Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Streik in Mini-Firma in Rostock legt Baustellen lahm
Nachrichten MV aktuell Streik in Mini-Firma in Rostock legt Baustellen lahm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:41 12.09.2019
Streik bei der Hedin Baustofflogistik GmbH in Rostock. Die Mini-Firma hat nur noch fünf Beschäftigte, davon drei Betriebsräte. Quelle: Frank Pubantz
Anzeige
Rostock

Vier Männer legen ein Mischwerk und diverse Firmen lahm: Mit einem Warnstreik haben Beschäftigte der Hedin Baustofflogistik GmbH im Rostocker Seehafen am Mittwoch auf die aus ihrer Sicht untragbaren Arbeits- und Lohnbedingungen in der Baustoff-Branche in MV aufmerksam gemacht. Hedin ist eine von diversen Firmen rund um die Neuland Beton H. Burgis KG aus Hamburg. Eine Mini-Firma mit fünf Leuten, alle Gewerkschafter, darunter drei Betriebsräte. Nachdem die damals gut 30 Beschäftigten 2018 einen Betriebsrat gründeten, habe die Unternehmensleitung die meisten in zwei andere Firmen geschoben. Übrig blieben der Betriebsrat und zwei Kollegen. Ein spezieller Fall, um Arbeitnehmer-Rechte auszuhebeln, heißt es von Gewerkschaftern. Auch in anderen Branchen sind die Fronten oft verhärtet.

Betriebsrat: Schluss mit Dumping 30 Jahre nach der Wende

Im Betriebsrats-Büro: Maik Reepschläger (51) und Felix Dalecki (63) fordern bessere Arbeitsbedingungen für Beschäftigte der Neuland-Beton-Gruppe. Quelle: Frank Pubantz

„Es reicht jetzt“, sagt Felix Dalecki (63). „30 Jahre nach der Wende muss damit Schluss sein.“ Er moniert Dumpinglöhne über Jahre für seine Kollegen und ihn, viel zu lange, und vor allem ungeregelte Arbeitszeiten. Sie sind Mischer-Fahrer, bringen Beton vom Mischwerk am Seehafen zu Baustellen. Für elf oder 12,50 Euro pro Stunde (2018), sagen sie. Im Schnitt hätten die Mitarbeiter bei Hedin im Vorjahr rund 23 500 Euro Lohn brutto erhalten, rechnet Betriebsratsvorsitzender Maik Reepschläger (51) vor. „Nur 52 Prozent des Lohns im Bundesdurchschnitt.“ Und das bei „12, 14, 16 Stunden“ Arbeit am Tag. Was gar nicht erlaubt sei.

Versuche, ein Gespräch über Verbesserungen auch für die Beschäftigten anderer Firmen zu erreichen, habe die Unternehmensleitung abgeblockt. „Wir sollen froh sein, dass wir hier arbeiten können“, so Reepschläger. „Damit muss jetzt Schluss sein.“ Dass nicht höhere Löhne drin sind, glaube er nicht. Die Forderung: Tarif und klare Regeln für alle. Die Hedin-Betriebsräte haben ein Büro. Für ihre Kollegen tun können sie aber nichts. „Viele haben Angst“, sagt Reepschläger.

Am Mittwoch sind Dalecki und Reepschläger in der Nacht aufgestanden. Um 6.30 Uhr beginnt der Warnstreik. Der soll wehtun. Laster blockieren die Einfahrten zum Mischwerk, das auch andere Firmen der Neuland-Beton-Gruppe anfahren. Große Beton-Pumpen für Baustellen im Land bleiben stundenlang stehen. Dalecki und Reepschläger haben sich mit ihrem Kollegen Wilfried Wendt (58) am Haupttor positioniert. Ein vierter Kollege hält sich im Hintergrund, der fünfte ist krank. Mitarbeiter anderer Firmen kommen hinzu, loben den Streik. Einer erzählt, er habe so viele Stunden zu fahren; „ich verstoße gegen das Gesetz“. Aber was tun? „Wir haben als Betriebsrat sogar die Pflicht, etwas zu unternehmen“, sagt Dalecki. „Was soll ich erzählen, wenn jemand Kinder totgefahren hat?“

Gewerkschaft: Zustände typisch für die Branche

Konfliktfrei läuft der Streik nicht ab. Reepschläger berichtet von Drohungen aus der Geschäftsleitung am frühen Morgen. Er hat eine Kamera vor der Brust – „alles aufgezeichnet“. Auch die Polizei sei gekommen. Um 9.45 Uhr ist ein Hedin-Chef da. Er fordert die Schlüssel zu den Lastern. Schulterzucken. Dann droht er mit „arbeitsrechtlichen Konsequenzen“. OZ-Fragen wolle er später beantworten. Eine schriftliche Anfrage – auch an Neuland-Beton – blieb bisher unbeantwortet.

„Legitimer Streik“: Gewerkschafter Edwin Lehmann (r.) im Gespräch mit der Hedin-Belegschaft. Quelle: Frank Pubantz

„Das ist ein legitimer Streik“, sagt Edwin Lehmann von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Die Zustände bei Hedin seien „typisch für die Branche“, die Fahrzeiten Beschäftigter „jenseits von Gut und Böse“. Problem: Viele hätten Angst, duckten sich weg. „Wo keine Betriebsräte sind, kann der Arbeitgeber schalten und walten nach Gutsherrenart“, so Lehmann. Dass ein Betriebsrat in einer Mini-Firma „kaltgestellt“ wird, sei nur ein Trick von vielen. Oft versuchten Unternehmen, die Wahl zuvor zu unterbinden. Leider seien in MV nur etwa 20 bis 25 Prozent der Beschäftigten der Branche in der Gewerkschaft: „Das ist problematisch.“

Probleme auch in Gastronomie und Handwerk

Auch andere Branchen seien betroffen. Viele Firmen in der Gastronomie versuchten, die Löhne zu drücken, sagt Jörg Dahms, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in MV. Bei rund 37 000 Beschäftigten in 4000 Firmen landesweit gebe es 1400 Gewerkschafter und nur 20 Betriebsräte. Dabei seien diese wichtig, um Rechte durchzusetzen: „Ohne Betriebsrat keine Abfindung bei Entlassung“, so Dahms. Vor Pauschalisierung warnt dagegen Lars Schwarz, Deutscher Hotel- und Gaststättenverband MV. „Es braucht nicht zwangsweise Gewerkschaft und Betriebsrat, um ein guter Arbeitgeber zu sein.“

Auch in der Metall-Branche wehe Arbeitnehmern im Nordosten der Wind oft scharf ins Gesicht, sagt Guido Fröschke, IG Metall. Er berichtet von einem aktuellen Streitfall: „Der Unternehmer will keine Betriebsräte, niemanden fragen müssen.“ Problem: Während hier in der Industrie zwei Drittel der Beschäftigten von Betriebsräten vertreten würden, seien es beim Handwerk nur etwa 20 Prozent.

Um 13 Uhr beenden Maik Reepschläger & Co. ihren Mini-Streik bei der Hedin Baustofflogistik GmbH in Rostock. „Es hat offenbar Wirkung gezeigt.“ Denkbar sei aber auch, dass die Firma bald dichtgemacht wird.

Mehr zum Thema:

„Jetzt reicht’s“: Köche und Kellner in MV wollen bis zu 26 Prozent mehr Geld

Ein Koch aus MV erzählt: „Von diesem Lohn kannst du keine Familie gründen“

„Die Leute müssen bereit sein, mehr zu zahlen“

Trendwende: Baubranche stellt wieder ein

Von Frank Pubantz

Eine Klempnerei und eine Kantine sind in der Nacht zu Donnerstag in Neubrandenburg durch ein Feuer vernichtet worden. Die Löscharbeiten dauerten die ganze Nacht an. Es entstand hoher Sachschaden. Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen auf benachbarte Gebäude verhindern.

12.09.2019

Döner für Nachtschwärmer ist das Geschäftsmodell von Efes Grill. Doch seit März muss um 22 Uhr geschlossen sein. Die Gäste und der Laden seien zu laut. Die Betreiber vermuten, dass Messungen falsch durchgeführt wurden. Ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Greifswald ist anhängig.

13.09.2019

Die Kids machen es mit „Fridays for future“ vor: Jetzt ziehen die Gewerkschaften nach: Die IG Bau hat ihre Mitglieder zu einem Ausstand für den Klimaschutz aufgerufen. Die Aktion soll am 20. September in Rostock stattfinden.

12.09.2019