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MV aktuell „Sozialer Sprengstoff“: Harsche Kritik am Vorschlag zur Rente mit 69 in MV
Nachrichten MV aktuell „Sozialer Sprengstoff“: Harsche Kritik am Vorschlag zur Rente mit 69 in MV
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15:07 24.10.2019
Rente ab 69 oder 70? Befragte in MV sind größtenteils dagegen. Alternativen wären geringere Renten oder höhere Lasten für Beitragszahler. Quelle: picture alliance
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Rostock

Auf eine breite Ablehnung stößt der Vorschlag der Bundesbank, das Rentenalter in Deutschland bis zum Jahre 2070 schrittweise auf fast 70 Jahre zu erhöhen. Klare Botschaft: Schon das Rentenalter 67 sei in vielen Berufsgruppen zu hoch angesetzt.

Rente mit 70? „Davon halte ich nichts“, sagt Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin Manuela Schwesig. „Wer länger arbeiten will, soll das auch können“, fügt sie an. Allerdings sei das vorgeschlagene Alter als Regelaltersgrenze ungeeignet. „Viele Berufe lassen sich mit Ende 60 schon rein körperlich nicht mehr ausüben. Und auch wer sein ganzes Arbeitsleben lang einer Bürotätigkeit nachgegangen ist, muss mit 67 in den Ruhestand gehen können“, so Schwesig.

Gesetzliche Rentenversicherung unter Druck

Die Bundesbank hat eine schrittweise Anhebung des Rentenalters bis 2070 vorgeschlagen. Mit steigender Lebenserwartung müsse auch das Einstiegsalter in die Alterssicherung hoch: auf bis zu 69 Jahre und vier Monate. „Durch die demografische Entwicklung gerät die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung künftig unter erheblichen Druck“, stellt die Bank fest.

Viele Rostocker können sich einen Ruhestand im Alter von erst 69 Jahren nicht vorstellen. Nach neuster Einschätzung der Bundesbank wäre dies jedoch nötig, um das Rentensystem stabil zu halten.

Um das System stabil zu halten, bestehe „Anpassungsbedarf bei den zentralen Stellgrößen der Rentenversicherung“, schreiben die Bundesbank-Ökonomen. „Ein wichtiger Ansatzpunkt für weitere Reformen ist das Rentenalter.“

413 000 Altersrentner in MV – Tendenz steigend

Seit 2012 wird die Altersrente schrittweise von 65 auf 67 Jahre im Jahr 2031 angehoben. Doch das wird nach Expertenansicht nicht ausreichen, weil ab Mitte der 2020er Jahre die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen. Dann sinken entweder die Renten, steigt für Arbeitnehmer der Rentenbeitrag oder aber die Bundesregierung muss das System stärker bezuschussen.

OZ-Umfrage:
Können Sie sich vorstellen, bis zum Alter von 69 Jahren zu arbeiten?

In MV gab es laut Deutscher Rentenversicherung im Vorjahr knapp 413 000 Altersrentner, gut 25 Prozent der Einwohner. Die Renten im Nordosten lagen mit im Schnitt 1113 Euro pro Monat (mindestens 35 Beitragsjahre) im Vergleich der Bundesländer fast am Ende.

Frauen erhalten in MV nach wie vor deutlich weniger Rente als Männer – 997 zu 1214 Euro. Das liegt vor allem an geringen Löhnen zuvor. Laut einer Prognose der Landesregierung wird der Anteil der über 67-Jährigen weiter steigen – bis 2040 auf 33 Prozent.

Gewerkschafter verbittet sich „neunmalkluge Empfehlungen“

Gewerkschafter sind vom Vorschlag der Bundesbank empört. „Diese neunmalklugen Empfehlungen vom feinen Schreibtisch haben nichts zu tun mit der Wirklichkeit in den Betrieben: Dort nehmen Arbeitsdruck und Krankenstände vielfach zu“, reagiert Uwe Polkaehn, Chef des DGB Nord. „Wer schwer arbeitet oder aufgrund der Digitalisierung psychisch immer mehr belastet ist, wird bereits jetzt kaum das gesetzliche Rentenalter erreichen.“

Kommentar zum Thema:
Rente mit fast 70 ist eine Schnapsidee

Der Vorschlag sei „sozialer Sprengstoff“ für die Gesellschaft. Polkaehn: „Schon das Anheben von 65 auf 67 Jahre war ein Fehler und bedeutet für viele ältere Arbeitnehmer eine Altersrente mit erheblichen Abzügen.“

Von einem „Rentenstrafrecht“ in Bezug auf den Bundesbank-Vorschlag spricht gar Rainer Boldt, Landesvorsitzender des Sozialverbandes VdK. „Nur weil man älter wird, heißt das noch lange nicht, dass man auch länger arbeiten kann.“ Es seien künftig mehr Quellen als das Arbeitsentgelt für die Rentensicherung heranzuziehen.

Linke: Vorschlag zielt auf eine Rentenkürzung

„Wer von der Rente mit 69 spricht, will vor allem eines: die Rente kürzen“, erklärt Wenke Brüdgam, Landesvorsitzende der Linken. Ihre Partei schlage stattdessen vor: 1050 Euro Grundrente für alle. „In einem System, in das alle einzahlen.“ Also auch Politiker und Beamte. „Wer meint, man muss im Jahr 2070 noch bis in das 70. Lebensjahr schuften, blendet die technische Entwicklung völlig aus“, so Brüdgam.

Auch Leif-Erik Holm (AfD) ist gegen ein höheres Rentenalter: Jeder, der 45 Jahre gearbeitet hat, müsse abschlagsfrei in Rente gehen können. „Es ist doch klar, dass ein Dachdecker oder ein Polizist nicht bis zum 70. Lebensjahr arbeiten können.“ Holm ist für ein Anreiz-Modell: Wer im Rentenalter noch arbeiten will, sollte steuerliche Erleichterungen erhalten.

Arbeitgeber: Über Kopplung des Lebensalters diskutieren

Befürworter einer Erhöhung des Rentenalters tun sich schwer. „Grundsätzlich dürfen wir uns einer Diskussion zur Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung nicht verschließen“, sagt Sven Müller, Vereinigung der Unternehmensverbände, die in MV 4900 Unternehmen mit 290 000 Beschäftigten vertritt. Müller rät jedoch, die Ergebnisse der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission 2020 einzubeziehen. Auch aus der CDU kommen hin und wieder Gedankenspiele zum höheren Rentenalter. Landeschef Vincent Kokert gibt sich schmallippig: „Das Renteneintrittsalter bleibt, wie es ist.“ Seitenhieb an die Bundesbank: Die solle sich lieber „um Preisstabilität kümmern, nicht ums Rentenrecht“.

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