Simone Oldenburg von der Linken: Bildungsoffensive und Reichensteuer
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Simone Oldenburg von der Linken: Bildungsoffensive und Reichensteuer

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18:00 06.09.2021
Simone Oldenburg (52), Spitzenkandidatin der Linken zur Landtagswahl, entspannt sich privat gern im Umfeld der Kapelle in Weitendorf.
Simone Oldenburg (52), Spitzenkandidatin der Linken zur Landtagswahl, entspannt sich privat gern im Umfeld der Kapelle in Weitendorf. Quelle: Frank Söllner
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Gägelow

Die Kapelle in Weitendorf, einem Ortsteil von Gägelow (Kreis Nordwestmecklenburg), ist Ankerplatz für Simone Oldenburg, die Spitzenkandidatin der Linken zur Landtagswahl. Eine Marxistin und Kirche? Mitnichten. So einfach sind Muster nicht immer.

„Ich bin eine realistische, pragmatische Linke“, sagt die 52-Jährige. Die Kapelle sei kultureller und sozialer Mittelpunkt der Gemeinde: für Konzerte, Lesungen und mehr. Vor 14 Jahren habe sie den Verein „Kuso“ mitgegründet, der sich um das gesellschaftliche Leben im Ort kümmert.

Zur Kapelle führt ein Kunstpfad mit Exponaten. Hier entspanne sie gern, sagt Oldenburg, oder walke. Letzteres auch am Strand. Die linke, die antifaschistische Tradition, wie sie es nennt, hat sie aus ihrer Familie. Die Großeltern seien zur Nazizeit Widerstandskämpfer gewesen, der Opa im Zuchthaus. Ihn hätte sie gern getroffen, doch er sei früh gestorben. „Das hat mich sozialisiert.“

Lehrerin, Schulleiterin – dann in die Politik

Seit zehn Jahren ist Simone Oldenburg im Landtag, seit fünf Jahren Fraktionschefin. Sie ist eine anerkannte Bildungsexpertin, die die Regierung und die andere Opposition das Fürchten lehrt. Immer wieder legt sie bei Themen wie Lehrermangel, Stundenausfall, Schulabbrechern oder mangelnder Digitalisierung den Finger in die Wunde. Denn sie ist vom Fach, war viele Jahre Lehrerin, dann Schulleiterin in Klütz.

Zur Person

Simone Oldenburg wurde 1969 in Wismar geboren. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Sie lebt in Gägelow bei Wismar. Oldenburg war vor ihrer politischen Karriere für die Linken Lehrerin und Schulleiterin.

Seit 2011 ist die 52-Jährige im Landtag. 2016 wurde sie – zur großen Überraschung des Spitzenkandidaten Helmut Holter – zur Fraktionschefin der Linken gewählt. Im Landtag setzt sie sich vor allem für Bildungsthemen ein. Ab 2018 war Oldenburg stellvertretende Bundesvorsitzender der Linken.

Pragmatisch ist wohl das Wort, das sie gut beschreibt. Denn das Problem des Bildungssystems in MV sei die überbordende Bürokratie. Als Schulleiterin habe sie „Gesetze und Erlasse großzügig ausgelegt und manchmal auch einen Bogen um sie gemacht, um möglichst viel für Schüler und Lehrer erreichen zu können. Dennoch sei sie an ihre Grenzen gestoßen. „Ich wusste: Man muss die Voraussetzungen für gute Bildung grundsätzlich ändern.“

Linke für ein „Kinder- und Jugendministerium“ in MV

Das hat Simone Oldenburg vor. Sie kritisiert seit Jahren die Arbeit von immer neuen Bildungsministerinnen und -ministern der SPD. Das Ministerium müsse umgebaut werden, sagt sie selbstbewusst: „Weil es seit 31 Jahren nicht erfolgreich ist.“

Wie, dazu hat Oldenburg vor möglichen Koalitionsverhandlungen mit der SPD auch schon eine Idee. Ein „Kinder- und Jugendministerium“ müsse her, ein Haus, das sich „aus einem Guss“ um alle Themen junger Menschen „von null bis 18 Jahre“ kümmert. Kita, Schule – ohne inhaltliche Brüche.

Dafür könnten Kultur und Wissenschaft gern in ein anderes Haus wechseln. 250 Millionen Euro mehr fordert Die Linke pro Jahr an Bildungsausgaben in MV. „Die Kinder und Jugendlichen haben es verdient“, so Oldenburg.

Möchte Oldenburg Ministerin werden?

Ob sie selbst gern Ministerin wäre? Oldenburg findet eine diplomatische Antwort, die die Partei in den Mittelpunkt stellt. Aber natürlich wolle sie, heißt es bei den Linken. Wer denn sonst? 1000 neue Lehrer fordert sie auf Wahlplakaten für die kommenden fünf Jahre. Zusätzlich zu den 600, 700 jährlich, die sowieso mehr gebraucht würde. Dies sei möglich, sagt sie: durch Verbesserung von Studienbedingungen, Verkürzung des Referendariats, Stundenerlass bei älteren Kollegen, die dann länger arbeiten würden, wenn der Druck sinkt. „Es ist ein bunter Strauß.“

Über den eigenen Sozialkundeunterricht als Lehrerin sei einst ihr Wunsch entstanden, in die Kommunalpolitik zu gehen. Da ist sie noch: in Gemeindevertretung und Kreistag, als Kopf zweier Ausschüsse. Wie sie das schaffe? „Ich brauche nur fünf Stunden Schlaf“, sagt Oldenburg. Sie könne sich sehr gut organisieren. So reicht die Zeit auch für den Garten: „Ich bin für die Blumenbeete zuständig, mein Mann für Kartoffeln und Zwiebeln“, sagt sie und lacht. Ihr Sohn ist gerade mit dem Abi durch.

Bekämpfung von Armut als drängendes Thema

Die Linke würde gern vieles ändern in der Gesellschaft, sagt Oldenburg. Armut, vor allem von Kindern beseitigen, Mindestlohn deutlich anheben, Grundrente und Wahlalter ab 16 einführen. Die Garantie gleicher Lebensverhältnisse gehöre in die Verfassung. Gerechtigkeit der Lastenverteilung aus der Corona-Krise herstellen. Ein Satz, den die Wahlkämpferin Oldenburg oft sagt: „Die Verkäuferin und der Paketbote dürfen nicht wieder die Krise bezahlen.“ Die Superreichen müssten zur Kasse gebeten werden. Durch eine einmalige Corona-Abgabe und die Einführung einer Vermögenssteuer für Multimillionäre. So ließen sich soziale Hilfen finanzieren.

Scherz-Frage: Wenn sie Superkräfte hätte, wozu würde sie diese verwenden? „Dann würde ich die Armut bekämpfen“, so Oldenburg. „Alle Ungerechtigkeiten beseitigen.“

Klimaschutz: „Es geht nur sozial“

Das Land dürfe „auf keinen Fall wieder Bereiche kaputtsparen“. Zu vieles sei liegen geblieben in den vergangenen Jahren, etwa bei der schleppenden Digitalisierung. Den Bus- und Bahnverkehr wolle ihre Partei stufenweise kostenfrei stellen: erst für alle Kinder und Jugendlichen, dann Senioren, dann alle.

Klimaschutz sei noch ein wichtiges Thema. „Es geht aber nur sozial“, so Oldenburg. „Wer die Windräder vor der Tür hat, sollte nicht den höchsten Strompreis zahlen, sondern umgekehrt. Dann steigt auch die Akzeptanz.“

Bei elf Prozent lagen die Linken in der jüngsten Umfrage zur Landtagswahl. Vor zehn Jahren waren es mal über 18 Prozent. „Da geht noch was“, sagt Oldenburg. „Wir können mehr.“

Von Frank Pubantz