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MV aktuell Sexistische Werbung in MV? Das sagen Frauen zu den pikanten Fotos
Nachrichten MV aktuell Sexistische Werbung in MV? Das sagen Frauen zu den pikanten Fotos
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16:07 31.07.2019
Äußern sich zur Sexismus-Debatte: Sophie Charlotte Rieger (Bloggerin und Journalistin), Tina Jahnke (Model) und Anke Rösler (NDR-Moderatorin). Quelle: Robert Schwemmin, Filmlöwin, Martin Börner
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Grevesmühlen

Eine Frau sitzt auf einem Sessel – in BH und Slip. Als Bild in der Werbung sexistisch oder nicht? Kommt darauf an. Wirbt das Bild für Unterwäsche sei das völlig in Ordnung, wirbt das Bild für den Sessel, sei die Werbung sexistisch, sagen Experten. Genau mit diesem Vergleich macht Pinkstinks, eine Protest- und Bildungsorganisation gegen Sexismus und Homophobie aus Hamburg, auf sexistische Werbung aufmerksam.

sogar den Deutschen Werberat auf den Plan gerufendie sich zwei Ananas vor das Dekolleté hält und dem Spruch „Die geilsten Dinger gibt’s bei uns“ geworben

Das sind die umstrittenen Werbemotive. Quelle: OZ-Montage

„Frischfleisch gibt’s bei uns ... für Pussy und Bello“

Nichts Neues so weit: Die Kanal- und Rohrreinigungsfirma aus Nürnberg, die mit Frauen-Po im Stringtanga und einem abgeschmackten Wortspiel wirbt. Der Radiosender aus Coburg, der mit üppigem Busen und herabgelassenem BH und dem billigen Spruch „Mehr muss man nicht anhaben“ auf Sendung gehen will. Die Aufzugsfirma aus der Rhön, die glaubt, im String geht es für Frauen aber mal so richtig nach oben. Oder die Autowaschanlage aus Rottweil, die geschmacklos mit „Wir polieren ihr bestes Stück ... und saugen es auch aus!“ samt Frauenkonterfei Kunden anzulocken versucht.

Bildergalerie: Sexistische Werbung? Das sagen Frauen aus MV!

Die Bike Ranch in Gägelow, das Tierhaus-Landhof in Grevesmühlen und ein Edeka-Markt in Greifswald sind durch sexistische Werbekampagnen in die Schlagzeilen geraten. Was sagen Frauen zu diesen Werbekampagnen? Hier die Statements von 15 gestandenen Frauen in den verschiedensten Berufen.

Geht’s noch etwas billiger? Der Futtermittelanbieter „Tierhaus-Landhof“ aus Grevesmühlen hat mit Hund und spärlich bekleidetem Model auf seinen Transportern Produkte beworben. Dazu der Spruch: „Frischfleisch gibt’s bei uns ... für Pussy und Bello.“ Dagegen wirkt die Werbung der Bike Ranch aus Gägelow bei Grevesmühlen schon fast ein wenig oldschool. Betreiber Daniel Beyer hat eine in Leder-Hotpants gekleidete blonde Schönheit auf eines seiner Motorräder gesetzt und von hinten fotografiert. Das Bild auf einem Firmentransporter hat die Grevesmühlener Stadtvertreterin Christiane Münter geärgert. Sie hat Beyer angesprochen und als der sich weigerte, das Bild zu entfernen, den Deutschen Werberat eingeschaltet. Der hat die Bike Ranch gerügt. Nun hat Beyer per Facebook einen Aufruf gestartet. Darin will er die Meinung der User hören und zeigt sich bereit, das Bild zu entfernen, wenn die sich negativ dazu äußern. Tun sie nicht. Die eindeutig überwiegende Zahl der Kommentare finden Beyers Werbung gut. Tenor: „Alles richtig gemacht!“, „Sieht doch schick aus.“ Wer das kritisiert, wird als prüde eingeschätzt.

Kommentar: Kalkulierter Skandal – auf Kosten der Frauen

„Das ist platt und schlecht, frauen-, aber auch männerfeindlich“

Wie sehen das Experten? Die Rostockerin Claudia Kajatin, Vorsitzende vom Landesfrauenrat, sagt zu allen Beispielen: „Das ist platt und schlecht, frauen-, aber auch männerfeindlich. Den Frauen wird hier ein Objektstatus zugeschrieben. Und welches Bild wird denn da transportiert? Das setzt doch auch die Männer herab. Männer wollen in der Werbung so nicht angesprochen werden.“

Studien belegen übrigens, dass derartige Werbung kontraproduktiv sei. Professionelle Agenturen verzichten auch weitgehend auf sexistische Motive als Eye-Catcher. Derartige Ausrutscher würde man meist bei Mittelständlern sehen, die sich ihre Werbung mit Bildern aus dem Internet selbst zusammenbasteln.

„Frauen räkeln sich nicht leicht bekleidet auf Motorrädern“

Dr. Henriette Mehlan, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften an der Uni Greifswald, ist von Edeka sogar enttäuscht, weil das Unternehmen sich gesellschaftlich für Geschlechterdiversität eingesetzt habe. Zu den Fällen in MV sagt sie, dass alle Kampagnen mit ähnlichen Formen der Darstellung von Sex-Appeal arbeiten. Über Nacktheit und physische Attraktivität, sexuelles Verhalten – Mund, eindeutige Pose der Frau auf dem Motorrad – und sexuelle Referenzen, also doppeldeutige Verbalisierungen, wie „dickste Dinger“ oder „Frischfleisch“. Ihr Fazit: „Dabei besteht keine Produktanpassung. Ein sexueller Bezug bei der Bewerbung von Lebensmitteln oder Futtermitteln ist nicht naheliegend und daher eher unangebracht. Sind wir prüde, wenn wir eine solche Darstellung kritisch diskutieren? Nein, denn als Medienbilder beeinflussen und festigen diese Werbekampagnen unsere implizite Vorstellung von der Welt. In diesem Fall also unsere Geschlechterbilder. Dass es sich hierbei um eine verzerrte Vorstellung handelt, ist offensichtlich, denn in der Regel räkeln sich Frauen nicht leicht bekleidet auf Motorrädern oder halten sich Früchte vor den Oberkörper.“

„Die nackte Frau wird mit einer Dose Hundefutter gleichgesetzt“

In den Facebook-Kommentaren zum Fall in Gägelow ist zu lesen, ob der Deutsche Werberat nichts Besseres zu tun habe, als sich mit so einem Unsinn zu beschäftigen. Nun ist der Werberat von der Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten der Bundesländer (GFMK) gerade aufgefordert worden, „seinen Werbekodex noch weiter zu präzisieren, so dass Sexismus in der Werbung noch eher und sicherer als solcher erkannt und verfolgt werden kann.“ Die GFMK „begrüßt die bereits vorgenommene Differenzierung von sexistischer und stereotyper Werbung“. Nun mag die Rüge des Werberates ein stumpfes Schwert sein. Social-Media-Debatten, die dadurch ausgelöst würden, könnten eher wirken. So wie bei Edeka in Greifswald, wo die Werbung entfernt wurde. Die Bike Ranch in Gägelow mag sich durch das Social-Media-Echo eher bestärkt fühlen.

Die Rostocker Gleichstellungsbeauftragte Kathleen Kiefert-Demuth sagt: „Es ist vollkommen richtig, diese Werbung zu kritisieren und darüber zu debattieren. Bei Hundefutter oder Motorrädern gehört die leicht bekleidete Frau einfach nicht ins Bild. Damit werden Bilder im Kopf erzeugt, die den nackten Frauenkörper gleichsetzen mit einer Dose Hundefutter oder einem Stück Fleisch.“ Auch die Gleichstellungsbeauftragte des Landes MV, Dr. Birgit Gabler, findet es völlig richtig, dieses Thema zu debattieren. Sie sagt: „Ganz ehrlich, der Deutsche Werberat ist noch relativ liberal. Ich finde es völlig richtig, solche Ausfälle in der Werbung zu thematisieren. Frauen als schmückendes Beiwerk ist ihre Reduzierung auf ein Objekt und einfach sexistisch.“ Das habe nichts mit prüde oder verklemmt und übrigens auch nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit einem Machtgefälle, so die Gleichstellungsbeauftragte aus Schwerin.

Absurd, erniedrigend, überhaupt nicht zeitgemäß

Aber auch außerhalb des Gleichstellungsressorts empfinden Frauen – ob Models, Journalistinnen, Bloggerinnen, Fotografinnen, Lehrerinnen, Künstlerinnen oder Hausfrauen – diese Werbung als wenig zeitgemäß. Die Tänzerin Barbara Buck, die am Ballett Vorpommern getanzt hat und nun am Theater Heilbronn engagiert ist, sagt: „Das ist doch absurd vor dem Hintergrund, dass wir aktuell eine #MeToo-Debatte haben und wir dabei sind zu etablieren, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden in der Gesellschaft. Als Tänzerin habe ich überhaupt kein Problem, meinen Körper zu zeigen. Aber Nacktheit sollte man immer hinterfragen und reflektieren, wofür man seinen Körper zur Verfügung stellt. Die Beispiele aus MV gehen alle drei überhaupt nicht.“

„Wir sehen ein Stück Fleisch!“

Die Berliner Bloggerin Sophie Charlotte Rieger, die das feministische Magazin „Filmlöwin“ im Internet betreibt, ist entsetzt: „Bei der Fleischwerbung wird die Frau ja vollständig entmenschlicht und zum Objekt degradiert. Wir sehen keine Person, sondern ein Stück Fleisch. Als solches wird die Frau bezeichnet.“ Das sei extrem krass und nicht zu dulden. „Es geht hier nicht um Nacktheit, sondern um die Verknüpfung. Diese drei Beispiele reduzieren Frauen auf ihren Körper und ihre sexuelle Ausstrahlung. Das ist natürlich eine sehr problematische Bildsprache, die da transportiert wird.“ Gerade Mittelständler im ländlichen Raum, die sich ihre Werbung mit Hilfe des Internet selbst basteln, auf der anderen Seite aber offenbar wenig Zugang zu aktuellen Diversitätsdebatten haben, würden immer wieder in diese Sex-Sells-Falle tappen.

Michael Meyer und Kira Müller

Kapitän Hans Langsdorff, geboren auf der Insel Rügen, sprengte 1939 vor Montevideo sein Kriegsschiff, die „Admiral Graf Spee“, und rettete damit die Besatzung von 1200 Mann. Die Geschichte eines Soldaten, der sich gegen das Kämpfen entschied.

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