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MV aktuell CDU ja lol ey! So sucht die Union am Strand von MV junge Wähler
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08:05 17.08.2019
Warnemünder Strandgespräche mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Stein (l.), CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak (2.v.l) und Rostocks designiertem Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Graal-Müritz/Warnemünde

Der Sündenfall heißt Rezo. Eiskalt erwischt hat der Blogger die Christdemokraten mit seinem Youtube-Video „Die Zerstörung der CDU“ wenige Tage vor den Europawahlen 2019. 50 Minuten CDU-Bashing, gut fundiert, recherchiert, sexy aufbereitet – wie es unter digitalen Usern heißt – und rhetorisch glänzend präsentiert. Die TU Berlin bescheinigte Rezo in seiner Quellenarbeit sauberer zitiert zu haben als so mancher Politiker in seiner Doktorarbeit. Mehr als 14 Millionen Mal wurde das Video weltweit geklickt.

„Ey Rezo, du alter Zerstörer“

Während sich die Politkollegen von der sozialdemokratischen Konkurrenz an den Gegenwind des freien Falls in der Wählergunst gewöhnt haben, hat dieses Social-Media-Produkt bei der Union eingeschlagen wie ein medialer Atombombenabwurf. Und genauso reagierten CDU-Politiker aller Generationen – wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen.

Von der vorpommerschen Polithoffnung Philipp Amthor („Ey Rezo, du alter Zerstörer“) bis zur CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, die ihre Partei im Netz auch noch verantwortlich glaubt für die sieben Plagen, die die Ägypter heimsuchten – es waren fünf, Frau AKK.

Seitdem ist ein gutes Vierteljahr vergangen und die CDU versucht, im medialen Ruderboot auf dem Teich der Basisarbeit, Vertrauen bei der Zielgruppe 14+ zurückzugewinnen.

Zum Beispiel am Strand von Graal-Müritz. Dort lädt die engagierte Pastorin Tatjana Pfendt (34) zu ökumenischen Strandkorb-Gesprächen. Mit dabei sind die Bibel, ein gelber Strauß Sommerblumen, das Holzkreuz, der Rostocker CDU-Abgeordnete Peter Stein, die CDU-Bürgermeisterin von Graal-Müritz Benita Chelvier und ein starker Bube aus dem Ärmel der aufstrebenden CDU-Granden: Christian Hirte, Ostbeauftragter der Bundesregierung und parlamentarischer Staatssekretär.

Mit der Union am Strand von Graal-Müritz

Der 43-jährige Hirte begrüßt die Runde mit Schalk: „Der gute Hirte zu Besuch als guter Freund.“ Die Union am Strand – sagen wir mal so: man bleibt in christlicher Eintracht unter sich, die Damen barfuß, die Herren in Sakkos, schwarzen Socken und Businesstanzschuhen.

Das Wetter spielt nicht mit. Bei Nieselregen findet kein Schäfchen den Weg in die Strandkorbseelsorge. Ob die Politiker abschrecken oder der wolkenverhangene Himmel sei mal dahingestellt, eines der angesagten Themen im Ostseesand aber könnte jeden angehen: Gesellschaftliche Gerechtigkeit in Zeiten digitaler Revolution. Christdemokraten und Kirche könnten hier als zwei Instanzen, die aus dem analogen Zeitalter stammen und mit schwindenden Mitgliederzahlen vertraut sind, neue Kundenschichten akquirieren.

Strandkorbgespräch mit dem Rostocker Bundestagsabgeordneten Peter Stein (CDU), der Pastorin Tatjana Pfendt aus Graal-Müritz, dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer Christian Hirte (CDU) und der Graal-Müritzer Bürgermeisterin Benita Chelvier (v.l.). Quelle: Dietmar Lilienthal

Jesus als Ur-Vater der Influencer

Oder wie Pastorin Pfendt den Missionsbefehl aus dem Matthäus-Evangelium (28/19) anwendet: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.“ Es ist wohl kaum blasphemisch, Jesus als den Ur-Vater der Influencer nur mit ganz analogen Mitteln und völlig anderen Themen zu bezeichnen.

Also: Wie geht die Bibel, wie gehen Einrichtungen wie die Kirche und Parteien, die sich um die gesellschaftlich-soziale Architektur einer Demokratie bemühen, mit den Herausforderungen von Digitalisierung und Social Media um?

Revolution im Berufsleben und den Kinderzimmern

Die Pastorin hat bereits registriert, dass das Tempo dieser digitalen Revolution fast alle beruflichen und gesellschaftlichen Teilbereiche erreicht hat und dass es nicht wenige Menschen gibt, die davon überfordert sind – die digitale Revolution ist im Berufsleben ebenso allgegenwärtig wie in den Kinderzimmern. Und ihre Beobachtung: „Viele Menschen denken, ihre Probleme sind nicht wichtig genug.“

Aber ganz wenige denken auch, ihre Probleme und Meinungen seien so wichtig, dass sie sie möglichst laut und böse und oft ins Internet schreien müssen, einem „Resonanzraum“ wie Peter Stein sagt, für den es kein Korrektiv gibt wie früher am Stammtisch.

Hirte betont, dass die globale Gemeinschaft wohl erst ganz am Anfang dieser Revolution steht. Und dass er wenig Sorge hat, dass sie wie auch in allen anderen Revolutionen zuvor, damit umzugehen lernt. Als das Auto erfunden wurde, hätte auch niemand einen Formel-1-Boliden lenken können.

Stein sagt: „Als die Inliner aufkamen, musste ich das ja auch nicht können. Das konnten meine Kinder besser. Aber ich musste auf Gefahren hinweisen und schützen.“

Auf der Suche nach einer digitalen Ethik

Ist es damit getan? Sind nicht gerade Volksparteien wie auch die Kirche aufgerufen, den Prozess dieser digitalen Revolution kommentierend zu begleiten und eine Ethik zu entwickeln, die es zum Beispiel verhindert, dass weite Teile der Arbeitnehmerschaft auf lange Sicht so ausgebeutet werden wie in der Industriellen Revolution – nur mit anderen Mitteln?

Derzeit drängt sich eher der Eindruck auf, Parteien, Kirche, Schulen, Gewerkschaften seien in diesem Prozess permanent überfordert, hecheln den technischen Neuerungen hinterher und sind bereits damit zufrieden, so cool rüberzukommen wie die Digital Nativs.

CDU bleibt mit 5200 Mitgliedern stärkste Partei in MV

Immerhin. Gespräche wie die am Strand von Graal-Müritz sind gewiss ein Anfang. Die CDU hat zwar zum Beispiel bei den Europawahlen satte 7,5 Prozent im Vergleich zu 2014 eingebüßt, liegt aber mit 22,6 Prozent noch im Bereich einer echten Volkspartei und ist in Mecklenburg-Vorpommern mit mehr als 5200 Mitgliedern stärkste Partei. Aber sie muss sich neu sortieren.

Die Zeiten, in denen man sich als Jungunioner sicher auf der konservativen Gewinnerseite wähnte, wenn man textfest Wirtschaftsthemen neoliberal mit christdemokratischem Zungenschlag vortrug, dazu den Button-Down-Kragen des Label-Oberhemdes zugeknöpft trug und zum Ausrasten die Steve Miller-Band im Cabrio-Radio hörte, sind vorbei.

Wo sind die Antworten?

Heute sind Umwelt-, Ernährungs,- und Lifestyle-Bewusste keine langhaarigen grünen Spinner mehr, die nach Hasch und Moschus riechen, sondern die joviale Mehrheit in der digitalen Gemeinde. Für die Mehrheit der natürlich nachwachsenden Wählerschichten ist das Thema digitale Revolution gar keines, sie leben sie – völlig selbstverständlich.

Themen, die der Jugend unter den Nägel brennen sind: Was ist ökologische Verantwortung? Wie geht es mit dem Klima und dem Planeten weiter? Können wir in 50 Jahren noch in Frieden und Wohlstand leben, wenn wir so weitermachen wie bisher? Was ist gesellschaftliche Gerechtigkeit in einer total umgekrempelten Berufswelt? Woher bekomme ich gesundes Essen, ohne mich von Konzernen ausbeuten zu lassen? Für eine konservative Volkspartei genügt es nicht mehr, auf Wirtschaftswachstum, die Schwarze Null und Vollbeschäftigung zu setzen. Also: Wo sind die Antworten?

Barfuß zwischen Klimapolitik und Swingmusik

Szenenwechsel: Warnemünde. Strandaufgang zwölf. Bei „Wikinger gestrandet“, einem lässigen Strandimbiss von Rostocks Möbel-Wikinger und designiertem Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen gibt sich die Union bürger- und urlaubernah und mal so richtig nordish by nature hemdsärmlig.

Das Format von Peter Stein gibt es seit Jahren. Es soll zum lockeren Dialog über politische Themen am Strand einladen. Stein steht barfuß neben Paul Ziemiak (33), dem jugendlichen Generalsekretär der CDU. Der hat sich vorher noch schnell die Maritimen Simulationen des Warnemünder Global Player benntec angeschaut und sich nicht gescheut mit Virtual Reality-Brille durch den Raum zu albern. Da kam einem spontan der Gedanke, wie sich die Kanzlerin aus einem solchen Angebot herausgemogelt hätte.

„Mein Gott, ist das schön hier!“

Ziemiak darf das gar nicht. Der ist nicht für die Abteilung Attacke zuständig, sondern soll auch die Brücke zur digitalen Gemeinde und diesen seltsamen Kids von „Fridays for Future“ (fff) bauen und pflastern. Kurze Zeit später begibt sich Ziemiak am Strand nach einem Handyfoto („Mein Gott, ist das schön hier!“) ebenso schonungslos in die Debatte. Urlauber latschen in Badehose und Bikini aus der Ostsee, Jugendliche spielen Beach-Volleyball, auf einem Basketballquadrat nebenan tanzen Paare Swing, die Musik swingt etwas zu laut für einen politischen Diskurs rüber. Ziemiak stört das nicht.

Aus dem Stand in den politischen Infight

Zwischen CDU-Parteivolk, Jungunionern, Rostocker fff-Schülern, der Bürgerbewegung Klimawandel, der Bewegung 12 minutes me, Claus Ruhe Madsen und CDU-Landräten der Region geht er sofort in den politischen Infight. „Der letzte Satz von Ihnen hat mir nicht gefallen. Sonst haben Sie Recht“, sagt er zu einem fff-Vertreter, der der Regierung vorwirft, zu zögerlich zu sein: „Wann fangen Sie an?“ Ziemiak betont: „Wir haben längst angefangen, auch wenn wir unsere Klimaziele nicht erreicht haben. Wir haben die Expertenkommission gegründet.“

Stein wiederholt seine These, die er auch am Vortag in Graal-Müritz zum Besten gab: Die Jugend sei zu ungeduldig. „Das Tempo, das ihr von „Fridays for Future“ vorgelegt habt, ist Klasse. Aber für uns als Politiker sind zwei Jahre nicht mal eine Legislaturperiode.“ Doch er nickt, in der Klimapolitik, sei Tempo wichtig.

Madsen „schmeißt“ ein paar Schalen Pommes in die Runde. Zwischen Pommes, Bier, Cola und Majo geht es um Themen wie Digitalisierung, Elektromobilität, CO2-Emissionen und deren Bepreisung, Mobilität im ländlichen Raum, Öko-Steuerung durch Steuern, Fleischkonsum der westlichen Gesellschaften, Ausbau des Öffentlichen Nahverkehr. Ziemiak beschwört die grüne Null samt schwarzer Null. „Es muss doch Ziel eines der reichsten Länder der Welt sein, beides erreichen zu wollen.“

Am Strand von Warnemünde, bei Aufgang zwölf, mit Blick Richtung Dänemark und auf vorbeiziehende Kreuzliner, die ihre Emissionen sichtbar in den Himmel über Warnemünde pusten, scheint es, als sei die CDU aus ihrer Rezo-Schockstarre erwacht. Zumindest scheinen jugendliche Bewegungen ernst genommen zu werden in Deutschlands größter – oder einziger – Volkspartei. CDU ja lol ey! Geht doch.

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