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MV aktuell Hugo aus Ahrenshoop: „Mama, es reicht jetzt mit Krankenhaus“
Nachrichten MV aktuell Hugo aus Ahrenshoop: „Mama, es reicht jetzt mit Krankenhaus“
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17:10 09.08.2019
Sarah Radszuweit und ihr Sohn Hugo. Der Dreijährige braucht eine Stammzellenspende. Am Sonntag findet in Ahrenshoop eine Registrierungsaktion der DKMS statt. Quelle: Robert Niemeyer
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Ahrenshoop

Welches Datum behalten Sie in ewiger Erinnerung? Ihren Hochzeitstag? Den Tag der Geburt Ihres Kindes? Es sind in der Regel die ganz besonderen Tage, die den Menschen im Gedächtnis bleiben.

Sarah Radszuweit erinnert sich an den 1. September 2017 und den 16. Juli 2019.

„Als Mutter funktionierst du dann“

Husten. Hugo hatte eigentlich nur Husten, als die Ahrenshooperin mit ihrem 19 Monate alten Jungen am Morgen des 1. Septembers 2017 in Ribnitz die Kinderärztin aufsuchte. Doch die Doktorin findet blaue Flecken und rote Punkte auf Hugos Haut. „Sie hatte das gleich erkannt und ich merkte, dass es irgendwie komisch wurde“, erinnert sich Sarah Radszuweit.

Die Ärztin beruhigt die junge Mutter, behält ihre Vermutung jedoch für sich, schickt sie mit ihrem Sohn ins Krankenhaus. Ärzte, Krankenschwestern, Professoren, Untersuchungen. „Da bekommt man Angst.“ Und am Nachmittag der Schock. ALL, akute lymphatische Leukämie, Blutkrebs.

„Wird mein Kind wieder gesund?“, fragt Sarah Radszuweit die Ärzte. „Ja“, lautet die Antwort. Ein Wort, das ausreicht, um bei ihr alle notwendigen Kräfte freizusetzen. „Als Mutter funktionierst du dann.“

Aktion am 11. August

Am Sonntag, 11. August, findet im Gebäude der Ahrenshooper Feuerwehr, Hermann-Abeking-Weg 1, eine große Registrierungsaktion für potenzielle Stammzellenspender statt. Von 11 bis 15 Uhr heißt es dann „Stäbchen rein, Spender sein“. Wer gesund ist und zwischen 17 und 55 Jahre alte ist, kann sich registrieren lassen und zum möglichen Lebensretter werden. Die Registrierung kostet nichts und ist ganz einfach. Nach dem Ausfüllen einer Einverständniserklärung wird ein Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen durchgeführt.

Auch Geldspenden sind willkommen, da jede Registrierung 35 Euro kostet, die die DKMS mit diesem Spenden bezahlt. Weitere Infos dazu unter www.dkms.de.

Übrigens: In 80 Prozent der Fälle ist eine Operation für eine Stammzellenspende nicht notwendig. Hier erfolgt die Spende über die Abnahme von Blut, aus dem mit einem speziellen Verfahren die Stammzellen gewonnen werden. Bei einer OP, also einer Knochenmarkspende, wird dem Spender unter Vollnarkose mit einer Punktionsnadel aus dem Beckenkamm Knochenmark, kein Rückenmark, entnommen. Hierbei genügen in der Regel zwei kleine Einschnitte im Bereich des hinteren Beckenknochens. Die dabei entstehenden Wunden sind so klein, dass sie nur mit wenigen Stichen oder oft überhaupt nicht genäht werden müssen und rasch verheilen. Die Entnahme erfolgt in Bauchlage und dauert etwa 60 Minuten.

Anderthalb Jahre dauert die Therapie. Hugo wird als Hochrisikopatient eingestuft. Chemo, Medikamente, Katheder, das Leben einer kleinen Ahrenshooper Familie steht auf dem Kopf. Radszuweit verbringt unzählige Tage und Nächte im Krankenhaus bei ihrem Sohn. Ihr Mann und ihre Mutter helfen, wo sie können. „So eine Situation ist auch für eine Beziehung schwierig. Aber wir lieben uns, halten zusammen, wir schaffen das.“ Ein Satz, der für Sarah Radszuweit damals wie heute gilt.

Baden im Meer

Sarah Radszuweit und ihr Sohn Hugo. Quelle: Robert Niemeyer

„Wir hatten ein ganz normales, wunderschönes Leben.“ Die Therapie war überstanden. Hugo galt als gesund. Die regelmäßigen medizinischen Kontrollen ließen nichts Gegenteiliges vermuten. „Hugo hatte die besten Blutwerte“, sagt Sarah Radszuweit. Seit März besuchte der Kleine eine Kita in Wustrow, ein lebensfroher, lebendiger, aufgeweckter Junge. „Weiter als andere Dreijährige.“

Nach derartigen Schicksalsschlägen lerne man die kleinen Dinge des Lebens wertzuschätzen. Ein Familienurlaub auf Fuerteventura, Hugo badet im Meer. „Das war so schön. Im Krankenhaus konnte er noch nicht einmal duschen“, erinnert sich Sarah Radszuweit. Pures Glück. Am 1. September sollte groß gefeiert werden. Dann wäre die sogenannte Erhaltungstherapie abgeschlossen gewesen. Für diesen Tag war bereits ein großes Fest geplant.

Eine Kinderkrankheit, nichts Schlimmes, schnell geht es Hugo wieder besser. Sarah Radszuweits Mutter fährt zwei Wochen später mit Hugo zum Arzt, ein Kontrollbesuch. Am Telefon erfährt Sarah Radszuweit die Blutwerte ihres Sohnes. Am 16. Juli 2019. Der Blutkrebs war zurück. „Das ist heftig. Alle waren geschockt. Wir hatten doch nur ein halbes Jahr Pause“, sagt die Ahrenshooperin.

Stark wie ein Löwe

Alles beginnt von vorne. Hugo liegt auf der Intensivstation, muss abermals die anstrengende, kräftezehrende Therapie über sich ergehen lassen. „Das erste Mal hätte er vergessen“, weiß seine Mutter. Jetzt kann Hugo besser sprechen, nimmt bewusster wahr, was mit ihm und um ihn herum geschieht. „Das macht es schwieriger.“ Denn damit bleibt auch der erste Krankenhausaufenthalt präsent. „Mama, es reicht jetzt mit Krankenhaus“, habe der Dreijährige kürzlich zu seiner Mutter gesagt.

Es gibt gute und schlechte Tage. An den guten Tagen spielen Hugo und seine Mama im Krankenhaus mit dem Ball, sie malen gemeinsam, lachen gemeinsam. Die Erzieherinnen aus Hugos Kindertagesstätte übermitteln regelmäßig, was die Kinder in Hugos Gruppe derzeit lernen. Das soll auch Hugo lernen.

Und an schlechten Tagen? „Dann sitzt er stundenlang neben mir und weint.“ Die Medikamente, die Therapie, die Nebenwirkungen. „Dann ist mein Kind kein Kind, sein Wesen ist total verändert.“

Purer Optimismus, die Hoffnung auf ein gutes Ende, der Glaube daran, einen Stammzellenspender für Hugo zu finden, geben Sarah Radszuweit die Kraft, diese schwierige Zeit zu überstehen. „Trotz allem ist Hugo stark wie ein Löwe. Er gibt nie auf. Wir geben nicht auf.“

„Hugos Retter ist irgendwo da draußen“

Freunde, Bekannte, Fremde wünschen der kleinen Familie alle Kraft der Welt. „Die Unterstützung ist unglaublich. Ich bekomme jeden Tag Gänsehaut, wenn ich höre, wie viele Menschen sich in den vergangenen Tagen schon als Stammzellenspender registriert haben“, sagt Sarah Radszuweit.

„Der Zusammenhalt in der Region ist phänomenal“, sagt auch Benjamin Heinke, Bürgermeister von Ahrenshoop und Amtsvorsteher des Amtes Darß/Fischland. Heinke ist Mitorganisator und Schirmherr der Registrierungsaktion am Sonntag. Von 11 bis 15 Uhr können sich Menschen im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Ahrenshoop als Stammzellenspender registrieren lassen.

„Natürlich habe ich Angst. Es steht nicht zu 100 Prozent fest, dass für Hugo ein Spender gefunden wird“, sagt Sarah Radszuweit. Aber mit jedem weiteren Registrierten steigt die Chance. Und zwar nicht nur für Hugo, sondern für jeden Erkrankten, auch dessen ist sich Radszuweit bewusst. Es geht auch um die Krankheit Blutkrebs an sich und die Aufklärung der Öffentlichkeit, wie einfach man nach dem bekannten Motto „Stäbchen rein, Spender sein“ zum Lebensretter werden kann.

„Wir glauben fest daran, dass Hugos Retter irgendwo da draußen ist“, sagt Sarah Radszuweit. Der Glaube an den Tag, an dem Hugo wieder ganz gesund ist. Ein besonderer Tag, ein Datum, das ewig in Erinnerung bleibt.

Alle 15 Minuten

Alle 15 Minuten erhält laut DKMS ein Mensch in Deutschland die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs. Viele Patienten sind Kinder und Jugendliche, deren einzige Chance auf Heilung eine Stammzellspende ist. Doch jeder zehnte Patient findet keinen Spender.Blutkrebs ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks beziehungsweise des Blut bildenden Systems, bei denen die normale Blutbildung durch die unkontrollierte Vermehrung von bösartigen Blutzellen gestört ist. Wegen dieser Krebszellen kann das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen, zum Beispiel Infektionen bekämpfen, Sauerstoff transportieren oder Blutungen stoppen.Die DKMS-Datei potenzieller Knochenmark- und Stammzellspender enthält weltweit über neun Millionen Personen, davon mehr als sechs Millionen in Deutschland. Die DKMS betreibt damit die weltweit größte Spenderdatei. Täglich werden weltweit durchschnittlich 20 Spender an Patienten vermittelt.Mehr im Internet unter: www.dkms.de

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