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MV aktuell Hohe Impfquote sichert „Herdenschutz“ in MV
Nachrichten MV aktuell Hohe Impfquote sichert „Herdenschutz“ in MV
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06:32 20.05.2019
Dr. Martina Littmann, Abteilungsleiterin Gesundheit im Landesamt für Gesundheit und Soziales MV. Quelle: Volker Penne
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Rostock/Greifswald

Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg weisen mit jeweils 95,5 Prozent bei der zweiten Masernimpfung die bundesweit höchste Impfquote gegen Masern bei Schulanfängern auf. Die Folge: Im Nordosten wurde in den drei vergangenen Jahren nur jeweils ein Masernfall aktenkundig. Aktuell ist gar kein Fall bekannt. Bundesweit dagegen stellt die hoch ansteckende Infektionskrankheit ein zunehmendes Problem dar. So wurden 2018 insgesamt 544 erkrankte Kinder und Erwachsene gezählt. In diesem Jahr sind es bereits 387! Auf der am Donnerstag und Freitag in dieser Woche stattfindenden 6. Nationalen Impfkonferenz in Hamburg wird Dr. Martina Littmann, Abteilungsleiterin Gesundheit im Landesamt für Gesundheit und Soziales MV, die aktuelle Impfkampagne des Nordostens vorstellen. Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit der Expertin über Ursachen, gesundheitliche Risiken der Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten.

Können Sie bezüglich möglicher Maserninfektionen in MV tatsächlich Entwarnung geben?

Dr. Martina Littmann: Derzeit könnten wir das. Hierzulande ist die Impfquote mit 95,5 Prozent bei Einschülern so hoch, dass der sogenannte Herdenschutz existiert. Das heißt: Kommt es zum Kontakt mit infizierten Personen – Masern-Viren werden ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen – sind unsere Bürger gut geschützt. Doch MV ist keine Insel. So liegt die Impfquote beispielsweise in Baden-Württemberg bei nur 89,1 Prozent und im Saarland bei 90,5 Prozent. Und der Nordosten ist ein Touristenmagnet, mit jährlich Millionen von Urlaubern.

Impfpflicht könnte 20 Millionen Euro kosten

Zu konkreten Auswirkungen einer ab 2020 geltenden Impfpflicht hat das Bundesgesundheitsministerium erste Schätzungen angestellt. Im ersten Jahr seien demnach 79 000 zusätzliche Impfungen bei Kita-Aufnahmen und 71 000 bei Einschulungen nötig. Geimpft werden müssten zudem geschätzt 361 000 Kinder, die schon in Kitas sind. Zudem dürften 220 000 Menschen zu impfen sein, die in Schulen, Kitas und medizinischen Einrichtungen arbeiten. Auf die gesetzlichen Kassen könnten 20 Millionen Euro Mehrausgaben zukommen.

Warum fällt die Impfrate so unterschiedlich hoch aus?

In den neuen Bundesländern existiert tatsächlich noch immer ein stärker ausgeprägtes Impfbewusstsein. Zudem sorgen gerade in MV viele Puzzlesteine dafür, dass die Impfquote hoch ist. Dazu gehört, dass Betriebsärzte als Außendienstmitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes öffentlich empfohlene Schutzimpfungen am Arbeitsplatz durchführen können. Im vergangenen Jahr nahmen insgesamt 87 Betriebsärzte rund 14 000 Immunisierungen etwa gegen Grippe, Masern, Keuchhusten usw. vor. Diese Zusammenarbeit der Betriebsärzte mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst ist einmalig in Deutschland.

Welche Folgen kann diese Erkrankung für die Betroffenen haben?

In den meisten Fällen werden die Betroffenen, die häufig unter Hautausschlag, hohem Fieber, Kopfschmerzen, Husten, Schnupfen und Bindehautentzündungen leiden, nach einigen Wochen wieder gesund. Doch von 100 Erkrankten bekommen etwa fünf eine Mittelohrentzündung und im Schnitt erkrankt einer an einer Lungenentzündung. Zudem besteht die Gefahr von Gehirnentzündungen. Sie tritt bei etwa einem von 1000 Masernfällen auf. Zehn bis 20 Prozent der Betroffenen sterben daran. Bei 20 bis 30 Prozent stellen sich schwere Folgeschäden, wie geistige Behinderungen oder Lähmungen, ein.

Wann sind die ersten Beschwerden zu beobachten?

Sie machen sich etwa acht bis zehn Tage nach der Ansteckung bemerkbar. Bis zum Ausbruch des typischen Hautausschlages vergehen ungefähr zwei Wochen. Besonders gefährdet sind Säuglinge, die zu jung für eine Impfung sind.

Ist die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) tatsächlich noch ein Problem?

Als Folge einer Masernerkrankung kann die SSPE – eine besondere, stets tödlich verlaufende Form der Gehirnentzündung – noch Jahre später auftreten. Gerade erkrankte Kinder unter fünf Jahren bekommen häufiger SSPE. Von 100 000 sind es zwischen 20 und 60.

Wie wirksam war die vom Landtag im Oktober 2018 initiierte Impfkampagne?

Ein Volltreffer. Allein von Oktober bis Dezember 2018 hat der öffentliche Gesundheitsdienst 54 zusätzliche Impfaktionen durchgeführt. Insgesamt wurden dabei 3500 zusätzliche Impfungen vorgenommen. Mehr Informationen finden Sie übrigens unter www.mv-impft.de!

Auch bei Erwachsenen können Masern ernste Folgen haben. Wer sollte sich unbedingt impfen lassen?

Alle nach 1970 geborenen Erwachsenen, die bisher noch nicht gegen Masern geimpft wurden, in der Kindheit nur eine Impfung erhielten oder aber nicht wissen, ob sie bereits einen Impfschutz besitzen bzw. an Masern erkrankten.

Stimmt es, dass vor 1970 geborene Erwachsene gegen Masern immun sind?

Die Fachleute gehen davon aus, dass dieser Personenkreis an Masern erkrankt war oder geimpft wurde und deshalb geschützt ist.

Was ist zu tun, wenn ich Kontakt zu Masernpatienten hatte, aber gegen die Krankheit nicht geschützt bin. Existiert eine Art Notimpfung?

Es gibt tatsächlich eine sogenannte Riegelimpfung. Der Betreffende sollte sich möglichst innerhalb von drei bis zehn Tagen nach dem Kontakt mit dem Erkrankten beim Arzt oder örtlichen Gesundheitsamt melden. Hier erhält er die Dreifach-Immunisierung gegen Masern, Mumps und Röteln. Dadurch gelingt es zumeist, die Krankheit noch einzudämmen.

Impfgegner klagen über mögliche Nebenwirkungen. Wie groß sind diese Gefahren tatsächlich?

Komplikationen nach Impfungen gegen Masern treten eher selten auf. So kann die Haut danach an der Einstichstelle in den ersten Tagen etwas gerötet sein und leicht brennen. Zudem stellt sich bei etwa einem Zehntel der Geimpften rund eine Woche später ein Unwohlsein in Form von Fieber und Kopfschmerzen ein. Einen leichten Hautausschlag mit Fieber – die sogenannten Impfmasern – beklagen ungefähr fünf von 100 Geimpften. Schwerwiegende Nebenwirkungen, etwa entzündliche Darmerkrankungen, sind aber wissenschaftlich ausgeschlossen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Impfpflicht gegen Masern ab März 2020 einführen. Sie soll für Kinder und das Personal in Kitas und Schulen gelten, außerdem für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen. Werden die Bundesländer selbst aktiv, wenn dieses Vorhaben scheitert?

Das müssen die Politiker entscheiden.

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