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MV aktuell Werft Stralsund: Hülle der Luxusyacht „Crystal Endeavor“ ist im Mai fertig
Nachrichten MV aktuell Werft Stralsund: Hülle der Luxusyacht „Crystal Endeavor“ ist im Mai fertig
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08:08 06.04.2019
Die Kommandobrücke der „Crystal Endeavor" wird sandgestrahlt. In der kommenden Woche wird sie aufs Schiff gesetzt. Quelle: Kerstin Schröder
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Stralsund

Die Szene erinnert an einen Science-Fiction-Film: Ein Mann im silbernen Anzug steht vor einem riesigen Ufo. Er trägt einen Mega-Helm und wird mit Sauerstoff versorgt. Mit einem Schlauch spritzt er kleine Sand-Stahl-Perlen ans Metall. Blitzschnell prallen die von der Hülle ab und fliegen danach wie gefährliche Geschosse durch die Luft. Deshalb der Kopfschutz. Doch es ist kein unbekanntes Flugobjekt, das dort beschossen wird, sondern die Brücke der neuen „Crystal Endeavor“. So heißt das erste Kreuzfahrtschiff, das gerade in der Stralsunder Werft entsteht. Und die Premiere hat es in sich: Es soll laut Auskunft der Reederei Crystal Cruises die weltweit größte Luxus-Expeditionsyacht mit Eisklasse werden.

Brücke wird in einigen Tagen aufgesetzt

Burghard Zimmermann. Der Rostocker leitet für MV Werften den Standort Stralsund. Im Hintergrund ist die "Endeavor" zu sehen. Quelle: Kerstin Schröder

„Zwei Drittel der Stahlhülle sind fertig“, berichtet Burghard Zimmermann. Der Rostocker leitet für MV Werften den Standort Stralsund. Nur etwa 30 Meter braucht er vom Büro aus zu einer Empore, von der aus man in die Bauhalle schauen kann. Dort wächst die „Crystal Endeavor“ Stück für Stück in die Höhe. Mitte nächster Woche wird die Brücke aufgesetzt. Bis dahin wird sie noch der Nachbarhalle sandgestrahlt. „Damit die Farbe besser auf der Oberfläche hält“, erklärt Stefan Sprunk, Kommunikationschef bei MV Werften.

Viele Arbeiter sind auf den ersten Blick nicht zu sehen. Doch man kann sie hören. Sie schweißen, hämmern und schrauben im Inneren des Schiffes. Das ist fast komplett eingerüstet und erinnert so eher an ein Hochhaus als eine Yacht. Nur das Heck liegt frei und zeigt eine große Öffnung. „Dort kommt später das Mini-U-Boot hinein“, berichtet Burghard Zimmermann. Sein Team muss das Schiff schlüsselfertig übergeben – inklusive U-Boot und ferngesteuertem Unterwasserfahrzeug zum Erkunden von gesunkenen Schiffswracks.

Hier entsteht die "Crystal Endeavor"

In Polarregion ist der nächste Hafen weit weg

Kreuzen soll die „Crystal Endeavor“ mit dieselelektrischem Antrieb (maximal 18 Knoten) in den Tropen und den Polarregionen. Und weil sie auch Eis aushalten muss, muss der Rumpf mit mehreren, dicken Eisspanten verstärkt werden. „Die waren eine ziemliche Herausforderung, weil es zwischen diesen Bauteilen sehr eng gewesen ist, kräftig gebautere Schweißer hatten da keine Chance“, berichtet Zimmermann. Die Spanten seien ein wichtiger Sicherheitsaspekt. Denn: „In der Polarregion ist der nächste Hafen weit weg.“

Seit Monaten tüfteln die Konstrukteure, Ingenieure und Bauleiter an Lösungen, wie alle Schiffssysteme einzeln und als Einheit funktionieren können. Es sei ein Riesen-Kraftakt gewesen, wieder ein leistungsfähiges Team aufzubauen: „Von April 2017 bis Februar 2018 war die Werft kalt, es fand keine Fertigung statt.“ Nur 45 Mitarbeiter hätte es damals in der Konstruktion gegeben. 300 seien dazugeholt worden – darunter Bauleiter von der Papenburger Werft, von Aida und Airbus. „Wir haben auch viele Arbeiter von Fremdfirmen aus Rumänien und Polen, und ehemalige Werftarbeiter, die zurückgekehrt sind“, betont Zimmermann. Das Tarif-Gehalt sei in der Region sehr attraktiv. Auch für die Jugend.

Lehrlinge werden übernommen

Azubi Jonas Wendlandt (17) aus Usedom übt die Arbeit an einer Luftdruckregelung. Er wird seit zwei Jahren in Stralsund zum Anlagenmechaniker ausgebildet. Quelle: Kerstin Schröder

Wie viele Mitarbeiter es gibt, sieht man zur Mittagszeit in der großen Kantine. Die ist voll. Auch Jonas Wendlandt (17) geht dort essen. Der junge Mann von der Insel Usedom wird in der Werft seit zwei Jahren zum Anlagenmechaniker ausgebildet. Er übt das Gasschweißen, entgratet Grundplatten, baut Leitungen. In seiner Familie ist er der erste, der mit Schiffbau zu tun hat. Nach Ende der Lehrzeit will er weiter in der Werft arbeiten: „Das ist der Plan“, sagt er. Die Chancen dafür stehen sehr gut. „Es werden in der Regel alle übernommen, wir bilden unser zukünftiges Personal aus“, betont Zimmermann. Ab dem zweiten Lehrjahr sind die Azubis fest in der Produktion miteingeplant. Alle Plätze in den drei Lehrjahren sind voll. Im Sommer 2019 kommen etwa 30 weitere dazu.

Im Mai soll der Stahlbau der 164 Meter langen Yacht fertig sein. Über der Brücke wird das Schiff noch weitergebaut. „Das letzten Sektionen sind der Schornstein und das Sonnendeck“, berichtet der Standort-Leiter. Dann geht es an die Innenausrüstung. Obwohl der Standort zum Werftenverbund MV Werften mit Sitz in Wismar gehört, arbeitet Stralsund größtenteils autonom. Logistik, Fertigung, Konstruktion – alles wird vom Sund aus gemanagt. Auch die Kabinen sind keine Serien-Produktion. Denn es gibt an Bord ausschließlich Suiten – 37 bis 290 Quadratmeter groß mit Balkon. Insgesamt sind es 100 für 200 Gäste.

Jungfernfahrt wird schon angeboten

Reisen für die Jungfernfahrt im August 2020 bietet Crystal bereits im Internet an. Die 17-tägige Tour führt von Tokio aus in den fernen Osten Russlands und zu den japanischen Inseln. Kostenpunkt: ab 25 000 Dollar pro Person. Die Nachfrage sei laut Crystal enorm. Das Schiff wird für den amerikanischen Markt gebaut, aber 40 Prozent aller Anfragen kommen aus China.

Nach dem fertigen Stahlbau für die „Crystal Endeavor“ packen die Stralsunder bei den ersten beiden „Global“-Schiffen mit an. Die nach Passagierzahl (9500) größten Kreuzfahrtschiffe der Welt baut MV Werften in Rostock und Wismar. Doppelböden, Theatersektion und Passagierbereiche sollen am Sund entstehen und auf dem Seeweg zugeliefert werden. Bislang sind diese „Global“-Arbeiten in Polen und Litauen ausgeführt worden. „Es ist gut, dass die Arbeit hierher kommt.“ Beim Stahlbau gäbe es zwar immer mal mehr, mal weniger zu tun.“ Aber um Fachkräfte langfristig zu halten, braucht es kontinuierlich gute Beschäftigung. Und gute Fachkräfte seien die Hansestädter: „Das ist ein geiles Projekt, die Stralsunder werden sehr stolz sein, wenn das fertige Schiff die Werft verlässt.“

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