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MV aktuell Rostocker Schulabbrecher erklären: Darum haben wir alles hingeschmissen
Nachrichten MV aktuell Rostocker Schulabbrecher erklären: Darum haben wir alles hingeschmissen
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19:37 12.08.2019
Eine Lehrerin erklärt Rechenaufgaben an der Tafel. In Deutschland steigt die Zahl der Schulabbrecher, Mecklenburg-Vorpommern zählt zu den Schlusslichtern. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Rostock

Ihre Schulzeit war eine Qual. „Irgendwann bin ich nur noch zu Hause geblieben“, sagt Jenny, eine 20-jährige Rostockerin, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Probleme begannen in der sechsten Klasse. Wegen einer Erkrankung fehlte sie mehrere Wochen und verlor völlig den Anschluss – im Unterricht, aber auch in der Klasse.

Ihre Mitschüler mobbten sie massiv. „Ich war völlig isoliert und hatte keine Freunde“, sagt die bunt und auffällig gekleidete junge Frau. Schulwechsel und Klassenwiederholungen änderten nichts an der Situation. Wegen der vielen Fehlzeiten schaltete sich das Jugendamt ein. „Meine Eltern waren völlig verzweifelt“, berichtet Jenny.

Unsichtbar in der Klasse

Nach der achten Klasse war das Martyrium schließlich vorbei. Jenny hatte ihre Schulpflicht erfüllt und ging mit einem Abgangszeugnis von der Schule, ohne Abschluss. Sie arbeitete zunächst als Aushilfe in der Gastronomie. Was hätte passieren müssen, damit sie in der Schule nicht gescheitert wäre? Die Schule hätte gegen das Mobbing einschreiten müssen, meint Jenny. Die Lehrer seien aber überfordert. „Die haben überhaupt nicht mitbekommen, was da passierte.“ In der großen Klasse sei sie mit ihren Problemen unsichtbar gewesen. Welche schwere Hypothek der fehlende Abschluss für ihr Leben bedeutete, sei ihr damals nicht klar gewesen. „Ich war zu jung, um das zu verstehen.“

Eine Studie der Caritas hat jetzt alarmierende Zahlen ergeben: 8,9 Prozent eines Jahrgangs in MV – etwa jeder elfte Jugendliche – verlassen die Schule, ohne zumindest den Berufsreife-Abschluss (früher: Hauptschule) geschafft zu haben. In Rostock ist es jeder neunte.

Rostocker Projekt bietet zweite Chance

Heike Volke, Geschäftsführerin bei dem Rostocker Bildungsträger AFW, kennt viele solcher gescheiterten Schulbiografien. „Mobbing und Krankheiten spielen oft eine Rolle“, sagt sie. Seit einigen Jahren bekommen Jugendliche bei dem Programm You act eine zweite Chance, eine von mehreren Einrichtungen allein in Rostock, bei denen Jugendliche ihren Abschluss nachmachen können.

Weitere Angebote gibt es unter anderem von den landesweit sieben Produktionsschulen. Auch die Volkshochschulen bieten Kurse für Schulabschlüsse an. Bei You act geht es am Anfang erst einmal darum, einen strukturierten Tagesablauf wiederzuerlernen. Mit praktischer Arbeit in Werkstätten, im Garten und mit Unterricht sollen die Teilnehmer wieder den Anschluss schaffen.

Abbrecherin Jenny nimmt an diesem Programm teil. Sie hofft, erst die Berufsreife und dann die mittlere Reife zu schaffen. Danach würde sie gern eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. „Am meisten Angst habe ich vor Mathe“, sagt die junge Frau.

Ein ganzes Jahr geschwänzt

„Ich habe an der Schule fast ein ganzes Jahr gefehlt“, erzählt Jeremy (18, Name geändert), der ebenfalls bei You act im zweiten Anlauf einen Abschluss machen möchte. Seine Schulprobleme begannen nicht im Klassenzimmer, sondern am Nachmittag, wenn der Unterricht vorbei war. Mit 14 Jahren begann Jeremy, regelmäßig Alkohol zu trinken und zu kiffen, zwei Jahre später verbrachte er sein Leben mit seinen Freunden im Dauerrausch. Im Klassenzimmer war Jeremy zunächst nur noch körperlich anwesend. Irgendwann gar nicht mehr, bis auch er die Schule ohne Abschluss abbrach. Nach zwei Jahren Abhängen ohne Perspektive reichte es ihm. Jeremy machte eine Entgiftung und Therapien, er habe sein Drogenproblem überwunden.

„Jetzt kiffe ich nur noch gelegentlich“, meint der junge Mann. Die Droge beherrsche nicht mehr sein Leben. Er hat sich fest vorgenommen, den Berufsreife-Abschluss zu schaffen. Sein nächstes Ziel wäre dann eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Rückblickend sagt er: Lehrer und Eltern hätten damals keine Chance gehabt, ihn aus dem Teufelskreis herauszuholen, selbst wenn sie es gewollt hätten. Das habe er nur allein schaffen können.

So viele Schüler schaffen keinen Abschluss

Rostock: 10,9 Prozent (plus 1,4*)

Mecklenburgische Seenplatte: 10,2 Prozent (plus 2,7)

Schwerin: 9,4 Prozent (minus 0,1)

Vorpommern-Greifswald: 9 Prozent (plus 1,2)

Nordwestmecklenburg: 8,9 Prozent (minus 0,1)

Ludwigslust-Parchim 8,3 Prozent (plus 0,2)

Landkreis Rostock: 7,6 Prozent (plus 0,6)

Vorpommern-Rügen: 6,7 Prozent (minus 0,3)

Mecklenburg-Vorpommern: 8,9 Prozent (plus 0,9)

Berlin: 11,7 Prozent (plus 2,4)

Hessen: 5,4 Prozent (plus 1,2)

Deutschland: 6,9 Prozent (plus 1)

Alle Zahlen für 2017 / *Abweichung zu 2015 in Prozentpunkten / Quelle: Caritas

Von Gerald Kleine Wördemann

Rostock gehört damit bundesweit zu den Schlusslichtern. In MV scheitert jeder elfte Schüler beim Abschluss, so eine Studie der Caritas. Die meisten Hilfsangebote für Betroffene sind überlaufen.

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