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MV aktuell Schottergärten auf dem Vormarsch: Politiker fordern Pflicht für grüne Vorgärten in MV
Nachrichten MV aktuell Schottergärten auf dem Vormarsch: Politiker fordern Pflicht für grüne Vorgärten in MV
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06:21 09.05.2019
Kiesvorgarten in einem Rostocker Wohngebiet.
Kiesvorgarten in einem Rostocker Wohngebiet. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Graue Steine statt bunte Blumen findet man heutzutage in vielen Vorgärten. Gartenbesitzer gestalten die Flächen vor ihrem Haus zunehmend mit Schotter. Dieser Trend wird derzeit auf der Umweltministerkonferenz diskutiert, die noch bis Freitag in Hamburg stattfindet.

Den Anstoß dafür gab ein Antrag des Saarlandes mit der Forderung nach einer Kampagne gegen Steinvorgärten. Diesem Vorstoß schloss sich auch das Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern an. Einige Städte und Gemeinden haben bereits eigene Regelungen erlassen. So ist in Rostock die Verschotterung von Vorgärten in einigen Bereichen der Stadt verboten. Die Stadt Bremen plant, Mitte des Monats ein Gesetz gegen diese Stein-Gärten zu erlassen.

OZ-Umfrage: Sollten Steingärten in MV verboten werden?

Beunruhigende Entwicklung: Artenreiche Gärten verschwinden

„Gerade im Bereich der Privat- und Vorgärten ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten“, sagt Eva Klaußner-Ziebarth, Sprecherin des Umweltministeriums MV. „Arten- und blütenreiche Gärten verschwinden auf Kosten steriler insektenfeindlicher Stein- und Schottergärten.“

Der Trend des Steingartenes vor dem Haus verbreitet sich immer mehr in MV: Hier zeigen wir 10 Steingärten, in denen fast komplett auf die Natur verzichtet wurde.

Ein Beispiel: Im Seebad Zinnowitz auf Usedom wurden im Promenadenbereich gleich mehrere Grünflächen von Steinen ersetzt, was Urlauber und Einheimische ärgert. Die Länder sähen nun Handlungsbedarf, so Klaußner-Ziebarth. Ziel sei eine bundesweite Kampagne, um Grundstücksbesitzer über eine insektenfreundliche Gartengestaltung aufzuklären.

Funktionen von Grünflächen gehen verloren

„Das Problem von Kies- und Steingestaltungen ist, dass diese Gärten wenige oder keine Pflanzen enthalten und der Boden verschüttet wird“, erklärt Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz MV (BUND). Gepflanzt würden meist Neophyten, die einheimische Pflanzen verdrängen und Tieren keine Nahrung bieten. Die Funktionen normaler Grünflächen wie Luftbefeuchtung, Bindung von Feinstaub oder Lärmdämmung gingen verloren.

Rostock ist eine von wenigen Ausnahmen

Claudia Schulz, Landesvorsitzende der Grünen, erklärt: „Gerade mit Blick auf den Klimawandel wird eine kühlende, beschattende Begrünung immer wichtiger.“ Daher fordert sie eine künftige Festlegung für die Bepflanzung von Vorgärten. „Sinnvoll sind auch freiwillige Kooperationen zwischen Verwaltungen und privaten Flächenbesitzern, um zusätzliche Blühflächen oder Baumpflanzungen in Städten zu ermöglichen.“

Lesen Sie hier den OZ-Kommentar zum Thema

Sie lobt Städte und Gemeinden, in denen es bereits Regelungen über die Begrünung von Vorgärten gibt. Die Hansestadt Rostock ist eine dieser wenigen Ausnahmen. „In ausgewiesenen Denkmalbereichen genießen die Vorgärten Schutzstatus“, erklärt Stadtsprecher Ulrich Kunze. Ziel sei es, die Gärten und ihre historischen Einfriedungen zu erhalten. „Verschotterungen sind dort nicht genehmigungsfähig.“

Steingartenbesitzer hält nichts von Verbot

Michael Necke baute vor zwei Jahren selbst einen Steingarten vor sein Einfamilienhaus in einer Rostocker Neubausiedlung. Noch heute ist er damit zufrieden. Der Garten sei durchaus pflegeleichter als eine Grünfläche, berichtet der 45-Jährige. „Aber das Unkraut ist sehr hartnäckig.“ Von einem möglichen Verbot hält der Familienvater nichts. „Deswegen würde ich keinen Blumengarten daraus machen. Alternativ würde ich Rasen pflanzen und da entsteht auch keine große Artenvielfalt.“

Der Grund für eine Kiesfläche vor dem Haus ist meist der Wunsch nach einem pflegeleichten Vorgarten. Die Steine können in unterschiedlichen Farben und Formen in Baumärkten und Gartenfachmärkten erworben werden. Galabau-Chefin Meike Stelter erklärt: „In den Katalogen werden solche Schottergärten als modern und pflegeleicht vorgestellt.“ Besonders häufig fänden sich die Steinvorgärten in Neubaugebieten im ländlichen Raum oder am Stadtrand. „Dort treten sie oft geradezu seuchenartig auf“, so die Gartenexpertin.

Naturnaher Garten macht weniger Arbeit

Die vermeintliche Pflegeleichtigkeit sei aber ein Trugschluss. Durch die Ablagerung von organischer Substanz etablierten sich schnell hartnäckige Unkräuter. „Die Wasserversorgung der Pflanzen, die oftmals nur ein geringes Bodenvolumen zur Verfügung haben, ist zudem nicht optimal“, sagt Stelter.

Problematisch sei auch die enorme Aufheizung der Steinflächen an sonnigen Tagen. Die wenigen Gewächse im Schottergarten hätten es unter diesen Umständen nicht leicht. Corinna Cwielag vom BUND ergänzt: „Ein naturnaher Garten macht genauso viel oder weniger Arbeit. Denn heimische Pflanzen brauchen im Gegensatz zu standortfremden oft weniger Pflege.“

Appell an den gesunden Menschenverstand

Auch Robert Kröger, Vorsitzender des Landesverbandes der Gartenfreunde, betont, dass ein Steingarten ebenso pflegeintensiv sei wie eine Grünfläche. „Wartet man zwei bis drei Jahre, siedeln sich überall Wildkräuter, Flechten und Moose an.“

Statt eines Verbots appelliert er jedoch an den „gesunden Menschenverstand“ der Gartenbesitzer. „Ich denke nicht, dass eine gesetzliche Regelung sinnvoll ist. Dass ein Steinvorgarten nicht gut ist, sollte eigentlich jeder selbst erkennen.“

Jeder kann sich für naturnahe Bepflanzung einsetzen

Corinna Cwielag schlägt hingegen konkrete Maßnahmen vor. Um dem Trend entgegenzuwirken, könnten Städte und Gemeinden Festlegungen zur Gestaltung von nicht bebauten Flächen treffen. „Besonders wenn es um die Neuanlage eines Siedlungsgebietes geht, kann sich jeder für eine vorbildliche naturnahe Flächengestaltung einsetzen.“ Die Öffentlichkeit werde an solch einem Genehmigungsverfahren beteiligt.

Meike Stelter lobt indes Aktionen von Umweltschützern, Medien und Kommunen, die Gartenbesitzer animieren, ihre Vorgärten naturnah zu gestalten. Dazu gehören Vorgartenwettbewerbe und Facebook-Seiten, aber auch städtische Informationsangebote mit Bepflanzungs- und Pflegetipps.

Rabea Osol