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MV aktuell Schwesig und Brodkorb: Eine zerrüttete Beziehung
Nachrichten MV aktuell Schwesig und Brodkorb: Eine zerrüttete Beziehung
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05:00 30.04.2019
Nicht die besten Freunde: Ex-Finanzminister Mathias Bordkorb und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp
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Schwerin

Der Rücktritt von Mathias Brodkorb (42), dem wichtigsten Minister von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (44, beide SPD), erschüttert die Landesregierung. Überraschend kam der Schritt allerdings nicht. Viele Anzeichen waren in den vergangenen zwei Jahren zu sehen, seit Ex-Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) wegen seiner schweren Krankheit Schwesig als Nachfolgerin vorschlug.

Man kann Brodkorb nicht vorwerfen, dass er seine Gegnerin diskreditierte; an seiner Haltung, seinem Handeln allerdings war die Abneigung lange ablesbar. Brodkorb, der Philosoph, der Intellektuelle, der Mann der tausend Kniffe, der Mitarbeitern ständig in ihre Arbeit hineinredet, hat seine Meisterin gefunden. Irgendwie.

Beim Auftritt Schwesig versteinerte sich Brodkorbs Gesicht

Als Schwesig vor knapp zwei Jahren zur neuen SPD-Landeschefin ernannt wurde, saß er auf dem Parteitag in der letzten Reihe. Er hatte Tränen in den Augen, als Sellering verabschiedet wurde. Beim Auftritt Schwesigs versteinerte sein Gesicht. Zufall? Die letzte Reihe sollte bei großen Veranstaltungen sein Platz für die kommenden Jahre werden, zuletzt als Schwesig Ende März in Warnemünde mit fast 95 Prozent wiedergewählt wurde. Während die Chefin vorn Inhalte inszenierte und den Jubel aufsog, zog sich der Kontrahent in sich zurück – allein. Eines kann Brodkorb nicht: sich verstellen. In seinem Gesicht spiegelte sich ein Kampf vieler Monate wider. Widerstreben, Abneigung, der Wunsch, woanders zu sein.

Ein Lebenslauf in Bildern: Der SPD-Politiker Mathias Bordkorb:

Storch Heinar, Kaffee mit Kuchen und Urlaub in Stellshagen: Mathias Brodkorb (SPD) im Porträt.

Sellering war immer stolz, zwei gute Statthalter zu haben, sollte er mal abtreten. Während die emotionale Schwesig im Bund als Familienministerin Karriere machte, half der Ex-Premier seinem politischen Ziehsohn Brodkorb, dem intellektuellen Querdenker, den er „Broti“ nennt, Stufe für Stufe die Karriereleiter hinauf. 2011, mit 34 Jahren, wurde der Rostocker Bildungsminister – schied als Deutschlands Wissenschaftsminister des Jahres aus. Fünf Jahre später erhielt er gar das wichtigste Ministeramt in Sellerings Kabinett. Das Ressort, in dem zuvor Frauen andere Minister das Fürchten lehrten, weil sie halt die Hand auf dem Geld hatten. Nicht wenige vermuteten den Thronfolger in Brodkorb. Es kam anders; die machtbewusste Schwesig als Chefin geriet schnell mit ihm überquer. Hinweise auf gegenseitiges Misstrauen gab es reichlich. Man kann das auch anders interpretieren: Der Rationalist und die lernfähige Machtpolitikerin, die Emotionen einzusetzen weiß und sich gegenüber Mitarbeitern durchzusetzen weiß, fanden nie eine Ebene. Gekracht hat es oft – der Verlierer hieß Brodkorb.

Schwesig kassierte eine Entscheidung nach der anderen wieder ein

Zunächst kassierte Schwesig die Entscheidung des Ministers, den Chefposten der Lottogesellschaft endlich, nach vielen Jahren mal auszuschreiben. Dauer-Chefin Barbara Becker durfte bleiben – weil Schwesig es wollte. Eine Machtdemonstration. Eine schlüpfrige „Oben ohne“-Kampagne des Landesmarketings für die Hochschulen des Landes, damals den Finanzen unterstellt, soll Schwesig schon zurückgepfiffen haben, da war sie noch gar nicht im Amt. Später zog sie das Marketing wieder in die Staatskanzlei. Dann drehte sie die ungeliebte Theaterreform zurück, die Brodkorb als Bildungs- und Kulturminister auf Auftrag Sellerings energisch – oder besser verbissen – durchgepeitscht hatte. Unbeugsam – jede/r auf seine, auf ihre Art.

Das ging so weiter: Er dachte laut über eine Strukturreform der Finanzämter in seinem Ressort nach – sie kassierte wieder ein, als sich Widerstand zeigte. Als Brodkorb Anfang dieses Jahres beim wichtigen Thema Kommunalfinanzen in den Verhandlungen durch sein Taktieren Landräte und Oberbürgermeister erzürnte, zog sich Schwesig das Thema auf den Tisch, legte viel Geld drauf – und verkaufte es als großen Wurf. Brodkorb, der angeblich mächtige Finanzminister, war abermals düpiert. Kurz zuvor hatte ihm Schwesig auch noch die Rolle entrissen, den Haushaltsüberschuss des Vorjahres zu verkünden. Während sie mit CDU-Fraktionschef Vincent Kokert erklärte, wie Millionen in Feuerwehr, Funkmasten und mehr Personal in der Landesregierung verteilt werden, stand Brodkorb wie ein Statist im Hintergrund. Sie forderte ihn auf, etwas zu erläutern, später, wenn die Kameras aus sind. Er wies dies zurück. Über Körpersprache.

Eine weitere Personalie gab den Ausschlag

Das Fass muss für Brodkorb übergelaufen sein, als Schwesig verkündete: Heiko Geue, ihr früherer Vertrauter im Bundesministerium für Familie, soll neuer Staatssekretär im Schweriner Finanzministerium werden. Sein Stellvertreter. Zuvor musste Brodkorb über ein Jahr ohne Staatssekretär auskommen. Peter Bäumer war lange erkrankt.

Dass dies nicht lange gut geht, ahnten viele in der Landespolitik. Nicht aber, dass Brodkorb selbst die Reißleine zieht. Bereits am Sonnabend hat er sich nach OZ-Informationen Schwesig mitgeteilt. Der Termin ist wichtig. Denn am Sonntag, einen Tag später, verstarb die langjährige Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (58, SPD) aus Neubrandenburg nach schwerer Krankheit. Am Montag zeigte sich Schwesig vor laufenden Kameras enttäuscht, dass Brodkorb die Trauer um Bretschneider dämpft. Da hat sie es aber längst gewusst.

Brodkorb will einfacher Abgeordneter bleiben

Brodkorb hatte nur vollzogen. Er selbst will sich zu Hintergründen und vor allem Gründen für seinen Rücktritt nicht äußern. Drei benennt er aber klar: Das Vertrauensverhältnis zur Ministerpräsidentin sei zerrüttet, bei Sachfragen und auch zum Thema Personal habe man unterschiedliche Auffassungen. Er wolle künftig als einfacher Abgeordneter im Landtag sitzen. Dass Brodkorb, der kluge Analyst, der seinen Mitmenschen meist das Gefühl gibt, alles besser zu wissen, da jetzt in der letzten Bankreihe sitzen soll – so richtig kann sich das wohl fast niemand vorstellen.

Denkbar sei, dass er die Arbeit in der SPD-Fraktion, die Schwesig für Mehrheiten ihrer Regierungsarbeit braucht, nun deutlich erschweren könnte. Quasi als kluger Gegenspieler im eigenen Haus. Als neuer Fraktionschef allerdings käme der 42-Jährige nicht infrage, ist aus der SPD zu hören. Weil Amtsinhaber Thomas Krüger gerade wiedergewählt wurde. Und vor allem, weil Brodkorb eben schwierig sei, nicht teamfähig. Man könnte ihn eine Nervensäge nennen. 2016 hatte Sellering seinen Ziehsohn schon einmal kurzfristig zum Chef der größten Fraktion im Landtag gemacht. Nicht alle Genossen haben daran gute Erinnerungen.

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