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MV aktuell Kranke Rostockerin: „Cannabis ist ein Geschenk Gottes“
Nachrichten MV aktuell Kranke Rostockerin: „Cannabis ist ein Geschenk Gottes“
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18:31 21.08.2019
Patientin Wiltraud Kornagel (75) und ihr Rechtsanwalt Maik Kotzian. Vier Jahre kämpfte die Rentnerin darum, dass die Kosten für ihre Medizin übernommen werden. Quelle: André Horn
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Rostock

Grün – fast wie die Pflanze selbst – schimmert das flüssige medizinische Cannabis auf dem Handrücken. Der typische Geruch von Marihuana, den getrockneten Blüten der Hanfpflanze, steigt ganz leicht in die Nase. Ich sitze zu Hause bei der Rostocker Schmerzpatientin Wiltraud Kornagel (75), die mich auffordert, ihr Medikament zu probieren. Nach dem Ablecken der Flüssigkeit breitet sich im Mund rasch ein sehr intensiver, leicht bitterer Cannabis-Geschmack aus, der noch für Stunden anhalten wird.

Nicht mit einem Joint vergleichbar

Seit viereinhalb Jahren nimmt die 75-Jährige ein Cannabis-Extrakt zu medizinischen Zwecken ein und sie ist sich sicher: „Cannabis ist ein Geschenk Gottes.“ Berauschend wie ein Joint wirkt es aber nicht. Das kann ich selbst bestätigen: Auch nach einiger Zeit konnte ich keine Veränderung an mir feststellen. „Ich darf sogar Auto fahren. Es ist so dosiert, dass man nicht high wird“, erzählt Kornagel. Bis zu zwölfmal täglich nimmt sie einen Sprühstoß ein, der über die Mundschleimhäute sofort aufgenommen wird.

Sativex ist Wiltraud Kornagels „Wundermittel“. Es handelt sich dabei um medizinisches Cannabis als Spray, dass man über die Schleimhäute im Mund aufnimmt. Quelle: Maria Baumgärtel

Sativex heißt das Medikament, das aus der Sativa-Cannabis-Pflanze gewonnene Extrakte, wie Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC), enthält. Wie man der Packungsbeilage entnehmen kann ist es rein pflanzlich und enthält keine Konservierungsstoffe. „In einer Packung sind drei Flaschen – eine Monatsration. Die kostet exakt 314,42 Euro“, berichtet die 75-Jährige. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Langer Leidensweg durch Cannabis beendet

Seit ihrem 14. Lebensjahr ist Wiltraud Kornagel an den Rollstuhl gefesselt. Schuld daran ist die Infektionskrankheit Kinderlähmung. Eine Folgeerkrankung ist das Post-Polio-Syndrom, das zu Muskel- und Nervenabbau führt und mit enormen Schmerzen einhergeht. „Es fing irgendwann mit den Armen an, die sich anfühlten als habe ich eine starken Muskelkater“, schildert sie den Beginn ihres Leidens. Es endete in einer so starken Schmerzperiode, dass selbst Morphium keine Linderung verschaffte: „Ich wollte nicht mehr leben.“

Die Rettung kam in Form der Hanfpflanze. Am 1. Januar 2015 begann die Rostockerin mit der Einnahme – zeitgleich habe sie alle Schmerzmedikamente weggelassen. „Ich hab gelitten wie ein Hund“, erzählt Kornagel und man sieht ihr dabei an, welch schwere Zeit sie durchgemacht hat. Doch von Woche zu Woche nahmen ihre Schmerzen ab. „Heute bin ich schmerzfrei und das nur durch die kontinuierliche Einnahme von medizinischem Cannabis“, begeistert sie sich.

Ärzte und Kassen erschweren Therapie

Nur die Krankenkasse machte ihr zu schaffen: 2014 stellte die Rentnerin den ersten Antrag auf Kostenübernahme – und bekam eine Ablehnung. „Ich ging vor das Sozialgericht, das zum Glück bei der ersten Anhörung im Oktober 2015 eine einstweilige Verfügung erließ und damit die Krankenkasse zum Zahlen zwang. Ich hätte das Medikament nicht länger selbst zahlen können“, berichtet sie. Doch bis zu diesem Jahr dauerte der Rechtsstreit an: Erst jetzt habe sie die Bescheinigung bekommen, dass die Kosten offiziell übernommen werden.

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Überhaupt sei es schwierig, Cannabis verschrieben zu bekommen. Die 75-Jährige habe das Glück gehabt einen Arzt zu finden, der die Cannabis-Therapie befürwortet. Viele Ärzte seien jedoch zurückhaltend. „Ein Problem ist, dass man noch nicht genau weiß, bei welchen Krankheiten Cannabis wirklich hilft und wie es sich auf Dauer auf die Patienten auswirkt“, erklärt Markus Stuppe, Chefarzt der Helios Suchtklinik Schwerin.

Diese Bedenken hat auch die Ärztekammer MV. Sie teilt mit, dass sie die Anwendung von Cannabis nach wie vor kritisch sieht. Deshalb fordere sie die Bundesregierung auf, ein Forschungsprogramm zum medizinischen Nutzen der pflanzlichen Mittel zu initiieren. Wie die Wirkung bei den einzelnen Patienten ist, müssen die behandelnden Ärzte bereits akribisch dokumentieren, wie Stuppe berichtet.

Gelockerte Gesetzeslage seit 2017

Im Januar 2017 beschloss der Bundestag das Gesetz zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“. Am 10. März desselben Jahres trat es in Kraft. Seitdem können Cannabisblüten, Extrakte aus Cannabis sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Nabinol von Ärzten zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verschrieben werden.

Vor der neuen Gesetzeslage erhielten schwerkranke Patienten Medizinal-Cannabis nur mit einer Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Kosten mussten die Patienten selbst tragen.

Zurzeit können Ärzte13 unterschiedliche Sorten Cannabis verordnen, die jedoch aktuell noch aus dem Ausland importiert werden müssen.

Verordnet werden darf medizinisches Cannabis laut dem Gesetzgeber Patienten mit „schwerwiegenden Erkrankungen“. Konkretisiert wird dieser Begriff allerdings nicht. Als Therapie findet es bisher vor allem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose, Epilepsie, Übelkeit sowie Appetitlosigkeit infolge von Chemotherapien oder HIV/Aids Anwendung.

Viele Ärzte sehen Cannabis-Arzneien kritisch, da es bisher keine klinischen Studien zu den in Hanfpflanzen enthaltenen Cannabinoiden in Bezug auf Wirkungen und Nebenwirkungen gibt.

Von einer Abhängigkeit keine Spur

Bei Wiltraud Kornagel stößt das auf Unverständnis: „Wir besinnen uns nicht darauf, was unsere Vorfahren schon alles mit dieser Pflanze geheilt haben. Stattdessen verschreiben die Ärzte lieber hoch dosierte, körperschädigende Schmerzmittel. Cannabis, das wesentlich gesünder ist, wird erst als Gnadenakt verschrieben.“

Die Kassenärztliche Vereinigung MV bestätigt, dass eine Verordnung von Cannabis eher die Ausnahme darstellt und nur verordnet wird, wenn keine Therapiealternativen zur Verfügung stehen. „Für mich ist Morphium keine Alternative. Ich verurteile jeden Arzt, der damit um sich wirft“, brüskiert sich die 75-Jährige.

Heute geht es Wiltraud Kornagel gut, wie man sehen kann. Sie versteht die Zurückhaltung beim Thema Cannabis-Therapien nicht. Quelle: privat

Eine Abhängigkeit, die von vielen Kritikern befürchtet wird, kann die rüstige Rentnerin nicht feststellen: „Ich habe einmal einige Tage vergessen, mein Extrakt einzunehmen – wäre ich süchtig, hätte ich das sicher nicht.“ Auch Chefarzt Stuppe meint: „Nicht jeder ist empfänglich für die Abhängigkeit von Cannabis. Rund 90 Prozent der Leute, die kiffen, werden nicht abhängig.“

Zugleich warnt er davor, dass Cannabis potenziell Psychosen auslösen kann. Wiltraud Kornagel jedenfalls geht es gut, wie man ihr deutlich ansieht. Sie weiß, dass die Hanfpflanze Gutes bewirken kann und wird sich weiterhin für die Anerkennung von medizinischem Cannabis einsetzen.

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Von Maria Baumgärtel

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