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MV aktuell Sicherheitsexperte: Immer größere Kreuzfahrtschiffe machen Rettung schwieriger
Nachrichten MV aktuell Sicherheitsexperte: Immer größere Kreuzfahrtschiffe machen Rettung schwieriger
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18:09 25.03.2019
Das Kreuzfahrtschiff „Viking Sky“ war vor Norwegen bei Sturm in Seenot geraten. Quelle: Frank Einar Vatne/dpa
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Rostock

Die Havarie der „Viking Sky“ in schwerer See vor Norwegen wirft Fragen zur Sicherheit von Kreuzfahrtschiffen auf. Die „Viking Sky“ war mit knapp 1400 Personen an Bord noch relativ klein – der Trend geht zu immer größeren Ozeanriesen. Prof. Sven Dreeßen, Experte für maritime Sicherheit, warnt: „Mit der Zahl der Passagiere steigt das Risiko exponentiell.“

Grundsätzlich sei eine Kreuzfahrt sicher, betont Dreeßen, der am Warnemünder Bereich Seefahrt der Fachhochschule Wismar lehrt. „Das Risiko, dass etwas passiert, liegt bei 1 zu einer Million.“ Wenn dann aber doch ein Unglück geschehe, sorge das wegen der hohen Zahl von Betroffenen für große Aufmerksamkeit. Dabei sei eine Zahl von 1400 Personen wie jetzt vor Norwegen noch gut zu beherrschen – zumindest bei gutem Wetter. „Bei 5000 oder 6000 wird eine Evakuierung schon schwieriger“, so Dreeßen.

Nur ein Deck zur Evakuierung

Ein Nadelöhr bei Kreuzfahrtschiffen sei das Evakuierungsdeck, auf dem sich alle Passagiere sammeln. „Es gibt immer nur ein Evakuierungsdeck, egal wie groß ein Schiff ist“, erklärt der Experte, „und da werden natürlich die Rettungswege extrem lang“. Gerade für ältere und hilfsbedürftige Personen werde das zur Herausforderung. „Diese Gruppe bucht oft die teureren Kabinen, die am weitesten von den Sammelpunkten entfernt sind. Im Ernstfall würden auch die Aufzüge nicht mehr fahren. „Mit dem Rollator oder dem Rollstuhl wird es dann schwierig.“

Für Dreeßen wäre die einzige Lösung für das Problem, die Schiffsgrößen zu begrenzen. „Aber das wird nicht kommen“, ist er sicher. „Daher bleibt nur, das Personal gut zu trainieren.“ Die Hochschule arbeitet mit der Rostocker Kreuzfahrtreederei Aida bei der Ausbildung deren Crews zusammen. „Das Wichtigste ist bei einer Havarie, die Passagiere zu beruhigen“, erklärt der Experte. „Wer droht, in Panik zu geraten, muss von den anderen Passagieren getrennt werden, damit er sie nicht ansteckt.“

Keine Reaktion auf Warnsignal

Panik sei allerdings recht selten, etwa ein Prozent der Passagiere sei davon betroffen. Viel verbreiteter sei, dass Passagiere bei einem Warnsignal gar nicht reagieren: „60 Prozent machen gar nichts oder gehen nach einer Weile zurück in ihre Kabinen“, sagt Dreeßen. Das sei gefährlich, weil so ein Gegenverkehr zum Rettungsweg entstehe. „In so einem Fall muss sich jedes Crewmitglied einer Gruppe von 12 bis 20 Passagieren annehmen und sie zusammenhalten.“ Die einzige sichere Konsequenz, um einen Notfall wie auf der „Viking Sky“ zu verhindern, sei jedoch: „Man fährt gar nicht erst in eine Schlechtwetterzone.“

Sicherste Kreuzfahrtschiffe aller Zeiten

Aida Cruises wollte sich am Montag nicht zu der Havarie äußern und verwies auf ein Statement der internationalen Kreuzfahrtorganisation CLIA. Darin heißt es: „Heutige Kreuzfahrtschiffe sind aufgrund der strengen Regeln und Vorschriften, die das Design der Schiffe betreffen, sowie durch technologische Innovationen, die sichersten Kreuzfahrtschiffe, die je auf den Meeren gefahren sind.“ Kreuzfahrtschiffe seien so konzipiert, dass sie extremen Wetterbedingungen auf See standhalten. „Gleichzeitig wird – wann immer möglich – versucht, schlechtes Wetter zu meiden.“

Feuer an Bord

Wegen eines Feuersauf dem Flusskreuzfahrtschiff „A-Rosa Riva“ auf der Donau mussten im Juli 2017 die 190 Passagiere in Sicherheit gebracht werden. Die Rostocker Reederei sei für solche Fälle gerüstet, betont Flottenchef André Mahr: „A-Rosa hat strenge Vorgaben für eine komplette Evakuierung der Schiffe. Wir bieten ein modernes Sicherheitskonzept, das für den Bereich der Binnenschifffahrt beispielgebend und fortschrittlich ist.“ Dieses reiche weit über die gesetzliche Forderungen hinaus. „Aufgrund der Nähe zum Land und die landseitige Infrastruktur entlang der Flüsse können Passagiere und Crew im Ernstfall optimal versorgt oder evakuiert werden“, so Mahr. Es gebe dazu regelmäßige Übungen, Weiterbildungsmaßnahmen und Schulungen.

Sollte auf der deutschen Ostsee ein Kreuzfahrtschiff in Seenot geraten, würde das Havariekommando in Cuxhaven übernehmen. „Deutschland ist bei der Brandbekämpfung und Verletztenversorgung auf See im internationalen Vergleich gut aufgestellt“, betont Yvonne Blunk, die beim Havariekommando für diese Bereiche zuständig ist.

Drei Schlepper für Notfälle auf der Ostsee

Für den Fall eines Maschinenschadens gebe es spezielle Boarding Teams, die an Bord des Havaristen gehen und eine Schleppverbindung aufbauen, „allerdings nur, wenn es das Wetter zulässt“, so Blunk. Es gibt auch ein Notschleppkonzept. Dafür seien drei Schiffe des Bundes ständig auf der Ostsee unterwegs: die Mehrzweckschiffe „Arkona“ und „Scharhörn“ sowie der Hochseebergungsschlepper „Baltic“. „Im Notfall können auch private Schlepper angefragt werden“, erklärt Blunk. Für Evakuierungen stehe immer ein Hubschrauber bereit.

Auch die Fachbereichsleiterin sieht es mit Sorge, dass Kreuzfahrtschiffe immer gewaltiger werden: „Das nimmt eine Größe an, die schwer zu bewältigen ist. Uns ist bewusst, dass das ein großes Problem darstellt.“

Eine Milliarde Euro Schaden

Die „Viking Sky“ war nach einem Maschinenschaden in Seenot geraten. Nach Angaben der Schiffsversicherungssparte der Allianz ist dies eine der häufigsten Ursachen für Schiffsunglücke: In den vergangenen fünf Jahren ließen sich darauf weltweit Schäden in Höhe von rund einer Milliarde Euro zurückführen, das waren zwölf Prozent der Gesamtschadenssumme aller Havarien. Teurer waren für die Versicherer nur Zusammenstöße und Schiffbrüche sowie Feuer und Explosionen an Bord.

Die Reederei Viking Cruises nahm unterdessen eine interne Untersuchung zu den Ursachen des Unglücks auf und entschuldigte sich bei den Passagieren. Rund 300 von ihnen hatten bis Montag die Heimreise angetreten. Insgesamt 36 Personen mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

Axel Büssem

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