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MV aktuell Schiffsexpedition in die Vergangenheit: Rostocker erforscht Geschichte der Antarktis
Nachrichten MV aktuell Schiffsexpedition in die Vergangenheit: Rostocker erforscht Geschichte der Antarktis
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19:37 17.06.2019
Helge Arz und sein Gegenkollege der „Tagesschicht“, Christopher Moy aus Neuseeland, stimmen sich am Sedimentkerntisch ab. Quelle: Arz/IODP-JRSO
Warnemünde/Chile

Kilometerweit nichts als Wasser. Wenn Helge Arz ins Freie schaut, ist kein Land in Sicht. Zusammen mit 49 weiteren Forschern befindet sich der Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) aktuell auf einem Schiff unweit des Point Nemo – des abgelegensten Ortes der Welt. Zwischen Chile und Neuseeland verfolgen die Wissenschaftler ein Ziel: Erkenntnisse über die Klimageschichte der Erde sammeln.

Wissenschaftliches Neuland erkunden

„Vor fünf Millionen Jahren war es auf unserem Planeten deutlich wärmer. Heute befinden wir uns in einer Kaltzeit“, berichtet der Leiter der IOW Sektion „Marine Geologie“. Wie es dazu gekommen ist und was seitdem in diesem Teil der Welt passierte, sei bislang wenig erforscht. „Was wir hier machen, ist Neuland. Bislang gibt es keine Untersuchungen in diesem Bereich“, bestätigt Arz.

Um also speziell die jüngere Entstehungs- und Klimageschichte des Kontinents Antarktis besser zu verstehen und das Verhalten des Eises und des Ozeanes drum herum einschätzen zu können, sei es notwendig, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. „Nur dadurch können wir, auch im Hinblick auf den durch Menschen verursachten Klimawandel, unsere Prognosen für die Zukunft zuverlässiger machen.“

Mit Hochdruck: Entnahme von Bohrkernen

Rund acht Wochen sind die Wissenschaftler aus insgesamt zwölf Nationen unterwegs, um ihren Fragestellungen nachzugehen. Auf dem Forschungsschiff „Joides Resolution“ – das mit fast 150 Metern Länge noch deutlich größer ist als die deutschen Schiffe „Polarstern“ und „Sonne“ – arbeiten sie im wahrsten Sinne des Wortes mit Hochdruck.

Auf dem Forschungsschiff „Joides Resolution“ sind 50 Wissenschaftler Tag und Nacht in Aktion. Hier ein kleiner Einblick in ihren Alltag und ihre Arbeit vor der Küste Chiles

Anhand eines riesigen Spezialbohrers können sie bei einer Wassertiefe von 6000 Metern bis in den Meeresboden eindringen. „Mit Druck werden im Bohrloch ein Stahlrohr jeweils zehn Meter tief in die Erde geschossen und einzelne Kerne entnommen“, erklärt Arz. Diese werden anschließend an Bord gebracht, in Teilstücke zerlegt und von den Forschern untersucht und in ihrer Qualität eingeschätzt. „Dokumentation ist das A und O von solchen Forschungsarbeiten.“

Bodenschichten lesen

Die gewonnenen Bohrkerne ermöglichen einen einmaligen Blick in die Vergangenheit, wie der IOW-Mitarbeiter betont: „Wir holen damit fünf Millionen Jahre alte Geschichte an die Oberfläche. In den Sedimenten haben sich Spuren einer ganz anderen und wärmeren Welt abgelagert.“ Ein Einblick, den die 10 000 Jahre junge Ostsee nicht bieten kann. „Man erkennt deutlich, dass sich die oberen Schichten farblich und vom Aufbau her von den anderen unterscheiden“, so der Wissenschaftler weiter.

Draus lasse sich schließen, dass sowohl vor 2,7 Millionen Jahren, mit dem Beginn der Vereisung Nordamerikas, Grönlands und Skandinaviens, als auch vor 700 000 Jahren starke Veränderungen eingetreten seien. „Das Meer ist immer kälter geworden und die starken Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten haben eingesetzt“, mein Arz. Bei ihrer letzten Bohrung seien die Wissenschaftler in knapp 210 Metern Tiefe auf die Basaltkruste gestoßen. „Das war total faszinierend. Damit haben wir an dieser Stelle die gesamte Sedimentbedeckung des Ozeans durchbrochen und Vulkanglas entdeckt“, berichtet er voller Begeisterung.

Leben zwischen Maschinen und Natur

Weil die Bohrungen sowohl bei Tag als auch bei Nacht stattfinden, werde in zwei Schichten gearbeitet. Wenn Arz und sein Team aktiv sind, ist es stets dunkel. „Die Tage sind hier deutlich kürzer. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen“, sagt er. Knapp vier Stunden am Tag scheint die Sonne. „Der Körper hat sich bereits auf die Nachtschicht eingestellt. Jetzt nähern wir uns der längsten Nacht im Jahr.“

Nach Bordzeit geht die Sonne erst mittags gegen ein Uhr auf. Ein Zeitpunkt, an dem der IOW-Mitarbeiter nach Möglichkeit an Deck geht, um den Ausblick zu genießen. „Erst vorgestern haben wir Wale gesichtet. Besonders beeindruckend sind aber die Albatrosse, die weit weg vom Land ihren Alltag verbringen“, sagt er. Denkt Arz an seinen eigenen Alltag in Rostock, wird ihm traurig zumute. Immer wieder bekomme er tolle Bilder von zu Hause. Von den Blumen, die jetzt blühen und dem schönen Wetter. „Das tut schon weh, wenn man so weit weg von der Familie ist und im dunklen Winter hockt.“

Um sich abzulenken, versucht er so viel Normalität wie nur möglich aufrechtzuerhalten –, fährt Fahrrad im Fitnessraum, spielt Tischtennis mit den Kollegen und liest Bücher vor dem Schlafen. „Die Tage hier sind so aufregend, dass sie wie im Fluge vergehen“, stellt der Forscher fest.

In sieben Jahren zur Traum-Expedition

Die Erfahrung, die er auf der Expedition sammelt, möchte Arz auf keinen Fall eintauschen. „Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen“, betont er. Mehr als sieben Jahre hat er darauf hingearbeitet. Wurde von einem internationalen Komitee auserwählt und hat zahlreiche Expeditionen im Vorfeld absolviert, um Vorerkundungen einzuholen. Als einer von vier deutschen Teilnehmern hat er geschafft, wovon andere Wissenschaftler nur träumen.

Forschen am abgelegensten Ort der Welt

An der Expedition nehmen 50 Wissenschaftler aus zwölf Nationen teil. Auch das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Bremerhaven ist unter der Leitung von Frank Lamy beteiligt.

Die Sedimente lassen Rückschlüsse auf die Klimaveränderung in den vergangenen fünf Millionen Jahren zu.

Die entnommenen Bohrkerne haben einen Durchmesser von rund 6,3 Zentimetern und sind 10 Meter lang. Bis zu fünf Löcher werden für eine Probe gebohrt.

Die Bohrungen laufen 24 Stunden am Stück, so dass die Wissenschaftler in zwei Schichten arbeiten.

Drei Forscher aus Deutschland sind an der Expedition beteiligt. Zum ersten Mal befindet sich ein Rostocker mit an Bord.

Seit drei Wochen sind sie bereits unterwegs. Insgesamt verbringen sie acht Wochen auf dem Wasser.

Susanne Gidzinski

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