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MV aktuell „Sie haben auf ihn geschossen, als er schon am Boden lag“
Nachrichten MV aktuell „Sie haben auf ihn geschossen, als er schon am Boden lag“
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03:24 29.07.2013
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Rostock

450 000 DM sind viel Geld — erst recht für einen Kioskbetreiber. Zwischen 1997 und 2002 floss die Summe laut Bundeskriminalamt vom „Mr. Kebap Grill“ in Rostock-Toitenwinkel über ein Berliner Konto in die Türkei. Für die Sicherheitsbehörden war es ein wichtiges Indiz: Zusammen mit Hinweisen auf Verstrickungen ins Rauschgiftmilieu gingen sie davon aus, dass der Mord an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in dem Döner-Laden einen Hintergrund in der Organisierten Kriminalität hat. Doch seit dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im November 2011 ist klar: Die Ermittler irrten.

Wenn in dieser Woche erstmals der Rostocker Mord im Münchner NSU-Prozess in den Fokus rückt, wenn die ersten Polizeibeamten aus dem Norden als Zeugen aussagen, dann wird das mutmaßliche Versagen der Behörden keine Rolle spielen. Es geht dann um Beate Zschäpe und die vier Mitangeklagten. Ihre mögliche Schuld und das Strafmaß. Und auch um den exakten Tatverlauf. Doch genau der dürfte im Dunkeln bleiben: Es gibt im Rostocker Fall keinen Zeugen, der etwas gesehen oder gehört hat.

Laut Anklage betraten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kurz nach 10 Uhr den Kiosk im Neudierkower Weg 2. Statt auf den Betreiber trafen sie auf dessen entfernten Bekannten Mehmet Turgut, der an diesem Morgen spontan aushalf. Turgut war zu diesem Zeitpunkt illegal im Deutschland und lebte eigentlich in Hamburg. Mit drei Schüssen streckten Mundlos und Böhnhardt den 25-Jährigen nieder, ein vierter verfehlte ihn knapp. „Sie haben auch auf ihn geschossen, als er schon am Boden lag“, sagt Anwalt Detlef Kolloge, der die Familie als Nebenkläger im NSU-Prozess vertritt. Dennoch war Turgut klinisch noch nicht tot, als die Täter ihn fotografierten. Danach flüchteten sie auf Fahrrädern zum Wohnmobil, das wohl ganz in der Nähe parkte. „Vielleicht vor einem Supermarkt, da fällt es nicht groß auf“, glaubt Kolloge.

Der Anwalt spricht von einem „Zufallsopfer, das nicht in die Mordserie passt“. Turgut sei kein türkischer Kleinunternehmer gewesen: „Er war schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Dass er dennoch sterben musste, spreche gegen den immer wieder geäußerten Verdacht, der NSU habe Unterstützer vor Ort gehabt, die Tatorte und mögliche Opfer ausspähten.

Dabei liegen auch für Mecklenburg-Vorpommern einige Bezüge auf der Hand: Bereits 2002 fand sich im rechten Szene-Magazin „Der Weisse Wolf“ der Hinweis: „Vielen Dank an den NSU. Es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter.“ Verantwortlich für das Heft soll der heutige NPD-Landtagsabgeordnete David Petereit gewesen sein. Auch er ist als Zeuge geladen. Mehrfach machte das NSU-Trio zudem Urlaub im Norden, unter anderem auf einem Zeltplatz bei Greifswald. Es gab auch einen verwandtschaftlichen Kontakt. Doch die Bundesanwaltschaft bleibt dabei: Tatsächliche Anhaltspunkte für eine Beteiligung ortskundiger Dritter gibt es nicht.

Vor Gericht wird es darum gehen, die Bezüge der einzelnen Angeklagten zur Rostocker Tat zu prüfen. Geschossen wurde mit jener Ceska 83, die Carsten S. im Frühjahr 2000 an Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos übergeben hatte. Damit ist der Tatbestand der Beihilfe zum Mord im Sinne der Anklage erfüllt. Bei Beate Zschäpe liegen die Dinge komplizierter: Sie schoss nicht selbst, war noch nicht einmal am Tatort, soll aber die Tat aktiv mitgeplant und letztlich gedeckt haben: Während „die Uwes“ in Rostock mordeten, sorgte Zschäpe für die bürgerliche Fassade in Zwickau. Aber reicht das, um sie wegen Mordes zu verurteilen?

Für die Hinterbliebenen mahlen die Mühlen der deutschen Justiz zu langsam. „Sie erwarten schnelle Aufklärung und wollen wissen, wer an den Taten wie beteiligt war“, sagt Kolloge. Bis heute würden seine Mandanten nicht verstehen, warum es den Behörden nicht gelang, die Täter zu fassen. „Es kann sein, dass das vor Gericht noch Thema wird“, so Kolloge.

Die blutige Spur der Nazi-Mörder
10 Morde beging der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) von 2000 bis 2006, Mehmet Turgut war das fünfte Opfer. Die Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen sich am 4. November 2011 in einem Wohnmobil. Beate Zschäpe, einzige Überlebende des Trios, muss sich mit vier mutmaßlichen Unterstützern vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Patrick Tiede

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