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17:33 26.08.2019
Karl-Ernst Eppler (80), Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“ 1989 in Rostock, zeigt eine der ersten Ausgaben der Zeitung „plattForm“, die er mit weiteren Mitgliedern von Bürgerbewegungen und neuen Parteien in Rostock herausgegeben hat. Quelle: Bernhard Schmidtbauer
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Rostock

Als Karl-Ernst Eppler 1989 seine Verwandten in der Bundesrepublik besucht, da wollen ihn dort CDU-Mitglieder überreden, doch im Westen zu bleiben. „Ich wollte aber zurück nach Rostock, ich wollte in der DDR etwas verändern“, erzählt der 80-Jährige. Vielleicht wären so manche damals in der SED-Bezirksleitung gar nicht böse darüber gewesen, wenn Eppler „drüben“ geblieben wäre. Die Chance dazu hatte er mehrfach, als Seemann ist er um die ganze Welt gefahren.

Neunmal durch die Stasi abgeholt

Eppler war auf der Karriereleiter in der Handelsmarine bis zum Posten des Leitenden Ingenieurs (Chief) gekommen. Aber nicht ohne Brüche: „Zweimal wurde mir mein Seefahrtsbuch entzogen, neun Mal hat mich die Staatssicherheit abgeholt und verhört“, erinnert er sich. Ende der 1980er Jahre sendet Eppler Briefe an SED- und Staats-Chef Erich Honecker und an den höchsten DDR-Wirtschaftsfunktionär Günter Mittag – er hat den Mut, die Mächtigen auf Fehler im System hinzuweisen. Das war dann doch zuviel. „Jürgen Begemann, der Generaldirektor des Rostocker Kombinats Schiffbau, sagte zu mir: ,Du musst raus aus dem Überseehafen’“, erinnert sich Eppler. Er habe dann die Firma „steba“ aufgebaut, die noch heute existiert.

„Bis 1970 war die DDR mein Staat“

Mit Kritik an Unzulänglichkeiten auf DDR-Schiffen hatte er als Chief schon in den 1970er Jahren nicht hinter den Berg gehalten. „Bis 1970 war die DDR mein Staat“, erklärt er. Dann sei sein bester Freund, der auch auf einem Handelsschiff fuhr, abgehauen. Die Gründe dafür hat er 1971 an seine Vorgesetzten gemeldet. Bei einem Gespräch darüber habe auch die Stasi mit am Tisch gesessen. Eppler, so das Angebot, sollte als „Kundschafter“ tätig werden und als erstes seinen Freund wieder zurückholen. „Ich habe das nicht gemacht, bin aber mit meiner Frau vier Monate um Afrika gefahren“, erzählt er. Nach der Rückkehr sei er entlassen worden. 1974 sei er aber schon wieder als Chief eingesetzt worden. Kurz danach habe er sich jedoch entschieden: „Ich fahre nicht mehr zur See.“ Er blieb an Land und wurde Bauleiter des Bereichs Hafenreparaturen.

Oft mit West-SPD-Politiker verwechselt

Eppler ist in den 1980er Jahren nicht nur SPD-Sympathisant, er wird auch rein äußerlich mit einem bekannten Sozialdemokraten verwechselt. „Ich wurde oft gefragt: ,Sind Sie nicht Erhard Eppler, der West-SPD-Politiker?’“, berichtet er. Jedes Mal aufs Neue muss er die Fragenden enttäuschen – trotz des selben Namens und einer frappierenden Ähnlichkeit. Im Herbst 1989 jedoch, als sich massenhaft DDR-Bürger politisieren, ist die SPD – in der DDR heißt sie anfangs SDP – für ihn nicht die Partei, in der er sich engagieren will. Eppler sieht sich die neuen Parteien an. Auch den „Demokratischen Aufbruch – sozial – ökologisch (DA)“. Am 26. September wird der DA in Erfurt öffentlich vorgestellt. Zwei Tage später findet dort die erste Mitgliederversammlung statt.

Etwa 10 000 Jugendliche, Frauen und Männer demonstrieren am 28. Oktober 1989 durch die Rostocker Innenstadt. Auf dem Foto passieren die Menschen gerade den Ernst-Thälmann-Platz (heute Neuer Markt). Auf der Demo fordern sie die Zulassung des Neuen Forums, freie Wahlen, einen zivilen Wehrersatzdienst und gewaltfreie Dialoge mit den Staatsorganen. Quelle: OZ

Wolfgang Schnur führt Demokratischen Aufbruch

In Berlin trifft Eppler eines Tages im Oktober 1989 Wolfgang Schnur, den umtriebigen Anwalt vieler DDR-Dissidenten aus Rostock. Der ist im Herbst 1989 eine große Nummer in der Oppositionsszene. Er hat dann mit den Pfarrern Rainer Eppelmann und Friedrich Schorlemmer den Demokratischen Aufbruch gegründet – und ist bald Parteivorsitzender.

Schnur sagte mir, dass ich in Rostock eine Versammlung des DA organisieren soll“, erinnert sich Eppler. Am 13. Dezember leitet Schnur dann die Gründung der Ortsgruppe Rostock im HO-Gartenclubhaus „Fritz Reuter“. Dabei heißt es unter anderem, der DA wolle als Teil der politischen Opposition eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen, „in der die Würde des Menschen an erster Stelle steht“. Damals war klar: „Wir wollten die DDR ändern, an die deutsche Einheit hat noch keiner gedacht.“ Mit der CDU in der DDR wollte er in den Wochen der friedlichen Revolution lange Zeit nichts zu tun haben. Eppler wird rasch in den DA-Landesvorstand, der in Berlin seinen Sitz hat, berufen.

Gerücht kommt auf: Schnur soll Stasi-Spitzel gewesen sein

Bereits zu dieser Zeit bahnt sich für die neue Partei eine Katastrophe an: In Rostock und Berlin mehren sich die Gerüchte, dass Wolfgang Schnur ein Spitzel der Staatssicherheit sein soll. „Das haben mir sogar Leute aus unserem Wohnviertel gesagt“, erklärt Eppler. Beweise dafür jedoch habe es nicht gegeben. Bis zu dem Tag, als Mitglieder des Unabhängigen Untersuchungsausschusses (UUA), der sich nach der Besetzung der Staatssicherheits-Bezirksverwaltung in Rostock Anfang Dezember 1989 gebildet hat, Akten zu Schnurs Stasi-Vergangenheit – Deckname „Torsten“ – finden.

„Aber selbst dann hat der Vorstand in Berlin am 28. Dezember Schnur noch das Vertrauen ausgesprochen“, erinnert sich Eppler. Anfang März 1990 dann kann es eigentlich keinen Zweifel mehr an den Vorwürfen geben. Helmut Kohl, Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender, habe Schnur schnell ablösen lassen, sagt Eppler. Kein Wunder: Der Demokratische Aufbruch ist Teil des Wahlbündnisses „Allianz für Deutschland“ – neben West- und Ost-CDU sowie Deutscher Sozialer Union (DSU). Schnur als Parteivorsitzender des DA unter stichhaltigem Stasiverdacht: Das ist eine reale Gefahr für den angestrebten Sieg der Allianz bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990.

Demonstranten fordern am 30. November 1989 in Rostock „Deutschland einig Vaterland“.  Quelle: Dietmar Weidler / Archiv Schmidtbauer

Eppler: Schnur soll endlich reinen Tisch machen

Anfang März wird Karl-Ernst Eppler in der Causa Schnur aktiv. Er habe von Schnur gefordert, nach Rostock zu kommen und hier Stellung zu nehmen. Wenn er das nicht mache, „,dann finde ich Sie’, habe ich ihm gesagt.“ Und: Schnur solle seine Spitzenkandidatur – er sieht sich selbst als neuer Ministerpräsident der DDR – zur Disposition stellen. Der bestreitet vehement jedwede Verbindung zum Geheimdienst.

Am Ende aber ist Schnur nicht mehr zu halten: Er tritt am 14. März 1990 als Parteivorsitzender zurück und wird am 15. März aus dem DA ausgeschlossen. Von 1965 bis 1989 hatte ihn die Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als IM „Torsten“ sowie „Dr. Ralf Schirmer“ geführt. „Das war für mich ein Schock“, erklärt Eppler.

Bürgerrechts-Zeitschrift „plattForm“ mitgegründet

In den Monaten des Umbruchs – er ist bald Parteivorsitzender des Demokratischen Aufbruchs in Rostock – sei er „mit höchstens fünf Stunden Schlaf ausgekommen“, berichtet Eppler. Jeder Tag habe etwas Neues gebracht. Von der Öffnung der Mauer in Berlin am 9. November 1989 erfährt er im Autoradio während der Fahrt von Rostock nach Schwaan. Er soll dort als DA-Vertreter in der Kirche sprechen. „Als ich ankam und von der Grenzöffnung berichtete, da hat mir anfangs keiner so richtig geglaubt“, sagt er. Ende 1989 gründet Eppler mit Pastor Christoph Kleemann, Ingo Richter, Klaus-Dieter Feige und anderen die Zeitschrift „plattForm“. In dem Blatt können die Bürgerbewegungen und neuen Parteien ihre Programme und Aufrufe sowie Bürger ihre Meinungen veröffentlichen.

Ende März 1990 schließlich tritt Karl-Ernst Eppler aus dem Demokratischen Aufbruch aus. Die Mission der Partei sei erfüllt, erklärt er. Eppler tritt dann in die CDU ein.

Chef aller Rostocker Häfen und Hanse Sail-Organisator

Nach den Kommunalwahlen Anfang Mai 1990 wird Eppler von der neuen Bürgerschaft als Amtsleiter für Hafenwirtschaft – als „Chef aller Häfen“ in Rostock – eingesetzt. In dieser Funktion gründet er 1991 die Hanse Sail mit. „Oberbürgermeister Klaus Kilimann hat mich angerufen und gefragt: ,Können Sie diese Windjammerparade organisieren?’ Ja, das kann ich, habe ich geantwortet.’“ Von seiner damaligen Arbeit zehrt die Hanse Sail bis heute: Das maritime Großereignis ist ein Riesenerfolg für Rostock und ganz Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr zum Autor: https://www.ostsee-zeitung.de/Mehr/OZ-Redaktion/Bernhard-Schmidtbauer

Von Bernhard Schmidtbauer

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