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MV aktuell Rostocker Callcenter-Mitarbeiter: „Als Rentner muss ich Flaschen sammeln“
Nachrichten MV aktuell Rostocker Callcenter-Mitarbeiter: „Als Rentner muss ich Flaschen sammeln“
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06:41 10.07.2019
Lächeln am Telefon: Eine Callcenter-Mitarbeiterin mit Headset. 12 400 Beschäftigte zählt die Branche in Mecklenburg-Vorpommern. Die Zahl der Mitarbeiter wächst, die Gehälter bleiben niedrig. Quelle: Fotolia
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Rostock

„Ich bin ein Leistungsträger“, sagt André P. über sich selbst. Dennoch fühlt sich der 45-jährige Rostocker, der in Wirklichkeit anders heißt, arm. Urlaub könne sich der Alleinstehende nicht leisten, eine Kinokarte auch nicht. Wenn seine Rentenprognose im Briefkasten liegt, hat er Angst, den Umschlag zu öffnen. „Ich werde als Rentner Flaschen sammeln müssen“, ist P. überzeugt. Das Gespräch mit ihm hat eine Gewerkschaft vermittelt.

1150 Euro netto im Monat

Seit zehn Jahren arbeitet P. in Callcentern, bei seinem jetzigen Arbeitgeber ist er seit sieben Jahren beschäftigt. Davor hat er studiert, ein technisches Fach, aber ohne Abschluss. Netto bekommt er rund 1150 Euro im Monat. Wenn er Miete, Strom, Handyrechnung und die Raten für sein kleines Auto bezahlt hat, ist das meiste Geld schon wieder weg.

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Theoretisch könne er sein Gehalt mit leistungsabhängigen Zuschlägen verbessern. In der Praxis sei das aber extrem schwierig und hänge davon ab, für welchen Kunden er gerade telefoniert.

„Die Arbeit macht Spaß“

Auf bis zu 80 Anrufe kommt der Rostocker pro Tag. „Die Arbeit macht Spaß“, sagt er. Er sei gut in seinem Job, das merke er an Reaktionen von Kunden und Kollegen. Nicht jeder könne das machen, von den Neueinsteigern überstehe nur die Hälfte das erste halbe Jahr. Auch das Betriebsklima sei gut, mit den Chefs und Kollegen komme er gut zurecht. Nur die schlechte Bezahlung sei ein Problem. Wechseln bringe nichts, das habe er mehrfach versucht.Auch andere Callcenter zahlten nicht mehr, sagt P.. Die Löhne liegen in der Regel einige Cent über dem Mindestlohn von aktuell 9,19 Euro pro Stunde, egal wie lange man schon dabei sei. Erhöhungen gebe es nur, wenn der gesetzliche Mindestlohn angepasst wird.

Schnell und unkompliziert

Nicht alle Beschäftigten der Branche sind so frustriert. Zum Beispiel der gelernte Versicherungskaufmann Carsten Reichert, der seit knapp fünf Jahren bei Majorel in Rostock arbeitet. Anfangs als sogenannter Agent, inzwischen ist der 34-Jährige Teamleiter. Das Gespräch kommt auf Vermittlung seines Arbeitgebers zustande, eine Pressesprecherin ist dabei. „Ich hatte zuvor schon Erfahrungen in einem Call-Center gesammelt“, sagte Reichert. Er schätzte die Möglichkeit, schnell und unkompliziert in einem Job in der Nähe seines Wohnortes anfangen zu können.

„Man unterschreibt freiwillig“

Die Bezahlung sei stets „fein“ gewesen. Zahlen möchte er aber nicht nennen. „Letztlich ist es ja so, dass man aufgrund seines Arbeitsvertrages immer weiß, was man bekommen wird – und den unterschreibt man freiwillig“, sagt Reichert. Ihm sei klar, dass im Niedriglohnsektor keine großen Sprünge zu erwarten seien. Die Arbeitsbedingungen wären in den vergangenen Jahre attraktiver geworden: „Wir zahlen über dem Mindestlohn, erstellen Sonderschichten für Mitarbeiter mit Kindern und diskutieren gerade über eine Möglichkeit des Homeoffice“, so der Mitarbeiter.

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