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MV aktuell Rostocks dänischer OB: Das Geheimnis seines (Wahl-)Erfolgs
Nachrichten MV aktuell Rostocks dänischer OB: Das Geheimnis seines (Wahl-)Erfolgs
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06:55 18.06.2019
Über den Dächern „seiner“ Stadt: Claus Ruhe Madsen hat die Wahl zum neuen Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock gewonnen. Quelle: OVE ARSCHOLL
Rostock

Am Tag nach seinem Triumph spricht Claus Ruhe Madsen hauptsächlich Dänisch. Der Botschafter hat schon angerufen, sämtliche großen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender seines Heimatlandes ebenfalls. Sie alle wollen ihn sprechen – den Dänen, der Rostock erobert hat. Den ersten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt, der keinen deutschen Pass besitzt. Nur die Königin fehlt noch.

Im kleinen Nachbarland ist man mächtig stolz auf den Erfolg des Unternehmers: „Claus Ruhe Madsen heißt der Mann, der jetzt Geschichte geschrieben hat“, kommentiert der dänische Rundfunk DR den Wahlsieg in Rostock. Madsen selbst ist dieser „Hype“ eher unangenehm: „Ich habe die Wahl nicht als Däne gewonnen – sondern als Rostocker.“

Bilder vom Wahlabend in Rostock:

Eindrücke des Wahlabends in Rostock: Nach vorläufigem Endergebnis gewinnt Claus Ruhe Madsen die OB-Wahl in Rostock mit 57,1%.

Seit 22 Jahren in Rostock

Seit 22 Jahren – fast die Hälfte seines Lebens – lebt Madsen bereits an der Warnow. 1992 kam er nach Deutschland. Eigentlich, so erzählt es der neue OB gerne, wollte er zur „Kongelig livgarde“ (Leibwache der Königin) gehen, sein Vater aber riet ihm zum Auslandsjahr. Mit 3000 Kronen – heute rund 400 Euro – ging er nach Deutschland. Er lernte im Ruhrgebiet in einem skandinavischen Möbelhaus, ging 1997 an die Küste und machte sich selbstständig. „Möbel Wikinger“ heißt die Kette, die er von Rostock aus aufgebaut hat. Mittlerweile gehören auch Softeis-Läden und ein Wohnmobilverleih zu dem Imperium, das nun seine finnische Frau führen wird.

Das alles gibt er auf. Und zumindest finanziell verbessert er sich als Oberbürgermeister der 210 000-Einwohner-Stadt nicht: 10 000 Euro brutto verdient der Rathaus-Chef in Rostock. „Wenn es mir nur ums Geld gehen würde, wäre ich besser nicht angetreten“, sagt Madsen. Anfangs sei die Sache mit dem OB-Amt nur eine fixe Idee gewesen. „Ich bin gefragt worden“, erzählt Madsen. Sowohl CDU und FDP, als auch SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sollen ihn – zu der Zeit noch Präsident der Industrie- und Handelskammer in Rostock – angesprochen haben. „Dann habe ich angefangen, nachzudenken. Was würde ich in Rostock anders machen – als Bürger, als Vater einer Tochter, als Unternehmer.“ Über fehlende Sportstätten habe sich der Rennrad- und Handball-Liebhaber schon lange geärgert. Auch über kaputte Gehwege. „Und als Unternehmer weiß ich, dass wir in Bürokratie ertrinken.“ Irgendwann stand dann fest: Er will OB werden. Dinge besser machen. „Für mein Rostock“.

Ein neuer Stil im Rathaus

Mit Oberbürgermeistern, die keiner großen Partei angehören, hat Rostock in den vergangenen 14 Jahren schon Erfahrungen gemacht: Noch-OB Roland Methling hat seit seinem Amtsantritt einen 210-Millionen-Euro-Schuldenberg abgebaut. Jetzt plant die Stadt wieder Großes. Eine Bundesgartenschau im Jahr 2025, ein neues Theater für 110 Millionen Euro, eine Schwimm- und Eishalle für 40 Millionen Euro. Dass Rostock solche Vorhaben braucht, um sich zu entwickeln – daran lässt auch Madsen keinen Zweifel. „Wir brauchen diese Visionen aus Politik und Verwaltung“, sagt er. „Aber mit Visionen allein ist es nicht getan.“

Während viele seiner insgesamt neun Mitbewerber in Rostock auf diese großen Themen setzten – auf den dringend benötigten Bau neuer Wohnungen in der prosperierenden Hansestadt etwa oder auf den Ausbau des Nahverkehrs – setzte Madsen auf das Zuhören. „Eine Bekannte, die für die SPD im Bundestag sitzt, hat mir gesagt: ,Claus, Du brauchst kein Wahlprogramm. Das liest eh keiner.“

Und so blieb er bei den Inhalten vage. Statt den Rostockern neue Visionen zu präsentieren, tingelte Madsen deshalb durch Vereine und Verbände, durch Stadtteile, arbeitete tageweise in Kitas, Schulen und Betrieben mit. „Dann merkst Du ganz schnell, dass die Menschen ganz andere Sorgen haben als die Politiker.“ Um Hundekot auf den Straßen sei es immer wieder gegangen, um kaputte Gehwege, fehlende Straßenbeleuchtung. „Wenn ein Bürger sich jeden Tag über die wilde Müllkippe vor seiner Haustür ärgert, dann interessiert er sich für ein neues Theater“, sagt Madsen.

Bürgermeister für die Bürger

Die „kleinen Probleme“ will er zu seinen Problemen als Oberbürgermeister machen. So hat er es versprochen. „Ich habe manchmal das Gefühl, Bürger und Politik laufen an einander vorbei. Sie leben in unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite stehen Politik und Verwaltung mit den großen Themen, auf der anderen die Bürger mit den kleinen Nöten. Meine Aufgabe wird es sein, zwischen beiden zu vermitteln. Ich will das Bindeglied sein.“ Und: „Solange sich die Menschen mit kleinen Ärgernissen befassen müssen, brauchen wir ihnen mit großen Ideen gar nicht kommen.“ Anfangs wurde Madsen für seinen Slogan „Sperrmüll, Ordnung, Sauberkeit“ auf den Plakaten noch belächelt. Spätestens seit Sonntagabend lächelt bei den großen Parteien in Rostock niemand mehr.

Er habe im Wahlkampf auf der Straße viel gelernt: „Wir müssen uns mehr Zeit für die Menschen nehmen“, sagt Madsen. „Wir müssen ihnen richtig zuhören. Einem Menschen zehn Minuten Aufmerksamkeit zu schenken – das bewirkt viel mehr, als wenn Politiker beim Dorffest auf die Bühne huschen und einen Preis verleihen.“ Das Geheimnis seines Erfolgs: „Wir wollten im Wahlkampf viele Dinge anders machen.“ Angefangen bei den Plakaten, auf denen oft nur stilisiert sein „Wikinger-Bart“ und seine Haartolle zu sehen waren. Statt Kugelschreibern und Feuerzeugen verschenkte Madsen Socken. „Aber das Wichtigste ist Zuhören.“

Aufmerksamkeit für Rostock nutzen

Madsen will sich nach dem Wahlkampf aber nur eine kleine Pause gönnen. Zehn Kilo habe er in den vergangenen Wochen abgenommen. Am Mittwoch startet er bei einer Benefiz-Radtour über 600 Kilometer. Mitte August / Anfang Dezember will er dann sein Amt im Rathaus antreten – und die Aufmerksamkeit für ihn nutzen. „Ich habe mehr Stimmen bei der Wahl in Rostock geholt, als die dänische Regierungschefin bei den Parlamentswahlen in ihrem Wahlbezirk“, sagt der deutsche Däne, der dänische Deutsche. Nun will er Touristen, Planer und Unternehmen aus dem Norden nach Rostock locken. In Sachen Digitalisierung könnte Deutschland noch viel vom kleinen Nachbarn lernen. Und Rostock soll Fahrradstadt werden. Vorbild: Kopenhagen. „Die Dänen sehen in meinem Erfolg ein Zeichen für die Weltoffenheit und Toleranz in Rostock.“ 27 Jahre nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen sei das „schon ein Signal“.

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