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MV aktuell Schwarzer Schnee: Die schmutzige Seite des Rostocker Kohlekraftwerks
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14:00 08.10.2019
Bilder vom pravda-tv auf youtube zu Umweltverschmutzungen im sibirischen Kuzbass-Gebiet, woher das Rostocker Kohlekraftwerk seine Kohle bekommt. Quelle: OZ
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Rostock/Kuzbass

Das Rostocker Kohlekraftwerk bezieht den Großteil seiner Kohle aus Russland. Der Brennstoff stammt aus der sibirischen Kuzbass-Region und wird mit Zügen Tausende Kilometer weit zu den Ostseehäfen gefahren, etwa nach Ust Luga bei Sankt Petersburg. Während in Deutschland der Kohleausstieg beschlossen wurde, kommt weiterhin sibirische Kohle per Schiff im Rostocker Seehafen an. Sie hat nicht nur einen weiten Weg hinter sich, auch ihr Abbau verursacht dramatische Umweltauswirkungen.

Ökologischer Notstand

Die westsibirische Gegend sei zu einem „ökologischen Notstandsgebiet geworden“, kritisieren die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN und die deutsche Umweltorganisation Urgewald. Die Abbaugebiete liegen nahe an Ortschaften, Luft und Böden seien durch Schadstoffe extrem belastet. Dort angebaute Lebensmittel wiesen hohe Konzentrationen von Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen auf. „Mehr als 90 Prozent aller Trinkwasserquellen in der Region sind verschmutzt“, sagt Wladimir Slivyak, Co-Vorsitzender der russischen Organisation „Ecodefense“ im Gespräch mit der russischen Journalistin und OZ-Praktikantin Vera Petukhova.

Die Einwohner litten darunter. Der Staat achte nicht darauf, ob die Umweltgesetze eingehalten würden, so Slivyak. Das größte Problem sei der Staub: Der entstehe beim ober- und unterirdischen Abbau, wehe aber auch von den riesigen Bergen aus Abraum in die Städte. „Am Ausgang jedes Flughafens in Kuzbass sind gigantische Abraumhalden zu sehen“, so Slivyak. „Die Unternehmen unterschreiten den Mindestabstand zu Siedlungen und zahlen praktisch nichts für die Umweltverschmutzung.“

Einwohner wehren sich

Die Einwohner wollen nicht mehr schweigen. Rund hundert Familien aus dem Kuzbass entschlossen sich im Juni zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie baten per Youtube-Film den kanadischen Premierminister Justin Trudeau um einen Flüchtlingsstatus in Kanada. „Die Staatsunternehmen bauen die Kohle auf barbarische Weise ab”, beklagt eine junge Einwohnerin in dem Video. Wegen dem über der Stadt hängenden Smog und Kohlenstaub könne man nicht richtig atmen.

Im Februar dieses Jahres gingen Bilder Häusern und Straßen um die Welt, die von einer Schicht schwarzen, giftigen Schnees bedeckt waren. In vielen Medien war von „postapokalyptischen“ sibirischen Landschaften die Rede.

Totgeburten und Krebs

Lungen- und Hauterkrankungen kommen besonders häufig in der Region vor. „Das Risiko einer Totgeburt liegt über dem Durchschnitt“, sagt Wladimir Slivyak. Die Krebsrate sei in den vergangenen Jahren stark angestiegen. „Fast jede Familie hat jemanden, der Krebs hat oder daran gestorben ist”, sagt eine Frau aus Kisseljowsk in dem Youtube-Hilferuf.

Die Lebenserwartung der Menschen liegt drei bis vier Jahre unter dem russischen Durchschnitt Auch die Sicherheit in den Bergwerken ist bedenklich, im Durchschnitt sterben 50 Bergleute jährlich bei Unfällen in Russland.

Keine Alternative?

Die Energiewerke Baden-Württemberg (EnBW), Mehrheitsgesellschafter des Rostocker Kraftwerks und für den Kohleeinkauf zuständig, bemühen sich nach eigenen Angaben um eine Verbesserung der Bedingungen im Kuzbass-Gebiet. Man tausche sich regelmäßig mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Akteuren in Russland aus, sagt EnBW-Sprecherin Caroline Miller. Dabei gehe es um Umweltschutz und Arbeitsbedingungen, aber auch um die Verhinderung von Korruption.

Demnächst sollen Mitarbeiter des Energiekonzerns nach Sibirien fahren, um sich selbst ein Bild zu machen. Wegen der günstigen Anlieferung über die Ostsee gebe es für das Rostocker Kraftwerk aber „eigentlich keine Alternative“ zu russischer Kohle.

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Von Vera Petukhova

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