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MV aktuell Russland und Energiewende als Schreckgespenster: Darum soll Deutschland US-Gas kaufen
Nachrichten MV aktuell Russland und Energiewende als Schreckgespenster: Darum soll Deutschland US-Gas kaufen
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05:00 08.06.2019
Charlie Riedl, Chef des US-LNG-Verbands CLNG und Vizepräsident des Gasverbands NGSA Quelle: Axel Büssem
Washington

Die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2 ist US-Präsident Donald Trump seit seiner Amtseinführung ein Dorn im Auge. Er führt vor allem geopolitische Gründe an: Europa mache sich viel zu abhängig von Russland. Auch andere Regierungsvertreter sowie US-Energieverbände trommeln gegen Nord Stream 2 – und werben gleichzeitig für Flüssiggas (LNG) aus den USA. Das werde auch deshalb gebraucht, weil Deutschland seine Energiewende nicht hinbekommt, heißt es. Es gibt aber auch Stimmen, die andere Motive vermuten.

Fragt man Gas- und Öl-Experten in den USA, was sie von erneuerbaren Energien halten, hört man nur lobende Worte. „Ich sehe eine große Zukunft für Wind- und Solarenergie“, sagt Barry Worthington, Direktor des US-Energieverbandes USEA. Derzeit beziehen die USA allerdings nur fünf Prozent ihrer Energie aus Windrädern und zwei Prozent aus der Sonne. „Denkbar wären 30 Prozent – falls die Speichertechnologien besser werden“, so Worthington.

Bürger wollen nicht für erneuerbare Energien zahlen

Kosten dürfe das allerdings nichts, fragt man die US-Bürger: „Es gab eine Umfrage, wie viel Geld die Amerikaner monatlich dafür ausgeben würden, wenn wir komplett auf erneuerbare Energien umsteigen würden. Die Antwort war: ‚einen Dollar‘“, zitiert Worthington. Doch allein die Batterien zur Speicherung des überschüssigen Ökostroms würden nach jetzigem Stand so viel kosten wie die Stromrechnungen aller Amerikaner in 19 Monaten, rechnet er vor. „Unsere Bürger wären nicht sehr glücklich, wenn wir erneuerbare Energien ausbauen und so den Energiepreis verdoppeln würden.“

Für die Energiewende in Deutschland hat er daher nur Spott übrig: „Unsere Industrie ist sehr dankbar für die Energiewende, denn sie führt dazu, dass sich deutsche Unternehmen wie BMW und Mercedes in den USA ansiedeln. Das hat auch mit den Energiepreisen zu tun.“ Die deutschen Energieriesen Eon und RWE hätten früher zu den zehn besten Branchenvertretern weltweit gezählt, so Worthington, „bis die Bundesregierung sie in den Ruin getrieben hat.“ Deutschland müsse für einen kompletten Umstieg riesige Summen investieren. „Das wird katastrophal für die deutsche Wirtschaft.“

US-Flüssiggas als Konkurrent für russisches Gas

Die vermeintliche Lösung liefert Charlie Riedl, Chef des US-LNG-Verbands CLNG: „Erdgas könnte ein Partner für erneuerbare Energien sein. Dank niedriger Gaspreise könnte man sich die hohen Preise für Wind- und Solarstrom eher leisten.“ Und selbst nach dem Bau von Nord Stream 2 würde dafür das russische Gas nicht ausreichen, glaubt Riedl. Langfristig werde US-Flüssiggas zudem beim Preis mit den russischen Gas konkurrieren können.

Doch selbst jetzt, wo das amerikanische LNG noch teurer sei als Pipeline-Gas, könne Europa davon profitieren, glaubt Riedl: „Alleine die Chance, von einem weiteren Lieferanten kaufen zu können, erhöht die Diversität und damit den Druck auf die anderen Anbieter. Wir bringen Flexibilität in die Preise, das ändert die Dynamik des Gasmarktes.“ Auch der stellvertretende US-Energieminister, Dan Brouillette, meint: „Mit dem Ausbau der Exportkapazitäten werden auch die Preise sinken“. Er betont: „Deutschland braucht Gas aus den USA oder anderen Ländern – oder sie müssen ihre Wirtschaft runterfahren.“

Politik will Einfluss nehmen

Aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen bewerben die US-Vertreter die Vorteile ihres LNG gegenüber Nord Stream:2: „Die USA sind aus geopolitischen Gründen gegen die Pipeline“, betont Worthington. Der Kreml nutze den staatlichen Gasriesen Gazprom, um politisch Einfluss zu nehmen. Etwa in der Auseinandersetzung mit der Ukraine: „Ich war in der Ukraine, als die Russen dort zum ersten Mal das Gas abgedreht haben. Es war sehr kalt.“ Und Brouillette prognostiziert: „Wenn Nord Stream:2 fertig gebaut wird, werden in der Ukraine die Lichter ausgehen.“

David Dismukes vom Zentrum für Energiestudien an der Universität von Louisiana in Baton Rouge nimmt den Politikern ihre politischen Bedenken nicht so recht ab: „Europa ist kein wachsender Gasmarkt, sondern es geht darum, dass jeder seine Anteile daran vergrößern will.“ Die US-Unternehmen seien dringend darauf angewiesen, LNG auch nach Europa zu exportieren, um den übersättigten heimischen Markt zu stabilisieren. „Daher wird Russland als Schreckgespenst aufgebaut“, so der Experte.

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