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MV aktuell Gentechnik-Gegner empört: Verunreinigter Raps bei Rostock ausgesät
Nachrichten MV aktuell Gentechnik-Gegner empört: Verunreinigter Raps bei Rostock ausgesät
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05:00 13.04.2019
In wenigen Tagen blüht wieder der Raps. An zwei Standorten in Mecklenburg-Vorpommern wurde gentechnisch verunreinigtes Saatgut eingesetzt. (Symbolfoto) Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Mecklenburg-Vorpommern ist wieder in einen Gentechnik-Fall verwickelt. Wie das Schweriner Agrarministerium am Freitag auf Nachfrage der OSTSEE-ZEITUNG bestätigte, sind zwei Standorte im Landkreis Rostock betroffen. Es soll sich um Sortenversuche mit gentechnisch verunreinigtem Raps gehandelt haben. Das Ministerium war offenbar bereits seit dem 18. März darüber informiert, hatte – anders als andere Bundesländer – aber nicht öffentlich darüber informiert.

Umweltschützer spricht von Skandal

„Das ist ein Skandal“, meint der Gentechnik-Experte der Umweltorganisation BUND, Burkhard Roloff. Das Land sei verpflichtet, diese sensiblen Daten ins Gentechnik-Standortregister des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit einzutragen.

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Grundlage für die Angabe der Standorte ist das Gentechnikgesetz. „Im Standortregister kann jeder einsehen, wo welche genveränderte Pflanze freigesetzt ist“, erläutert Roloff. Vor allem Landeigner, Imker und Ökobauern hätten ein Interesse daran. Denn beim Anbau von Genpflanzen bestehe die Gefahr der Vermischung mit nicht-genveränderten Organismen.

Ministerium: Pflanzen wurden vor Blüte vernichtet

Laut Agrarministerium handelt es sich um eine Fläche von 1800 Quadratmetern, aufgeteilt auf 90 je 20 Quadratmeter große Parzellen. Aber: „Die Pflanzen wurden bereits vernichtet“, betont Ministeriumssprecher Edgar Offel. Bis zum 22. März sei dies veranlasst worden. Offenbar sei auch eine Veröffentlichung vorgesehen gewesen. Warum dies nicht geschah, müsse nun geklärt werden.

Was BUND-Mann Roloff besonders empört: „Dass es sich um Raps handelt – und das Ministerium verschweigt den Fall.“ Raps sei das Markenzeichen des ostdeutschen Nordens. Bei der Ölfrucht die Gefahr von Auskreuzung und Vermischung besonders groß. „Rapskörner sind im Boden über 20 Jahre keimfähig“, sagt der promovierte Diplom-Agraringenieur. Damit bestehe über viele Jahre das Risiko, dass sich genveränderte Sorten weiterverbreiten, obwohl sie schon gar nicht mehr angebaut werden.

MV ist bundesweit Spitzenreiter beim Raps

Obwohl der Anbau von Winterraps in MV nochmals deutlich zurückging, ist der ostdeutsche Norden erneut das Rapsland Nummer eins. Mit 175 500 Hektar Anbaufläche sei Mecklenburg-Vorpommern nach Angaben der Union zur Förderung von Öl- und Eiweißpflanzen (Ufop) „mit Abstand“ bundesweit Spitzenreiter, gefolgt von Sachsen (111 100 ha) und Bayern (106 100 ha).

Bereits Ende Dezember war bekannt geworden, dass in mehreren Bundesländern aus Frankreich stammendes Winterrraps-Saatgut ausgesät wurde. Konkret ging es um die Sorte „DK Exception“ der Firma Dekalb. Das Saatgut war mit dem „Gentechnik-Konstrukt GT73 verunreinigt, das vom amerikanischen Monsanto-Konzern entwickelt wurde und jetzt in die Verantwortung von Bayer fällt“, sagt Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Pflanzen mit „GT73“ überleben das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. „Sie haben in Europa keine Anbauzulassung, da gilt die Nulltoleranz“, betont Annemarie Volling. Betroffene Flächen müssten vor der Blüte umgebrochen werden, um weitere Kontaminationen zu verhindern.

84 Betriebe in zehn Bundesländern betroffen

Bundesweit waren 84 Agrarbetriebe in zehn Bundesländern ermittelt worden, die verunreinigte Saatgut-Partien im Herbst 2018 auf insgesamt 2150 Hektar ausgesät hatten. Zunächst hieß es, dass Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen betroffen waren. Bis Ende März mussten die aufgelaufenen Rapspflanzen untergepflügt werden. Laut Volling wurden dort „Anbaupausen bis Juli 2019 oder 2020“ angeordnet.

Dass zusätzlich in sieben Bundesländern Sortenversuche mit dem verunreinigten Saatgut stattfanden, wurde erst später aufgedeckt. Betroffen sind unter anderem Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Das Kieler Agrarministerium hatte dies am 29. März öffentlich bekanntgegeben. Im Kreis Schleswig-Flensburg sei „von einem Unternehmen unbeabsichtigt Rapssaatgut mit einer gentechnischen Verunreinigung ausgesät worden“, hieß es in der Pressemitteilung. Betroffen waren bei Sortenversuchen sechs Parzellen mit insgesamt 120 Quadratmetern. Das Ministerium hatte „enge Kontrollen der betroffenen Parzellen angeordnet“ und umfangreiche Nachsorge angekündigt.

Mecklenburg-Vorpommern war zuletzt 2015 von einem Fall mit verunreinigtem Saatgut betroffen. Auch damals handelte es sich um Sortenversuche eines französischen Züchters für Winterraps.

Monitoring verbessern

Vor dem Hintergrund der erneuten Verunreinigung fordert Stefanie Hundsdorfer von der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut): „Der aktuelle Verunreinigungsfall bestätigt, dass die Bundesländer beim Saatgutmonitoring nachbessern müssen. Bei Kulturarten, die wie Raps einem hohen Verunreinigungsrisiko ausgesetzt sind, genügt die derzeitige stichprobenartige Beprobung eines Teils der Partien nicht.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung von AbL, gen-ethischem Netzwerk und IG-Saatgut heißt es aber auch, das „die betroffenen Bäuerinnen und Bauern keine Schuld trifft“. Sie hätten unwissentlich verunreinigtes Saatgut verwendet. Alle Kosten müsse der Verursacher Bayer CropScience zahlen – Aussaat, Ernteausfall und Folgekosten beim Entfernen künftig auflaufender Raps-Pflanzen.

Die bisher angeordneten Anbaupausen hält AbL-Frau Volling jedoch für „völlig unzureichend“. Auf diesen Flächen sollte „in den nächsten zehn bis 15 Jahren kein Raps angebaut werden“, meint sie. Auflaufender Raps müsse sorgfältig vor der Blüte entfernt werden, um weitere Gentechnik-Verunreinigungen zu verhindern.

Freiland-Genversuche 2011 eingestellt

Mitte der 90er Jahrewar Mecklenburg-Vorpommern ein Mekka für Befürworter der Gentechnik. Acht Saatzüchter testeten an 27 Standorten genveränderte Sorten. Dabei ging es um Raps, aber auch um Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln. Nach 2005 konzentrierten sich die Genversuche am Agrobiotechnikum Groß Lüsewitz bei Rostock. Anwohner klagten mit einer Bürgerinitiative vor dem Europäischen Gerichtshof erfolgreich gegen die Freisetzung genveränderter Organismen geklagt. 2011 wurden die Freiland-Genforschung in Lüsewitz eingestellt. Auch Agrarminister Till Backhaus (SPD) meinte später: „In Mecklenburg-Vorpommern ist kein Platz mehr für die Gentechnik.“

2009 war in der Warbel-Recknitz-Region bereits die erste gentechnikfreie Region Deutschlands gegründet worden. Zehn weitere folgten. Die Mitglieder lehnen den Anbau genveränderter Pflanzen ab und plädieren auch für die Ablösung von Import-Soja, das oft genverändert aus Südamerika kommt.

Von einem Fall mit verunreinigtem Saatgut war Mecklenburg-Vorpommern zuletzt 2015 betroffen. Auf einem Versuchsfeld bei Demmin hatte eine französische Saatzuchtfirma für die Zulassungsprüfung einer neuen Winterraps-Sorte Saatgut eingesetzt, das versehentlich mit der verbotenen Gen-Rapssorte OXY-235 vermischt war. Bis 2020 müssen dort Nachkontrollen durchgeführt werden.

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Elke Ehlers

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