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MV aktuell Schweden legt vor: Kommt jetzt das Rauchverbot auf Restaurant-Terrassen in MV?
Nachrichten MV aktuell Schweden legt vor: Kommt jetzt das Rauchverbot auf Restaurant-Terrassen in MV?
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06:22 03.07.2019
Eine Frau hängt ein Rauchverbotsschild an einer Terrassentür eines Lokals auf (Symbolfoto). Quelle: Lutz Roeßler
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Rostock

Viele Mitarbeiter nicht nur der Hotel- und Gaststättenbranche im Nordosten schauen in diesen Tagen gespannt nach Schweden.

Zu ihnen gehört der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes MV (Dehoga), Lars Schwarz. „Ich bin sehr gespannt darauf, wie die skandinavischen Nachbarn das seit Montag gültige Rauchverbot, das auf öffentliche Plätze ausgedehnt wurde, durchsetzen wollen“, erklärt der Dehoga-Chef.

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Schweden soll bis 2025 rauchfrei sein

Konkret dürfen sich dort Raucher auch in den Außenbereichen von Gaststätten keine Zigaretten mehr anstecken. Öffentliche Spielplätze, Bushaltestellen und Bahnsteige fallen neben anderen Orten ebenfalls unter das ausgeweitete Rauchverbot. Die Bestimmungen gelten auch für E-Zigaretten. Die Regierung von Ministerpräsident Stefan Löfven hat das Ziel, dass Schweden bis 2025 rauchfrei wird.

Umfrage: Soll das Rauchen auch auf Restaurant-Terrassen verboten werden?

Schwarz: Rauchverbot an Spielplätzen macht Sinn

Für Schwarz, der auch Bürgermeister von Gnoien (Landkreis Rostock) ist, macht ein Rauchverbot im Bereich von Spielplätzen oder vor Schulen und auf Bahnsteigen absolut Sinn. Und der Inhaber des Restaurants „Hotel Nudel-Oper“ in der 3500 Einwohner zählenden Kleinstadt hat auch zum Verzicht auf den blauen Dunst in den meisten gastronomischen Einrichtungen hierzulande eine klare Auffassung: „Mit meinen 15 Mitarbeitern kann und will ich mir die Zeit, in der im Restaurant geraucht werden durfte, nicht mehr vorstellen. Denn neben der ständig übel riechenden Kleidung war die gesundheitliche Belastung unvertretbar.“

Problem im Außenbereich von Gaststätten

Was allerdings den gesetzlich verordneten Rauchverzicht auch in den Außenbereichen von Gaststätten betrifft, ist der Dehoga-Chef mehr als skeptisch. Dies sei kaum realisierbar. Hier sehe er auch mit Blick auf die 1500 Dehoga-Mitglieder im Land deutliche Fragezeichen. „In unserer Branche haben wir in MV aktuell einen guten Kompromiss gefunden“, so Schwarz.

Rauchen in „eigenen vier Wänden erlaubt“

„Im Treppenhaus, im Fahrstuhl, in Kellern, Tiefgaragen und Gemeinschaftsräumen sowie in unseren Kundencentern ist das Rauchen nicht gestattet“, sagt Carsten Klehn, Pressesprecher der größten Wohnungsgesellschaft in Rostock – der Wiro. Aktuell hat die Wohnen in Rostock Wohnungsgesellschaft 35 200 eigene Wohnungen. Etwa jeder dritte Hansestädter hat hier sein Zuhause. Grundsätzlich gelte, ein gutes Zusammenleben in einem Mehrfamilienhaus setzt immer Kompromisse und gegenseitige Rücksichtnahme voraus, so Klehn. Er verweist auf Gerichtsurteile, demnach es sich beim Rauchen um ein so genanntes „sozialadäquates Verhalten“ handele, was in der Regel hinzunehmen ist. Auch das Rauchen in den „eigenen vier Wänden“ ist erlaubt. Und da der Balkon zur gemieteten Wohnung gehört, ist dort das Rauchen ebenfalls nicht verboten, kann nur in extremen Einzelfällen zeitlich eingeschränkt werden.

Langwieriger Umdenkprozess nötig

„Die Schweden vollziehen in puncto weiterer Einschränkung des Tabakgenusses im Vergleich zu Deutschland bereits den übernächsten Schritt“, verdeutlicht Dr. Rolf Kaiser. Für den Chefarzt der KMG Kliniken Güstrow sei hierzulande ein langwieriger Umdenkprozess nötig. Er benennt einige der Probleme: „Noch nicht alle Kliniken sind rauchfrei, im Auto wird häufig zur Zigarette gegriffen, obwohl Kinder mitfahren, vor Schulen und Kindergärten darf hemmungslos gequalmt werden . . .

Alarmierend sei, so der Mediziner, dass in keinem anderen Bundesland so viel geraucht wird wie in MV. Nach Angaben des Statistischen Landesamts greift mehr als jeder vierte Einwohner (27 Prozent) ab 15 Jahren regelmäßig zur Zigarette. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 22 Prozent.

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Um der gefährlichen Sucht wirksam Einhalt zu gebieten, bedürfe es des klaren politischen Willens, sagt Dr. Kaiser. So sei es eine vordringliche Aufgabe, gerade im Bereich der Spielplätze und der so beliebten Fast-Food-Ketten das Rauchen zu verhindern. Denn es gelte, den Nachahmeffekt bei Kindern und Jugendlichen möglichst zu verhindern, so der Lungenspezialist.

Steueraufkommen: 14 Milliarden Euro

Fakt ist, dass der Tabakkonsum jährlich etwa 14 Milliarden Euro an Steuern zum Bundeshaushalt beiträgt. „Die volkswirtschaftlichen Schäden liegen aber mit 79 Milliarden Euro um ein Mehrfaches höher“, erläutert Prof. Dr. Helmut Gohlke vom Vorstand der Deutschen Herzstiftung. Der Kardiologe verweist auf „120.000 vorzeitige und vermeidbare Todesfälle pro Jahr in Deutschland durch den Tabakkonsum“. Darunter sind mehr als 3000 Nichtraucher, die als Passivraucher dem blauen Dunst ausgesetzt waren.

Studien: Gefahr durch E-Zigaretten

In einer Umfrage des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, die vom Institut Forsa durchgeführt wurde, sprachen sich 69 Prozent der Befragten für ein vollständiges Verbot der Tabakwerbung aus. In diesem Zusammenhang verweist Prof. Gohlke auf 19 aktuellere Studien von 2018 und 2019 zum Vergleich des Schadenspotenzials von E-Zigaretten und Tabakzigaretten. Laut Analyse beträgt die Wirkstärke der E-Zigaretten mindestens 50 Prozent der Wirkstärke des Tabakrauchs.

E-Zigaretten lösen nicht nur überproportional stark akute Funktionsstörungen der Lunge, des Herz-Kreislauf- und des Immunsystems aus, sondern schädigen auch die Struktur der Gewebe und werden mit Gesundheitsschäden wie Asthma und chronischer Bronchitis in Verbindung gebracht.

Lesen Sie den Kommentar zum Thema: Respekt vor den Schweden

Volker Penne