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MV aktuell Streit um heiße Milch: Bistro-Chefin am Facebook-Pranger
Nachrichten MV aktuell Streit um heiße Milch: Bistro-Chefin am Facebook-Pranger
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19:33 21.07.2015
Im Bistro „Zur Muschel“ in Stralsund wurde eine Mutter abgewiesen, die Milch für ihr Baby aufwärmen wollte.
Im Bistro „Zur Muschel“ in Stralsund wurde eine Mutter abgewiesen, die Milch für ihr Baby aufwärmen wollte. Quelle: Alexander Müller
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Stralsund

Die Bartherin Jeanette Holubova ist in Stralsund in einem Café abgewiesen worden, nachdem sie darum gebeten hatte, eine Flasche Milch für ihr Baby in der Mikrowelle aufzuwärmen. Eine Frechheit, meint die 40-jährige Mutter. Eine Freundin stellte den Fall ins Internet, wo bei Facebook über die vermeintliche Herzlosigkeit geschimpft wird. Die Bistrobesitzerin Waltraut Heldt (61) findet das ungerecht – die Frau sei keine zahlende Kundin gewesen und könne daher auch keine Ansprüche stellen, sagt sie.

Der Fall, der sich am Montag im Bistro „Zur Muschel“ am Hafen ereignete, ist ein Paradebeispiel für das Dilemma, in dem sich das Touristenziel Stralsund in jedem Sommer befindet. Auf der einen Seite die Gäste, die erwarten, dass ihnen jeder Wunsch erfüllt wird und das für möglichst wenig Geld. Auf der anderen die Hoteliers und Gastwirte, die diesem Anspruch gerecht werden und gleichzeitig davon leben müssen.

Jeanette Holubova und ihre Freundin hatten am Montag zusammen mit den Kindern einen Ausflug ins Ozeaneum unternommen. Nach dem Besuch fing das einen Monat alte Baby an zu schreien. Die Mutter betrat das Bistro „Zur Muschel“ in der Fährstraße und bat darum, dass ihr ein Fläschchen Milch in der Mikrowelle aufgewärmt wird. Sie wurde von einem Angestellten abgewiesen mit der Begründung, es gäbe keine Mikrowelle – obwohl in dem Lokal sehr wohl ein solches Gerät steht. Auch einen mitgebrachten Babykostwärmer durfte sie nicht an eine Steckdose anschließen. „Wir sind total baff gewesen. Mein Kind schrie und schrie immer weiter“, sagt Jeanette Holubova. Am Bahnhof durfte sie dann bei McDonalds die Milch aufwärmen. Anschließend veröffentlichte die Freundin den Vorfall bei Facebook. Über die Bistro-Inhaberin ergoss sich danach eine Welle der Entrüstung. „Das ist ja unter aller Sau“, schrieb jemand.

Waltraut Heldt, Chefin des Bistros „Zur Muschel“, ist noch immer geschockt über all die Dinge, die ihr im Internet an den Kopf geworfen wurden. Sie fühlt sich ungerecht behandelt. „Ich will keine Schlammschlacht“, sagt sie. Am Montag sei sehr viel zu tun gewesen, da eine Geburtstagsgesellschaft im Anmarsch war. Eigentlich sollte der Laden gerade für Laufkundschaft geschlossen werden, als die Mutter mit Baby das Geschäft betrat und nach der Mikrowelle fragte. „Wir hatten viel Arbeit und die Leute waren keine zahlenden Gäste“, begründet Waltraut Heldt die Reaktion ihres Mitarbeiters. Allerdings sei die Aussage, dass es keine Mikrowelle gäbe, unglücklich gewesen.

Waltraut Heldt schildert, wie täglich etliche Leute in ihr Lokal kommen, die zwar große Ansprüche haben, aber nicht dafür bezahlen wollen. Geld wechseln, kostenlos auf die Toilette gehen oder mitgebrachtes Essen aufwärmen seien die klassischen Beispiele. „Ich bin gutmütig, aber nicht Mutter Teresa“, sagt Waltraut Heldt.

Wie viel Hilfsbereitschaft dürfen Urlauber erwarten? Und wann können Gastgeber Nein sagen? Für Siegbert Peiß vom Hotel- und Gaststättenverband Stralsund gilt bei der Beantwortung dieser Fragen zunächst, dass der Eigentümer das Hausrecht hat. „Dem muss sich jeder Tourist fügen“, sagt Peiß. Die meisten Gastronomen würden sich aber tolerant verhalten. Diese Toleranz werde aber bei Großereignissen wie den anstehenden Wallensteintagen auf eine harte Probe gestellt. „Dann wollen etliche Leute in den Restaurants kostenlos auf die Toilette gehen. Und das ist eine schwierige Situation.“



Alexander Müller