker Mario Herz (50).

Herz- und Lungen-Funktion übernehmen

Das Verfahren Ecmo (extrakorporale Membranoxygenierung) unterstützt bzw. übernimmt die Herz- und Lungenfunktion des Patienten. Blut wird aus dem Körper gepumpt, im Oxygenator mit Sauerstoff angereichert, von Kohlendioxid befreit und zurückgeführt. Das entsprechende Gerät entspricht dem Prinzip der Herz-Lungen-Maschine. Durch Medikamentengabe wird die Blutgerinnung gehemmt und damit das Entstehen gefährlicher Gerinnsel verhindert.

Unterschieden werden zwei Formen: Bei veno-venöser Ecmo wird das Blut über eine Vene entnommen und in diese im Bereich vor der Lunge wieder eingeleitet. Denn die Lunge vermag das Blut nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff anzureichern. Bei der veno-arteriellen Ecmo dagegen erfolgt der Blutabfluss über eine große Vene und der -zufluss über eine große Arterie. Auf diese Weise kann die Funktion des Herzens vorübergehend teilweise oder vollständig übernommen werden.

Die Maschine übernahm die Herz- und Lungenfunktion der Erkrankten. Konkret wird beim sogenannten Ecmo-Verfahren Blut aus dem Körper gepumpt, mit Sauerstoff angereichert, von Kohlendioxid befreit und zurückgeführt. Bis zu 28 Tage kann die Ecmo angeschlossen bleiben, verdeutlicht die leitende Kardiotechnikerin Kirsten Wegner (57).

„Die Lütte braucht ihre Mutter“

Bei Kornelia Ritschel verbesserte sich die Herzleistung nach einer Woche Ecmo-Verfahren. „Mir ging es in den ersten Tagen richtig schlecht. Als ich dann meine Tochter Lisa (9) und meinen Lebensgefährten Ricardo (41) sehen konnte, war es, als wenn ich eine Art Impuls erhielt“, erinnert sich die Hansestädterin. Bei ihr habe der Gedanke, „die Lütte braucht ihre Mutter“, ungeahnte Kräfte freigesetzt.

Das beobachtete auch Julia Bachul (23). Die Fachpflegerin auf der Intensivstation hatte die Patientin zwei Wochen lang besonders häufig betreut. „Die Prognose war schlecht. Die Angehörigen waren auf das Schlimmste eingestellt. Nach dem Familienbesuch jedoch ging es kontinuierlich bergauf“, freut sie sich. Beide Frauen umarmen sich herzlich, als Kornelia Ritschel gut gelaunt und fit nach gut zwei Monaten zu einer Nachuntersuchung in der Unimedizin erscheint. Sie hat einige Wochen im AKG Reha-Zentrum im Ostseeheilbad Graal-Müritz bei Rostock verbracht und neue Anti-Migränemittel erhalten.

Ursache nicht abschließend geklärt

Die Rostockerin Kornelia Ritschel verdankt auch der mobilen Herz-Lungen-Maschine, dass sie überlebt hat. Quelle: Frank Söllner

Herz hat sich fast komplett erholt

„Es ist außergewöhnlich, dass die Pumpleistung ihres Herzens schon wieder bei etwa 55 Prozent liegt. Es hat sich also fast komplett erholt“, analysiert Prof. Dr. Pascal Dohmen (48), leitender Arzt der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie. Er betont die Bedeutung der guten Teamleistung von Chirurgen, Intensivmedizinern, Anästhesisten und Pflegern. Denn der Grat, auf dem die Mediziner wandeln, ist schmal. Stellen sich doch beim Ecmo-Einsatz, der oft bei Menschen nötig wird, die bereits unter einer starken Herzschwäche leiden, mehrere Fragen: Erholt sich das Herz wieder? Wird ein dauerhaftes Unterstützungssystem, sprich Kunstherz, nötig? Oder aber verstirbt der Betreffende?

Im vergangenen Jahr wurde allein in der Unimedizin Rostock das Ecmo-Verfahren in 69 Fällen praktiziert. Es kommt beispielsweise auch bei Kindern, die vor dem Ertrinken gerettet wurden, zum Einsatz. „Die transportable Herz-Lungen-Maschine stellt gerade für ältere Menschen, die unter Mehrfacherkrankungen leiden, oft die allerletzte Chance dar“, sagt Prof. Dohmen. Und nur gut 30 Prozent der hiesigen Ecmo-Patienten haben 2018 die Prozedur überlebt.

Kleines Zeitfenster für Wiederbelebung

Auch eine transportable Herz-Lungen-Maschine kann keine Wunder bewirken. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit für den Patienten pro Minute um etwa zehn Prozent! Das ist ein extrem kurzes Zeitfenster für eine erfolgreiche Reanimation.

Rufen Ersthelfer den Rettungsdienst über die 112, warten dann aber dessen Eintreffen ab, ohne in der Zwischenzeit eine Herzdruckmassage durchzuführen, bedeutet das für den Patienten nach etwa fünf Minuten bleibende Schäden im Gehirn. Nach zehn Minuten sind nur noch wenige zu retten.

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Besondere Risiken, neuartige Diagnoseverfahren, wirksame Therapien und effektive Möglichkeiten der Fernüberwachung gegen eine fortschreitende Gefäßverkalkung und Herzschwäche sind Schwerpunkte der ­14-tägigen OZ-Serie „Herz in Not“. Stellen sie doch häufig die Ursachen für den plötzlichen Herztod dar. Experten stehen Ihnen, liebe Leser, zudem Rede und Antwort beim Telefonforum am 16. Oktober und einen Tag darauf beim großen Forum im Medienhaus der OSTSEE-ZEITUNG. Die Anmeldung ist hier möglich.

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Von Volker Penne

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