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MV aktuell Ab sofort 36 Euro für Schutz vor Wölfen: Züchtern aus MV reicht das nicht
Nachrichten MV aktuell Ab sofort 36 Euro für Schutz vor Wölfen: Züchtern aus MV reicht das nicht
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17:50 20.07.2019
Ein Rudel Wölfe im Güstrower Wildpark MV. Quelle: Wildpark MV
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Rostock

Eine Million Euro: Der Bund zahlt Schäfern ab dieser Woche Geld für den Schutz ihrer Tiere vor Wölfen. 36 Euro pro Schaf soll es auf Antrag geben. Unter anderem können die Wanderschäfer damit mobile Elektrozäune, mindestens 90 Zentimeter hoch und mit 2000 Volt Spannung, anschaffen. Die Schaf- und Ziegenzüchter in MV kritisieren das Förderprogramm als unzureichend.

In Mecklenburg-Vorpommern sind es zurzeit sechs Rudel: Die Reviere liegen zwischen der Kalißer Heide im Westen und der Insel Usedom im Osten. Bei Wolfsangriffen im Land wurden seit 2007 mehr als 400 Nutztiere getötet.

Galerie: Wolfsattacken in MV

Tödliche Attacken von Wölfen in Mecklenburg-Vorpommern häufen sich. Bisweilen werden die Raubtiere aber auch selbst getötet.

73 Rundel in Deutschland

Zuletzt hatten Wölfe in Borken (Vorpommern-Greifswald) sogar einen 1,80 Meter hohen Zaun samt Elektrolitze überwunden und Tiere einer Damwildherde gerissen. 2019 sind bisher mindestens 16 Rissvorfälle mit insgesamt 58 getöteten und zehn verletzten Nutztieren registriert worden. 2018 waren es 23 Vorfälle mit 120 getöteten und 42 verletzten Tieren.

In ganz Deutschland leben inzwischen laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf 73 Rudel, fünf Wolfspaare und zehn Einzeltiere, die meisten davon in Niedersachsen (20 Rudel), Sachsen (18 Rudel), Brandenburg (17 Rudel) und Sachsen-Anhalt (13 Rudel).

Erfolg des Artenschutzes

Für Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) ist die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ein Erfolg des Artenschutzes. Dies stelle aber besonders die Wanderschäfer vor große Herausforderungen. Da mobile Elektrozäune und andere Schutzmaßnahmen nicht nur Zeit, sondern auch Geld kosteten, sei das Förderprogramm aufgelegt worden.

Weiterlesen: Bauernverband MV: Strenger Schutz von Wölfen muss endlich fallen

Jürgen Lückhoff, Vorsitzender des Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes MV, schätzt das neue Förderprogramm des Bundes so ein: „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“ Die Politik wollte wohl einem begrenzten Personenkreis unter den Schafhaltern etwas Gutes tun. „Aufgrund der engen Kriterien betrifft die Förderung in MV höchstens fünf Schäfer“, sagt Lückhoff.

„Es gibt wichtigere Aufgaben beim Wolfsschutz“

Dabei gebe es in puncto Wolfsschutz viel wichtigere Aufgaben im Land: Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) „müsse endlich für ein Inkrafttreten der neuen ,Förderrichtlinie Wolf’ Sorge tragen“, erklärt Lückhoff. Die bisherige Richtlinie war bis zum 31. Dezember 2018 befristet. Bereits im Herbst letzten Jahres hatte die EU-Kommission entschieden, künftig eine 100-prozentige Förderung von Präventionsmaßnahmen und Entschädigungen im Schadensfall zu ermöglichen.

Bisher seien es 75 Prozent gewesen. „Es ist nicht nachzuvollziehen, warum fast ein dreiviertel Jahr nach dieser Entscheidung immer noch keine novellierte Förderrichtlinie Wolf des Landes vorliegt – „die Schäfer warten sehnsüchtig darauf“, kritisiert Lückhoff. Denn: Investitionen in mehr Sicherheit für die Tiere würden wegen der Verzögerung erst einmal zurückgehalten.

Lob für Backhaus für für anderes Förderprogramm

Lob der Tierhalter für Backhaus gibt es dagegen für dessen Initiative im Bundesrat: Danach soll „zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage von Weidetierhaltern und zur Honorierung ihrer Biodiversitätsleistungen eine jährliche zusätzliche Förderung in Höhe von 30 Euro je Mutterschaf/Ziege in der Weidetierhaltung“ gezahlt werden. „Damit werden die Mehrbelastungen der Züchter, die in Wolfsgebieten leben und dort ihre Tiere vor Wölfen schützen müssen, anerkannt“, sagt Lückhoff.

Abschuss von Wölfen

Backhaus hatte jüngst den Beschluss des Bundesrats zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes begrüßt – ganz im Sinne der Tierhalter. Der Gesetzentwurf sieht eine Entnahme, also den Abschuss eines Wolfes vor, wenn der einen „ernsten Schaden“ verursacht hat. Bisher musste ein „erheblicher Schaden“ vorliegen.

Wolfsrisse in MV

Fälle von Wolfsrissen in Mecklenburg-Vorpommern (eine Auswahl)

4. Juni 2019: Auf einer Weide in der Nähe von Neuhaus bei Ribnitz-Damgarten wird ein totes Kalb entdeckt. Die Spuren deuten auf einen Wolfsangriff hin. In den Wochen zuvor hatte es in der Gegend immer wieder Wolfssichtungen gegeben.

28. April 2019: Auf einer Weide bei Grabow (Ludwigslust-Parchim) hat ein Viehhalter mehrere seiner insgesamt 160 Schafe und Lämmer tot aufgefunden. Sie wurden von einem Wolf gerissen und ausgeweidet.

6. April 2019: Ein Wolf greift eine Schafherde im Biosphärenreservat Schaalsee (Nordwestmecklenburg) an. Der Gutachter findet insgesamt zehn tote und fünf verletzte Tiere auf der Weide.

7./8. Februar 2019: Bei einem privaten Schafhalter nahe Pasewalk tötet ein Wolf alle acht Tiere. Im Damwildgehege bei Mönkebude mit 70 Tieren werden fünf Damhirsche gerissen und zwei Tiere verletzt. Bei einem weiteren Schafhalter bei Ueckermünde werden zwei von 70 Schafen getötet und eins verletzt.

3. August 2018: Ein Halter findet auf seiner Weide in Blankenhagen bei Rostock 15 tote Tiere gefunden. Zudem wurden zehn Tiere verletzt, einige so schwer, dass sie getötet werden mussten.

2. Oktober 2017: Seit diesem Tag ist ein Wolf neunmal in das Gelände einer eingezäunten Solaranlage in Ramin (Vorpommern-Greifswald) eingedrungen und hat dort Schafe gerissen. Ein Gutachter bestätigt 15 Risse. Der Schäfer selbst gibt 35 getötete Tiere an.

Dem Bauernverband MV reicht die Lockerung der Bestimmungen für Wolfs-Abschüsse nicht aus. Der Verband fordert, den strengen Schutz von Wölfen aufzuheben. Das Bündnis „Wolfsfreie Weiden“ in MV, das 14 Verbände gegründet haben, vereint Bauern, Schäfer, Jäger, Waldbesitzer, Pferde- und Rinderzüchter, Fischer sowie den Verein Landurlaub. Das Bündnis sieht den Wolf nicht mehr als gefährdet an, weil die baltisch-osteuropäische Population schon aus rund 8000 Tieren bestehe.

MV hat im vorigen Jahr etwa 260 000 Euro aufgewendet, um Tierhalter beim Schutz vor Wölfen zu unterstützen, Tierverluste auszugleichen und die Ausbreitung des Raubtiers wissenschaftlich zu begleiten, erklärt Backhaus.

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Bernhard Schmidtbauer