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MV aktuell Erfolgsautor aus Rostocker Platte hat in der DDR mit Till Lindemann gefeiert
Nachrichten MV aktuell Erfolgsautor aus Rostocker Platte hat in der DDR mit Till Lindemann gefeiert
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10:25 29.11.2019
Soziologieprofessor in Turnschuhen: Steffen Mau vor seiner ehemaligen Schule im Rostocker Stadtteil Lütten Klein Quelle: JULIANE SCHULTZ
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Rostock

EinSamstagmorgen im Rostocker Stadtteil Lütten Klein. Steffen Mau ist hier aufgewachsen. Nun will er seinem Lektor den Ort zeigen, von dem sein Buch handelt, das in den vergangenen Monaten die Bestsellerlisten stürmte. Erst im August veröffentlicht, erschien „Lütten Klein“ bereits in zweiter Auflage.

Mau ist nicht nur Ex-Einwohner, sondern auch Soziologe. Er untersucht, welche Zusammenhänge zwischen den Erfahrungen der Ostdeutschen vor und nach dem Mauerfall und aktuellen politischen Entwicklungen bestehen. Stellvertretend für den gesamten Osten hat er dafür Lütten Klein betrachtet.

Am Müther-Bau wird Bier getrunken

Treffpunkt ist die Mehrzweckhalle. Ulrich Müther hat den futuristischen Bau konstruiert. Heute ist er gleichzeitig Denkmal und Netto-Markt. Rentner mit bunten Stoffbeuteln bestimmen das Bild. Vor dem Eingang trinken zwei Männer Bier und diskutieren – ein weißer Mann um die 60 und ein dunkelhäutiger um die 30. Steffen Mau lebte bis 1989 hier. Früher gab es kaum Rentner und keine Migranten. Nur Bier gab’s damals wie heute.

Bei gutem Wetter kann man bis Dänemark sehen – Blick aus dem Punkthochhaus, in dem Steffen Mau aufwuchs: Der Rostocker Stadtteil Lütten Klein.  Quelle: Juliane Schultz

„Ich dachte, wir gehen mal zu meinem alten Wohnhaus, drehen eine Runde durch den Stadtteil und enden wieder hier“, schlägt Mau vor und marschiert voran. Er trägt Turnschuhe von Adidas, Poloshirt und Hornbrille. Dass er jünger als 51 wirkt, könnte an seinem fortwährenden Lächeln liegen.

Im DDR-Neubaugebiet: Niemand war arm

Alle paar Meter fallen ihm kleine Geschichten ein. Etwa die von Herrn Fieber, dem Hausmeister: „Der hat uns immer angefaucht. Alle Kinder hatten Angst vor ihm.“

Auf einen Trampelpfad geht es zu einem von drei baugleichen Hochhäusern. 19 Etagen, ein zentraler Eingang, zwei Fahrstühle. Hier, wie in allen Neubaugebieten der DDR, lebten die Werktätigen – Arbeiter, Angestellte, Akademiker. Alle mit ähnlichem Einkommen und Lebensstil. Niemand fühlte sich arm oder war gar arbeitslos. Steffen Maus Vater war Anlagenbauer, seine Mutter Ärztin.

Fidel Castro im Cabrio auf Rostocker Stadtautobahn

Jemand kommt heraus, er schlüpft rein, bevor die Tür zufällt. Auf der Fahrt nach oben erzählt Mau von Fidel Castro. Der kubanische Präsident hatte Rostock 1972 besucht. „Unsere Kindergartengruppe stand an der Stadtautobahn und winkte mit Fähnchen. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von dem Mann in Militäruniform war, der im offenen Wagen stehend an uns vorbeigefahren wurde.“

Der Flur ist beige gestrichen und wirkt so frisch durchgefegt wie das gesamte Wohngebiet. Im Treppenhaus öffnet Mau ein Fenster. Warme Luft strömt rein. Der Blick geht in die Weite. Am Horizont die Ostsee. Bei guter Sicht kann man Dänemark sehen. Unten liegt Lütten Klein. 10 500 Wohnungen, gebaut für 26 000 Menschen. Eines von fünf Neubaugebieten, die zwischen der Rostocker Innenstadt und dem Strand von Warnemünde liegen.

Das ist der Roman, mit dem Steffen Mau derzeit die Bestsellerlisten stürmt: „Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“. Quelle: Steffen Mau

Wie die Menschen hier gelebt haben, war idealtypisch für die DDR. Ein großer Teil der Ostdeutschen wohnte so – in Rostock sogar 70 Prozent aller Einwohner.

Dieselbe Freundin wie Rammstein-Sänger

Ein Erzählstrom bricht sich nun Bahn. Darunter die Geschichten vom „Riga“ – tagsüber eine Schulspeisung, am Wochenende haben dort Bands gespielt. Ein legendärer Ort, nicht nur in Rostock: „Es gab eine Bierbar, da hingen immer langhaarige Typen in Jeansjacken rum. Meine Eltern hätten ‚Penner‘ gesagt.

Till Lindemann war dort regelmäßig. Er war ja Sportler, daher kannte man den.“ Auch dieselbe Freundin hatten der Rammstein-Sänger und Mau mal. Nacheinander versteht sich. Doch bei dem Thema winkt er ab und drängt zum Aufbruch.

Wohnung besetzt: „Angela Merkel hat das auch gemacht“

Nein, heute könne er sich nicht mehr vorstellen, hier zu wohnen, erzählt er auf dem Weg zu seiner alten Schule. „Ich habe einen neuen Lebensmittelpunkt.“ Der ist in Berlin. Altbau. Prenzlauer Berg. „Das hat sich so ergeben. Schon 1989 hatte ich dort eine Wohnung besetzt. Damals war das nicht ungewöhnlich. Man hat sie aufgebrochen und das Schloss ausgetauscht, schon war man Wohnungsbesitzer. Angela Merkel hat das auch gemacht, habe ich mal gelesen.“

In der Nacht, als die Mauer fiel, trug Steffen Mau einen Stahlhelm und eine Kalaschnikow. Er war 21 Jahre alt, diente bei der Nationalen Volksarmee und bewachte die Werder-Kaserne in Schwerin. Das Jubeln der Menschen plärrte aus einem Kofferradio. Wie sich sein Leben und das von 16 Millionen Menschen nach dieser Nacht ändern würde, ahnte er nicht. Erst recht nicht, wie lang die Beschädigungen nachwirken, die viele in der Wendezeit erlitten.

Naiv gedacht: Ostdeutschland wird nicht verwestlichen

„Jahrzehntelang ging man davon aus, dass die ostdeutsche Teilgesellschaft einfach verwestlichen würde.“ Auch Mau dachte das, als er in den 90er Jahren Soziologie studierte. „Heute weiß man, dass das eine naive Annahme war.“ Das Gegenteil trat ein.

Er wollte verstehen, warum sich die Unterschiede nicht einfach auswachsen wollten, sondern verfestigten. Deshalb kam Mau zurück nach Lütten Klein und startete seine Feldforschung. Er führte lange Interviews mit Menschen, die er auf der Straße oder über Freunde kennenlernte. Auf ihnen basieren seine neuen Erkenntnisse.

Mit Wende sank Ansehen der Menschen

Heute nennt Mau die Folgen der Wendezeit „Fraktur“. Der medizinische Ausdruck für einen Bruch und ein ganz zentraler Begriff in seinem Buch. „Schauen Sie sich um!“, sagt er, sein Blick gleitet über einen verwaisten Wäscheplatz. „Hier lebten die Menschen mit einem hohen gesellschaftlichen Status. Sie hatten Fernwärme, ein eigenes Bad. Über Nacht sank ihr Ansehen jedoch in die unteren Ränge der gesamtdeutschen Hierarchie. Plötzlich war deklassiert, wer hier wohnte – also ein gewaltiger Teil der Ostdeutschen.“

Mau schlägt sich nicht auf die Seite eines politischen Systems. Er spricht, wie er schreibt: wertschätzend, aber nicht wertend. Ist das der Erfolg seines Buches? „Als ich meine Recherche begann, waren die Alltagserfahrungen der Menschen im Osten nur ein Randthema. Heute bestimmt das Thema die Debatten.“

Warum ist die AfD im Osten so stark?

Warum gibt es keinen einzigen ostdeutschen Hochschulrektor? Warum fühlen sich die Menschen benachteiligt? Warum ist hier die AfD so stark? Steffen Mau bringt Ordnung in diese unübersichtliche Gemengelage. Das ist die Stärke seines Buches.

Es hilft zu verstehen: Die früheren DDR-Bürger teilten die kollektive Erfahrung des Eingemauert-Seins. Die heutigen Ostdeutschen teilen die kollektive Erfahrung der gebrochenen Biografie. Reparaturempfehlungen gibt er nicht, sondern plädiert dafür, das als Realität anzuerkennen.

„Mehr in ostdeutsche Köpfe investieren“

Das kann doch nicht sein letztes Wort sein? Es muss doch etwas geben, das man tun kann? Er lacht und gibt nach: „Es wäre naiv, zu glauben, dass man irgendeinen spezifischen Schalter umlegen muss. Ich denke, man muss mehr in ostdeutsche Köpfe investieren. Es gibt ja Inseln, in denen gute Projekte gedeihen. Davon braucht es sehr viel mehr.“

Damit ist er zurück an der Mehrzweckhalle. Ein Rentner verteilt Handzettel für die nächste Fridays-for-Future-Demo. Die beiden Männer vor dem Netto-Markt haben sich ein neues Bier aufgemacht.

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Von Juliane Schultz

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