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MV aktuell Sassnitzer leidet an Herzschwäche: „Ich will einfach wieder leben“
Nachrichten MV aktuell Sassnitzer leidet an Herzschwäche: „Ich will einfach wieder leben“
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16:37 05.10.2019
Oberarzt Dr. Basil Alkhlout (l.) und sein Sassnitzer Patient Reiner Fidorra checken ein Cardiomems HF-System – ein spezielles Kissen mit einer Antenne und einem Tastfeld mit Druckknopf. Quelle: Volker Penne
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Karlsburg

Schwer atmend lässt sich der 64-Jährige auf einen der Patientenstühle nieder. Er ringt nach Luft. Die eine Treppe und der Weg auf einem der langen Flure des Karlsburger Herzzentrums haben Reiner Fidorra völlig geschafft. Dr. Basil Alkhlout (42) gönnt dem Sassnitzer, der unter einer massiven Herzschwäche leidet, eine Verschnaufpause.

Mediziner und Patient kennen sich seit Jahren. Der gelernte Rohrleitungsmonteur wird durch das unweit von Greifswald befindliche Klinikum und seinen Hausarzt Dr. Erik Goldstein in Sassnitz intensiv betreut. Er gehört zu der steigenden Zahl von Frauen und Männern im Nordosten, die an einer fortgeschrittenen Herzinsuffizienz leiden. Bundesweit werden laut Deutscher Herzstiftung pro Jahr mehr als 440 000 Patienten mit einer Herzschwäche in ein Krankenhaus eingeliefert. In MV waren es 2015 bereits 12 391 Frauen und Männer.

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Schwerer Infarkt in der Nacht

Vor 16 Jahren erlitt Fidorra eines Nachts einen schweren Infarkt. „Das passierte wie aus dem Nichts. Die letzte Zigarette schmeckte einfach nicht mehr“, erinnert er sich. Seither macht ihm die „Pumpe“ mächtig zu schaffen. Mittlerweile besitzt er einen sogenannten CRT-Schrittmacher mit Defibrillatorfunktion. Zudem leidet er unter anderem an Wassereinlagerungen in der Lunge. „Aufgrund der verringerten Pumpleistung des Herzens staut sich Blut vom linken Herz bis in die Lungengefäße zurück“, erläutert Dr. Alkhlout, Oberarzt der Herzinsuffizienz-Abteilung.

CRT-Schrittmacher mit Defibrillator

Das CRT-D Gerät checkt permanent die Herztätigkeit, erkennt Unregelmäßigkeiten und beseitigt diese. Konkret geschieht dies durch das Aussenden elektrischer Impulse. Ein solches System kann lebensbedrohliches Kammerflattern oder Kammerflimmern stoppen. Zudem ist es in der Lage, die Arbeit der Herzkammern zu verbessern.

Mini-Sender ist Lebensretter

Der Experte kontrolliert Diagramm-Kurven auf seinem PC-Monitor. Diese zeigen die Veränderung des Drucks in der Pulmonalarterie, also dem Blutgefäß, in dem Blut vom Herzen zur Lunge gelangt. Fidorra wurde im Sommer vergangenen Jahres in Karlsburg ein etwa ein Zentimeter langer Mini-Sender – das sogenannte Cardiomems HF-System – implantiert. Dieses ermöglicht exakte Messungen. Insgesamt haben die hiesigen Spezialisten seit 2017 bereits 106 Frauen und Männern, die an einer ausgeprägten Herzschwäche leiden, diese kleinen Lebensretter eingesetzt.

Frühwarnsystem funktioniert

Der Sender fungiert praktisch wie ein Frühwarnsystem. Denn ein sich verändernder Druck in der Lungenarterie signalisiert den Experten, ob sich die Herzschwäche bei den Betroffenen verstärkt. Da deren Herz den Körper nicht ausreichend mit Blut versorgen kann, müssen sie häufig mit schweren Komplikationen in die Klinik eingewiesen werden. Dazu gehören extreme Luftnot und Schwindel-Attacken.

Mini-Sender ist Frühwarnsystem

Die Daten des sogenannten Cardiomems-HF-Systems werden täglich von der Patienten-Wohnung auf eine sichere Website geschickt. Auf diese kann der Arzt auch mittels Smartphone zugreifen. Der Mini-Sender signalisiert Druckveränderungen in der Lungenarterie. Dadurch erkennen die Spezialisten 20 bis 25 Tage im Voraus, das sich die Herzschwäche beim Patienten verstärkt.

Die Sterblichkeit der Schwerkranken, die einen solchen Mini-Sender in Karlsburg erhielten, liegt bei rund 20 Prozent. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Fünf-Jahres-Sterblichkeitsrate bei diesen Patienten beläuft sich auf 50 bis 60 Prozent.

Aktuelle Ergebnisse einer Dubliner Herzinsuffizienz-Studie zeigen, dass sich die Betreuung durch spezielle Pfleger auszahlt: 30 Prozent der Patienten weisen weniger Wassereinlagerungen auf. Hinzu kommen Kosteneinsparungen durch verringerte Krankenhausaufenthalte. Konkret schlägt zum Beispiel eine acht- bis neuntägige stationäre Betreuung von Menschen mit akuter Herzschwäche in Deutschland im Schnitt mit 3000 bis 5000 Euro zu Buche.

„Der Betreffende selbst spürt diese Veränderungen nicht sofort. Wir aber können bis zu 25 Tage im Voraus erkennen, ob dem Patienten eine akute Luftnot droht“, erläutert Dr. Alkhlout. In Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kardiologen und Hausärzten im Raum Vorpommern kann er dadurch frühzeitig die Medikamentengabe verändern. Mithilfe von Diuretika, bekannt als Wassertabletten, führt der Erkrankte beispielsweise vermehrt Flüssigkeit ab. Die Folge: Der Sender fungiert nicht nur als Lebensretter, sondern erspart den Patienten auch lange Anfahrtswege und unnötige Aufenthalte im Krankenhaus.

Daten werden täglich geprüft

Dabei ist die akribische Arbeit, die Stephan Böttcher (34), er ist einer der ersten zertifizierten Herzinsuffizienz-Pfleger in MV, und seiner Kollegin Anne Kieckhefen (31) von großer Bedeutung. Beide sitzen in einem speziellen Kontrollraum. Dort werten sie tagtäglich die eingehenden Daten der aktuell 87 Patienten aus, die einen der Minisender tragen. Zudem sind sie häufig mit diesen telefonisch im Kontakt.

„Ich muss zu Hause den Kopf einmal am Tag auf ein spezielles Kopfkissen legen. Dann betätige ich den Knopf auf einer kleinen Armatur“, erklärt der gelernte Rohrleitungsmonteur Fidorra. Der Rüganer beginnt mit dieser Messung praktisch sein Tageswerk. Die Werte werden über ein kleines, tragbares Antennen-Gerät, das der Herzkranke daheim aufgestellt hat, an das Klinikum übermittelt. „Das funktioniert prima. Eine feine Sache“, resümiert er.

Neue Geräte: Klinikum ist führend in Europa

Im Jahre 2017 begann man mit elf Patienten in Karlsburg. Mittlerweile ist das Klinikum europaweit führend bei der Implantation dieser Geräte. „Wir folgen innovativen Ideen. Die Frage der Refinanzierung ist da nicht immer entscheidend“, verdeutlicht der Chef des Herz- und Diabeteszentrums, Prof. Dr. Wolfgang Motz. So sei durch den Gesetzgeber noch immer nicht die Vergütung der Herzinsuffizienz-Pfleger geregelt. Auch in Vorpommern hofft man deshalb auf eine schnelle Entscheidung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen der Bundesrepublik.

Mittlerweile erhält Prof. Motz Anfragen zu dieser Form der Telemedizin aus ganz Europa und den USA. Denn die Vorteile dieser telemedizinischen Behandlung sind klar ersichtlich: Die Lebensqualität der Patienten steigt und deren Sterblichkeit sinkt. „Wichtig ist, dass dieses System verlässlich arbeitet und nur eine minimale Mitwirkung des Erkrankten erfordert“, sagt der erfahrene Kardiologe.

Herzpumpe letzter Rettungsanker

„Durch die laufenden Messungen können wir bei kritischen Abweichungen sofort reagieren. Gleichzeitig dient das Cardiomems HF-System als Entscheidungshilfe, wann eine Kunstherz-Operation unumgänglich ist“, verdeutlicht Dr. Alkhlout. Denn aufgrund des Fehlens einer ausreichenden Zahl von Spenderorganen erscheint das Einsetzen einer Mini-Herzpumpe als letzter Rettungsanker. 72 dieser Kunstherzen aus Titan haben die Karlsburger bereits implantiert.

Bei Reiner Fidorra ist die medikamentöse Therapie ausgereizt. Vor zwei Jahren hatte der Schwerkranke das Einsetzen eines Kunstherzens noch abgelehnt. Nun stimmte er dem schweren Eingriff zu. „Ich will einfach wieder leben“, betont der Rüganer. Er hofft auf die Mini-Pumpe, die über einen Batterieblock gespeist wird, den er dann am Gürtel trägt. Derzeit leben Menschen mit einer solchen Pumpe zehn bis 15 Jahre. Tendenz: steigend.

OZ-Herzforum in Rostock: Fachleute geben Rat

Besondere Risiken, neuartige Diagnoseverfahren, wirksame Therapien und effektive Möglichkeiten der Fernüberwachung gegen eine fortschreitende Gefäßverkalkung und Herzschwäche sind Schwerpunkte der ­14-tägigen OZ-Serie „Herz in Not“. Stellen sie doch häufig die Ursachen für den plötzlichen Herztod dar. Experten stehen Ihnen, liebe Leser, zudem Rede und Antwort beim Telefonforum am 16. Oktober und einen Tag darauf beim großen Forum im Medienhaus der OSTSEE-ZEITUNG. Die Anmeldung ist hier möglich.

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Kleiner Sender in Arterie implantiert

Von Volker Penne

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