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MV aktuell Stürmische Zeiten im Urlaubsland
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00:00 25.01.2018
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Rostock

Der Entwurf eines Landestourismuskonzeptes ist lange fertig. Er werde aber im zuständigen Wirtschaftsministerium als „geheime Verschlusssache“ eingestuft, sagt ein Insider. Das hat offenbar gute Gründe: Denn das Papier der Berliner DWIF Consulting GmbH (liegt der OZ vor) birgt reichlich politischen Sprengstoff. Das Land müsse dringend bei Strukturen und Geldflüssen nachsteuern, beim Tourismus hin zu mehr Qualität. Sonst drohe das selbst ernannte Tourismusland Nummer eins zum Pflegefall zu werden. Einiges hat Minister Harry Glawe (CDU) bereits umgesetzt, etwa dem Tourismusverband MV jährlich 800000 Euro mehr zugesagt. Das Papier schlägt mehr vor – von höheren Finanzspritzen für Kommunen über eine Ausweitung der Kurabgabe bis zur Bildung eines Umsetzungsmanagements im Ministerium.

Die Tourismusbranche in MV am Scheideweg: Nach Rekorden bei den Übernachtungszahlen gab es 2017 einen Einbruch. Die Zufriedenheit der Gäste sinkt, die Konkurrenz hat aufgerüstet. Schöne Natur allein reicht nicht mehr, um Urlauber zu locken. Seit Jahren kü

Die Ausgangslage: 30,3 Millionen Besucher hatten Hotels und andere Gastgeber (ab 10 Betten) 2016 – Rekord. 2017 sank die Zahl um rund zwei Prozent wieder ab. Die Bettenzahl in MV sei Jahr für Jahr gestiegen, die Zimmerpreise „die höchsten in Ostdeutschland“, heißt es im Gutachten. Die Küstenregion entwickele sich dynamischer als das Binnenland, müsse daher anders betrachtet werden. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren MVs: 18 Prozent der Beschäftigten verdienen hier ihr Geld.

Zuletzt plagten aber verschiedene Probleme die Branche: Fast jede dritte Azubi-Stelle blieb unbesetzt, Fachkräfte seien kaum zu finden. Die Servicequalität sinke. Zunehmend müssen Restaurants tage- oder stundenweise schließen, da sie kein Personal finden. Die Infrastruktur – Hotels, Freizeiteinrichtungen, Verkehrswege – komme in die Jahre. Neue Investitionen wären nötig. Bei der Gästezufriedenheit sank MV auf Platz fünf der Bundesländer ab. Zunehmend machten sich Negativ-Meldungen zum Tourismus breit, etwa überfüllte Straßen, steigende Mieten oder Lebenshaltungskosten, die Anwohner mit geringen Löhnen nicht mehr bezahlen können. Was tun?

Übernachtungsrekorde ade: Die DWIF, ein Tourismusberater aus Berlin, fordert ein „Umdenken“. Die „Jagd“ nach Übernachtungsrekorden sollte „nicht mehr im Vordergrund stehen“. Dafür sei „qualifiziertes Wachstum nötig“. Die Gutachter fordern einen „Paradigmenwechsel von Quantität zu Qualität“. Unter einer gemeinsamen touristischen Dachmarke solle sich die Branche vermarkten.

DWIF schlägt vor: Vernetzung des Marketings von Land bis zum kleinsten Ort; mehr Geld des Landes an Tourismusverband und Kommunen für Infrastruktur; die Konkurrenz habe „deutlich mehr Mittel“; Internetpräsenz verbessern und vernetzen; Doppelstrukturen wie Landestourismusverband und Bäderverband MV besser „verzahnen“; Konzentration auf die stärksten Quellmärkte der Touristen, Aktivitäten weniger streuen; EU-Fördermittel für Tourismus stärker abschöpfen; Gäste- und Lebenszufriedenheit der Menschen hier, aber auch das Bewusstsein für Tourismus erhöhen.

In einer breiten Anlayse schlagen die Gutachter einige konkrete Punkte vor. Beispiele:

Roboter als neue Fachkräfte? 2015 waren 14 Prozent aller Stellen in der Branche MV-weit unbesetzt. Folge: Die Angebotsvielfalt leide durch überforderte Servicekräfte und schlecht ausgebildete Aushilfen. Das Land will eine private Hotelfachschule fördern. Die Zeit aber dränge, so DWIF. Das Gastgewerbe brauche Image-Aufschwung, müsse sich als „cooles Arbeitsfeld“ positionieren. Dazu sollte mehr Personal aus dem Ausland gewonnen werden. Alternative: der „Einsatz von Service-Robotern“, möglich über die erforderliche Digitalisierung in der Branche. Höhere Löhne sind im Konzept kaum Thema.

Firmen und Mitarbeiter im Blick: Neben der Gäste- zähle auch die Mitarbeiterzufriedenheit. Die Regierung sollte 24-Stunden-Kitas und bezahlbaren Wohnraum in Urlaubsgebieten befördern.

Innerhalb der Tourismusbranche sollte es für ein dringend nötiges „Wir-Gefühl“ jährliche Branchengipfel geben. Weitere Idee: ein Tourismusgesetz wie in Alpenregionen, das Aufgaben von Land, Kreisen und Orten klar definiert.

Kurortgesetz öffnen: Eine Ungerechtigkeit haben die Gutachter im Kurortgesetz des Landes ausgemacht. Dieses erlaube es nur anerkannten Kur- und Erholungsorten, Abgaben zu erheben. Rat: „Diesen Wettbewerbsnachteil ... gilt es auszugleichen.“ Alle Kommunen sollten so Geld einnehmen können. Möglich etwa über Prädikate wie „Anerkannter Tourismusort“ oder „Anerkannte Tourismusregion“.

Tourismus vor Ort brauche mehr Geld. Möglich wären auch eine „Marketingumlage“ oder eine „Bettensteuer“. Ein Freiwilligenmodell werde bevorzugt.

Auto-Verkehr als „Hemmnis“: Seit 1990 seien in MV knapp sieben Milliarden Euro in touristische Infrastruktur investiert worden, davon 2,5 Milliarden Förderung. Trotzdem seien kaum saisonausgleichende Projekte gelungen, urteilt DWIF. Künftig sollte es mehr „Mut zur Konzentration“ geben.

Verkehrsproblem: Nur sieben Prozent der Touristen kämen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach MV (Bund: 14 Prozent). Das Auto sei aufgrund fehlender Alternativen mit Abstand Nummer eins (Folge:

verstopfte Straßen), stelle aber „ein Entwicklungshemmnis dar“. Es müsse mehr und bessere Zug- und Busverbindungen geben – überregional wie lokal. Vorschlag sind fünf Modellregionen: Fischland-Darß, Usedom, Rügen, Mecklenburgische Ostseeküste, Seenplatte. Auch das Radwegenetz müsse verbessert werden. „Dem Land droht, die gute Wettbewerbsposition an die Konkurrenz zu verlieren“, urteilen die Gutachter. Zuständig auch hier: das Verkehrsministerium, das mehr koordinierende Aufgaben übernehmen sollte.

Wirtschaftsminister am Zug: Für die Umsetzung einzelner Punkte benennt DWIF Regierung, Landesmarketing, Tourismusverband, Industrie- und Handelskammern als zuständig. Nur ein gemeinsames Agieren werde den Tourismus im Land in der Erfolgsspur halten. Dem Wirtschaftsministerium, zuständig für Tourismus, sollte die zentrale Rolle zukommen. DWIF regt die Bildung eines Umsetzungsmanagements an – als „übergeordnete, moderierende und koordinierende Aufgabe“. Glawe stimmt zu: Ziele seien eine Steigerung der Wertschöpfung und mehr Qualität bei Angeboten (siehe Interview). Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) dagegen will sich noch nicht zu den Forderungen äußern. Tobias Woitendorf, Tourismusverband MV, erklärt: Bei der Erstellung des Konzeptes seien auch Branchenvertreter involviert gewesen. „Die Erwartungen an ein konzeptionelles, zukunftsweisendes Papier sind hoch.“ Die Umsetzung müsse schnell erfolgen.

Zahlen und Fakten

7,75 Milliarden Euro lassen Touristen pro Jahr in MV. Zwei Drittel kommen aus Deutschland, 25 Prozent von Menschen aus MV, die hier auch Urlaub machen, nur 2,5 Prozent durch ausländische Gäste.

4,1 Milliarden Euro jährlich steuert die Tourismuswirtschaft zur Wirtschaftsleistung des Landes bei – fast zwölf Prozent der Bruttowertschöpfung.

131300 Menschen sind in der Branche (inklusive Zulieferer) beschäftigt – 18 Prozent der Beschäftigten. Nach dem verarbeitenden Gewerbe und der Gesundheits- und Sozialwirtschaft rangiert die Tourismusbranche bei der Wertschöpfung auf Platz drei im Land. Über Jahre hätten Gastgeber die höchsten Gewinnmargen in Ostdeutschland gehabt. Die Gutachter urteilen: „Spielraum für Investitionen sollte vorhanden sein.“

30,3 Millionen Übernachtungen gab es 2016 landesweit in Hotels und Herbergen (ab 10 Betten). Gesamtzahlen von 2017 sind noch nicht veröffentlicht. Ende Oktober zeichnete sich ein Minus von 2,1 Prozent ab. Die meisten Besucher kommen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Brandenburg, international aus den Niederlanden, Schweden, Dänemark, der Schweiz und Österreich.

Stärkste Konkurrenten der MV-Tourismuswirtschaft sind Schleswig-Holstein, Polen und andere Ostseeanrainer. Derzeit laufe ein starker Umverteilungskampf innerhalb der Branche.

QUELLE: DWIF

Frank Pubantz

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